nadnoennas

Was wäre, wenn das alles wäre. Kapitel 5

Es sollte eine Ablenkung sein. Sonst würde Elli nur den ganzen Tag in ihrem Zimmer sitzen – ob mit Joyce oder ohne sie – und darauf warten, dass es Abend wurde. Darauf, dass ihre Eltern wieder zu Hause waren und einen günstigen Moment nach dem Abendessen abpassen, um ihnen zu sagen, was los war. Vermutlich wartete zumindest ihre Mutter schon darauf, dass sie es ansprach. Tagelang Trübsal blasen war keine von Ellis üblichen Angewohnheiten. Aber wie man für so etwas einen geeigneten Augenblick erkennen sollte, wusste Elli auch nicht. Statt also darauf zu warten, ließ sie sich lieber ablenken. Sie hatte lange im Bett gelegen, ihrem eigenen, mit Joyce neben sich, etwas zu Essen hinunter gewürgt und begleitete die Freundinnen in die Nachbarstadt zum Shopping. Übermäßig Taschengeld hatte keine von ihnen übrig, die Ferien waren immerhin schon zur Hälfte vorbei. Aber Klamotten begutachten, alles mögliche anprobieren, das ging auch ohne ein paar Scheine im Portemonnaie. Sie schlenderten die Fußgängerzone entlang, ließen sich von ein paar Schaufenstern dazu inspirieren sich den Laden zu merken. Anna ging immer so vor, also folgte der Rest. Erst einmal gingen sie einmal die ganze Straße entlang. So weit war das nicht. Dann drehten sie um, möglichst bewaffnet mit ein paar sehr zuckerhaltigen Getränken, und betraten all die Läden, auf die sie gerade Lust hatten oder in deren Schaufenstern ihnen beim ersten Durchgang etwas hübsches ins Auge gefallen war. Elli hing gerade an einem Schuhgeschäft fest. Das war normal, das fiel ihr leichter als gedacht. Aber obwohl da hübsche Stiefeletten standen, würde sie die bei dieser Hitze kaum anprobieren, es sei denn, der Laden war klimatisiert. Ceyda hakte sich bei ihr unter und deutete nach vorn auf Anna, die lange Schritte machte. „Merk‘s dir.“ Sie zwinkerte und zog Elli weiter. Joyce blieb Anna dicht auf den Fersen. Es war das erste Mal seit ihrem Zusammenbruch im Klo der Eisdiele, dass Elli nicht an ihrer Seite hing. Elli musste unter viel Kraftaufwand den Drang unterdrücken ihr nach zu laufen, um bei ihr zu sein, an ihrem Rockzipfel zu hängen wie ein Kind an seiner Mutter. Joyce war die einzige, die Bescheid wusste. Dennis zählte gerade nicht. Dennis versuchte sie mit ähnlich viel kraftaufwand aus ihremn Gedanken zu verdrängen. Beides war schwierig, aber es würde noch viel schwieriger werden, wenn jetzt alles raus käme. Wie ein Geheimnis, das sich vertuschen lässt, ein Fehler, der nicht gemacht wurde, wenn es nur niemand hgeraus findet. Elli atmete durch. Ceyda lehnte kurz ihren Kopf auf Ellis Schulter. So etwas tat sie schon mal, das musste nichts bedeuten, trotzdem tat das gerade extrem gut. Sie blienzelte zu dem Schugeschäft zurück, doch nicht der Schuhe wegen, nur um etwas zu tun zu haben, das keine Reaktion auf Ceydas Anhänglichkeit war. Joyce hätte sie das zurückgeben können, aber Ceyda wusste nicht Bescheid. „Oh, Kleider. Hier.“ Ceyda deutete zu ihrer Linken, zog Elli aber schon weiter, bevor die richtig hatte gucken können, was den Ausspruch verursacht hatte. Ceyda kicherte. „Für die Hochzeit.“ Ah, die Hochzeit ihrer Cousine. Sie würde hier kein Kleid kaufen, natürlich nicht. Aber ihrem Vater sagen, dass es hier welche gab und die Hand aufhalten. Für die Familie war immer ein neues Kleid drin, das man einmal anzog und dann nie wieder. Trotzdem behielt Ceyda die meisten eine ganze Weile. Für die kleinere Schwester, wenn sie alt und groß genug war. „Oh, komm schon.“ Sie legte einen Zahn zu, ohne dabei ins Traben zu geraten. Anna und Joyce waren schon fast hundert Meter weiter gelaufen. „Hey, wartet!“

Immer wieder erwischte Elli sich dabei, wie sie abdriftete. Bestimmte Gedanken waren es nicht, einfach eine unbestimmte Abwesenheit. Sie konnte sich nicht voll auf das konzentrieren, was um sie herum ablief. Die Freundinnen bildeten einen Wall um sie herum und zwischen ihr und dem Rest der Welt und irgendwie sogar zwischen ihr und ihrem eigenen bauch. Zwishcen ihr und dem grau-schwarz-weißen Bild, das das Innere ihres Bauchs gezeigt hatte. Alle drei von ihren Freundinnen sahen sie an und Elli bemerkte die Blicke. Doch was sollte sie tun, sie war hier und heute dabei, um eben nichts zu tun, bis sie mit ihren Eltern gesprochen hatte. Anna gab das Kommando nach der ersten Schaufensterrunde an Joyce, mit einem ungeduldigen Handwedeln in die Mitte der Fußgängerzone. Joyce streckte ihr im gegenzug die Zunge heraus und marschierte zielsicher auf einen Laden zu, der nur das Billigste vom Billigsten anbot, dafür aber wirklich alles. Sie war kaum durch die Tür, da hatte sie schon eine Spardose in der Form einer Katze in der hand und grinste Anna an. „Hier beginnen wir also. Halten wir die Kohle zusammen, und stecken sie hier hinein!“ Ihre Stimme war würdevoll, aber sehr laut. „Miau.“ Anna kicherte. Damit hatte Joyce wieder gut gemacht, was auch immer sie auf dem Weg hier her verbockt hatte. Elli fragte sich, ob es die Tatsache gewesen war, dass sie nicht erzählt hatte, was los war. Sobald der gedanke in ihrem Kopf beendet war, schämte sie sich dafür. Anna und Ceyda fragten so bald nicht. Irgenbdwann würden sie das sicher tun, nach ein paar Tagen vielleicht, aber jetzt ging es ihnen nur darum, für Elli da zu sein, ohne darauf zu bestehen mehr zu erfahren. So waren Freundinnen eben. Und nur weil Dennis gerade nicht für sie da war, musste das nicht bedeutet, dass ihre freundinnen genauso reagierten. Sie ging an Joyce vorbei, lächelte vorsichtig und meinte es ehrlich, obwohl es sich in ihrem Gesicht unter der Sonnenbrille wie aufgesetzt anfühlte. Sie war lange nicht mehr so müde wie gestern, aber müde genug. Udn aufgekratzt genug. Di einzelnen Gittertische waren bis über den Rand gefüllt mit nichtsnutzigem Kram. Plüschtiere, Spielzeuge, Dekorationen quollen aus ihnen heraus, purzelten in ihre Nachbarn hinein und vermischten sich doch zu einem bunten billigen Brei. „Sind das Tangas?“ Ceyda lachte Elli an. „Sieht so aus.“ Elli ging weiter den Gang entlang, nicht einmal breit genug, damit zwei Einkaufswagen aneinander vorbei kamen ohne dass einer ausweichen musste. Hier ging es nur in eine Richtung. Zur Kasse. Das Linoleum quietschte unter ihrer aller Sohlen. Flip Flop unter Ellis Füßen. Bei so einer Hitze trug sie keine anderen Schuhe, wenn es nicht unbedingt sein musste. Die Klimaanlage blies ihr kalt in den Nacken, dann auf den Scheitel, sie blies quer durch den ganzen langen Laden, der von der Straße aus so klein und niedlich aussah, aber tief in das Gebäude hinein ging. Anna deutete auf Bilderrahmen, Joyce war schon bei einer Wand, die über und über mit Stiften behangen war. Ceyda drückte sich an Elli vorbei, um daneben in einem Berg auf Bastelpapier zu verschwinden. Sie tauchten alle eine Weile nicht in Ellis Aufmerksamkeit auf. Diese Aufmerksamkeit war von den Postkarten gefangen genommen worden. Glückwunschkarten, zum Geburtstag, für jedes Alter in Fünferschritten, zum Schulabschluss, zur Heirat und zur Geburt. Kleine Füße, rosa, blau, quietschbunt. Als sie wieder halbwegs normal atmen konnte, trat sie näher heran und betrachtete sie genauer. Eine in die Hand zu nehmen traute sie sich nicht. Tief in ihr drin fühlte es sich nicht so an als hätten diese Karten, diese Glückwünsche irgendetwas mit ihr zu tun. „Max hat Geburtstag, oder?“ Wie immer hatte Anna so etwas auf dem Schirm. Elli dagegen musste erst einmal darüber nachdenken, von welchem Max sie jetzt sprach. Es gab zwei in ihrer Jahrgangsstufe, einer davon hatte letztes Jahr schon in den Sommerferien eine Feier veranstaltet. Ja, das war vermutlich sein Geburtstag gewesen. Aus ihrer kleinen Clique heraus schenkten sie Dinge gemeinsam und alle mussten sich nicht darum kümmern, deswegen war sie sich nicht ganz sicher. Trotzdem nickte sie. „Glaube schon.“ „Sollen wir ihm sowas kaufen? Die sind niedlich.“ Anna zeigte auf eine Glückwunschkarte, auf der „Happy Birthday“ stand und „Iiii-Aaaaa“ und das Foto eines Esels zu sehen war. Hinter ihnen lachte Ceyda. Sie zeigte mit der gleichen Bewegung wie Anna auf eine Karte. Eine glitzernde mit einer Frau, die eher nackt als angezogen war, aber eben nicht ganz. Sie trug eine rote Weihnachtsmütze und ein Baströckchen aus Nadelzweigen. „Boah, das muss doch unangenehm sein. Aber die passt besser zu Max als der Esel.“ „Es ist Juli“, schnappte Anna. Ceyda grinste nur. „Eben. Max spinnt.“ Sie nahm die Karte an sich und marschierte den Gang hinunter.

Kurz vor der Kasse hatte sie sich umentschieden und legte die Karte in ein Gitter voller Kram, zu deren Kauf die Kundschaft sich doch nicht hatte durchringen können. Stattdessen kaufte sie eine pinke Plastikblume für ein paar Cent und steckte sie Joyce in den Zopf. Anna hatte Papier unter dem Arm und Joyce einen glitzernden Stift zwischen den Zähnen. Elli verstaute eine Packung saures Weingummi in ihrem Rucksack. Sie liebte saures Weingummi. Ihr nächster Halt war ein Modegeschäft. „Ich brauche noch was für die Arbeit“, summte Anna, bevor sie hinein wirbelte und in einer Abteilung verschwand, in der Elli sich gar nicht umsehen musste. Wenn sie sich etwas zum Taschengeld dazuverdienen wollte, gab sie ein paar Grundschülern Nachhilfe oder half der alten Nachbarin im Garten. Dafür musste sie nichts bestimmtes anziehen. Klamotten, die halb schick waren, genug für die Kommunion ihrer Cousine im letzten Frühjahr, davon hatte sie eine Garnitur. Also ließ sie sich von Joyce die Rolltreppe hoch und in die Abteilung für Unterwäsche ziehen. Joyce sah immer spitze aus, auch in cremefarbenem Feinripp, aber sie mochte es meist extravaganter. Als erstes hatte sie sofort schwarze Spitze in der Hand, ihre Finger fuhren vorsichtig darüber hinweg, als wäre sie viel teurer als das in so einem Kaufhaus sein konnte. Wäsche von der Stange kostete kein Vermögen. Joyce hielt Elli einen BH vor die Nase. „Was sagst du?“ Das war nicht nur Spitze, sondern auch etwas, das wie Satin aussah, sich aber etwas rauer anfühlte. „Was ist das für ein Stoff?“ Joyce las mit zusammen gekniffenen Augen das Etikett. „Plastik.“ Das war ihre Umschreibung für Polyester. Sofort hing sie in wieder an den ihm angestammten Haken, mit spitzen Fingern. „Da!“ Sie eilte um eine Ecke, verlor dabei Ellis Hand aus ihrem Griff. Als Elli wieder zu ihr aufgeschlossen hatte, lagen über Joyce‘ Arm bereits mehrere Lagen Unterwäsche. Bodies, soweit Elli das beurteilen konnte. Sie selbst hatte sowas noch nie angehabt. „Sind die nicht unpraktisch?“ „Ne, die kann man unten öffnen.“ Joyce stockte, kicherte dann. „Ich meine zum pinkeln.“ Kurz musste auch Elli grinsen, bis ihr wieder einfiel, wozu Sex führen konnte. Sie rieb einmal über das Teil, das zuoberst lag. Diesmal fühlte sich das Material weich an, vielleicht zu warm für den Sommer, aber das störte Joyce nie. Wenn sie ein wirklich hübsches Teil fand, kaufte sie es auch in der völlig falschen Jahreszeit. Elli wunderte sich, dass die Sachen hier gerade zum Verkauf standen, bis sie die anderen Varianten sah. Ausgeschnittene Seitenteile, Netzeinsätze, alle Möglichkeiten von nicht-ganz-nackt wurden ausgeschöpft. Joyce legte eine sehr elegante Drehung samt Verbeugung hin und verschwand winkend in einer Umkleidekabine.