Was wäre, wenn das alles wäre. Kapitel 10
Als sie die Beratungsstelle verließen, war niemand mehr auf der Straße, der ein Schild in der Hand hielt oder betete. Elli machte dazu innerlich drei Kreuze. Joyce hingegen machte ihrem Ärger lautstark Luft. Dann machte sie ihrer Erleichterung lautstark Luft. Miriam Jakobs war lange nicht so cool wie Jenni gewesen, aber freundlich genug, um sich darüber zu freuen. Oder der Rest war bisher beschissen genug gelaufen, um sich jetzt schon über das Mindestmaß an Respekt zu freuen. Es roch schon wieder nach Gewitter. Ein Vorbote von nassem heißen Asphalt und Ellis feuchten Augen. Sie hatte das ganze Gespräch über nicht geweint, obwohl sie die ganze Zeit das Bedürfnis danach gehabt hatte. Sie bemerkte Joyce‘ Blicke aus dem Augenwinkel und fühlte sich von ihnen abgelenkt. All die Möglichkeiten und Hilfen schwirrten ihr im Kopf herum. Mit einer Hand knetete sie den gefalteten Zettel in ihrer Hosentasche. Darauf war die sehr kurze Liste von Ärztinnen und Ärzten, die eine Schwangerschaft abbrechen würden. Woanders brauchte sie es gar nicht erst zu versuchen. Der Rest Papier war in ihrem Rucksack. Broschüren für junge Eltern, Teenager-Eltern, Finanzhilfen, Informationen von Jugendamt und Tagesmütternetzwerken, Familienhebammen. Der Stapel Papier war einen Zentimeter dick. Er wog schwer. Es war zu viel für die Hosentasche. Der Beratungsschein war auch dabei. Der Wisch, der ihr überhaupt die Wahl gab. Joyce hatte auf dem Weg aufgehört sie zu beobachten und tippte auf ihrem Smartphone herum. „Der Bus kommt in einer halben Stunde. Wie wär‘s mit Eiskaffee? Elli nickte und sah sich um. Direkt gegenüber vom Busbahnhof war eine Eisdiele voller Menschen und Wespen. Für einen Augenblick dachte sie, Joyce‘ Mund stände offen, aber sie sagte nichts und als sie genauer hinsah, war er doch geschlossen. Sie setzten sich draußen unter einen gewaltigen blauen Sonnenschirm an einen winzigen Tisch mit vier Aluminiumstühlen, obwohl an den Tisch nie im Leben vier Personen passten. Joyce nahm sich eins der doppelten Kissen und legte es auf ihres, bevor sie sich setzte. Im Gegensatz zu Joyce, die genau wusste, was sie wollte – der Vorschlag war keine Metapher gewesen -, schnappte Elli sich die Speisekarte. Es gab auch Kuchen. Aber wer aß schon Kuchen in einer Eisdiele in der Innenstadt bei gefühlten dreißig Grad. Sie unterhielten sich nicht, sahen sich nur hin und wieder an und versuchten die Stimmung mit vorsichtigem Lächeln anzuheben. Wahrscheinlich sollte die Stimmung in so einer Situation einfach nicht besonders gut sein. Aber das Gegenteil half auch nicht, also versuchten sie es wenigstens. Als die Bedienung nach ihrer Bestellung fragte, nannte Joyce einen Eiskaffee und Elli eine Eisschokolade. Sobald sie wieder allein waren, sagte Joyce: „Okay. Ich dachte, du hättest dich schon entschieden.“ Elli verstand nicht, was die meinte. „Wofür?“ „Na, dagegen.“ Joyce deutete auf ihren Bauch. „Aber du hast keinen Kaffee bestellt.“ Elli feuchtete ihre Lippen an. Sie blieben trocken. Sie fragte sich, ob sie dehydrierte. „Ich hab keine Lust auf Kaffee.“ Und nach einer Schrecksekunde, weil das nicht die Antwort war: „Ich habe noch ein paar Tage, um mich zu entscheiden.“ Sie wusste wirklich nicht, wie sie das entscheiden sollte, oder wie sie eine Entscheidung begründen sollte. Vor sich selbst, nicht vor anderen. Aber wahrscheinlich fragten ihre Eltern auch nach Gründen. Und Dennis wollte hoffentlich auch noch darüber reden. Sie hätte ihn heute gern dabei gehabt, hätte gern seine Meinung gehört zu den tausend Dingen, die man ihr gesagt hatte. Es gab einfach keine Kriterien, die für sie Sinn ergaben. Wieso bekam man ein Kind? Wieso zog man ein Kind auf? Wieso tat man das alles nicht? Nein, Elli hatte keine Ahnung. Sie hatte nur ein Gefühl. „Kannst du dir das vorstellen? Dass ich ein…?“ Aber sie brach den Satz ab, als sich ein älteres Pärchen an den Nachbartisch setzte. Den Rest des Satzes schluckte sie runter. Ihre Kehle war genauso trocken wie ihre Lippen. „Naja.“ Natürlich hatte Joyce die Frage gehört, die Elli nicht ganz ausgesprochen hatte. Für so etwas hatte man eben eine beste Freundin. „Auch nicht weniger als bei mir. Oder bei allen anderen halt. Ceyda, Anna.“ Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Das untere Kissen verrutschte dabei, aber das störte sie augenscheinlich nicht. Elli beugte sich vor, stütze den Ellbogen auf die Tischplatte und das Kinn auf die Handfläche. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie reagieren.“ Ceyda und Anna. Sie standen sich ziemlich nah. Sie waren die Vierer-Clique. „Konntest du das bei mir, als du es mir erzählt hast?“ Elli stutzte. Grinste dann. „Hab nicht drüber nachgedacht.“ Sie hatt fest damit gerechnet, dass Joyce das Grinsen erwidert. Einfach wegen der Feststellung, dass sie eben Ellis engster, liebster Mensch war. Dass nichts über diese Verbindung kam. Aber Joyce sah anders aus. Ihre Augen feucht und ihre Lippen fest verschlossen. Elli erschrak. „Was ist los?“ „‘tschuldigung.“ Jetzt kicherte Joyce doch. „Ich hab dich scheiße lieb, weißt du.“ „Einmal Eiskaffee?“ Die Bedienung tauchte wesentlich schneller wieder auf, als sie mit ihr gerechnet hatten. Nicht, dass bei einer von ihnen gerade für irgendetwas anderes als sie selbst Platz im Kopf gewesen wäre. Deswegen zuckte Joyce und Elli rutschte auf ihrem Stuhl ein Stück nach vorne. Was die Bedienung als Zeichen verstand und das hohe Glas mit Strohhalm und Löffel vor ihr abstellte. „Und eine Eisschokolade.“ Die stellte sie vor Joyce ab. Zwischen den Getränken war fast kein Unterschied erkennbar. Die Schokolade war vielleicht eine Winzigkeit dunkler als der Kaffee. Die Freundinnen sahen sich an und brachen in Gelächter aus. Die Bedienung zog beide Augenbrauhen nach oben, schüttelte den Kopf und verschwand ohne einen Kommentar im Innern der Eisdiele. „Verdammt, die denkt doch, wir lachen über sie!“ Elli wollte wirklich nicht, dass sich ihretwegen jemand schlecht fühlte. Trotzdem blieb das Lachen in ihren Augen stehen. Joyce wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, dann tauschte sie die Gläser auf dem Tisch. Sie machte noch eine wirre Handbewegung in Richtung der Frau, die sie bedient hatte, erklärte das Fuchteln aber nicht. Stattdessen beugte sie sich vor und schlürfte ein paar Schlucke Eiskaffee durch den Strohhalm. Als sie losließ, tropfte ihr Eis in den Schoß. „Man, ey, das war so klar.“ Sie schnappte sich eine der Papierservietten und rieb auf ihren Shorts herum. „Geht‘s?“ Sehen konnte Elli von ihrem Platz gegenüber aus nicht wirklich etwas. „Ist doch scheißegal.“ Joyce warf das zerknüllte Papier unmotiviert zwischen ihnen auf den Tisch und spielte mit dem Strohhalm herum. Fast als würde es darauf anlegen, sich noch mehr einzusauen. „Ich hab dich lieb.“ Das kam ohne große Absicht aus Ellis Mund. Es musste gesagt werden, so einfach war das manchmal. Joyce‘ Ausdruck wurde wieder halbwegs normal. Sie ließ den Strohhalm sogar los. Dieses Herumgefummel war für sie gar nicht üblich. Aber üblich war ja gerade gar nichts. Joyce nickte. „Ich hab drüber nachgedacht, was ich machen würde.“ Daran wiederum hatte Elli keine Sekunde gedacht. Sich nicht gefragt, was andere machen würden. Obwohl Oma Elfie doch erzählt hatte, dass sie das kannte, so als würde das ständig passieren. „Und?“ „Ich würd‘s nicht bekommen.“ Das kam ganz schnell. Elli sah auf ihre Eisschokolade und trank endlich davon. Sie hatten schließlich nicht ewig Zeit bis ihr Bus kam. Und so oft kam der nicht. „Warum nicht?“, brachte sie schließlich heraus. Joyce hob eine Achsel, ganz kurz nur. „Einfach, weil ich keins will? Also, so gar nicht. Ich kann mir das nicht mal für später vorstellen, ich…“ Sie brach ab und schlürfte gut die Hälfte des Kaffees in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit durch den Strohhalm. Elli sah sie nur an und wartete darauf, dass sie weitersprach oder zumindest sagte, dass sie das nicht tun würde. Irgendetwas. Weil nichts zu sagen einfach nicht weiterhalf. Joyce schluckte ein paar Mal. Am Ende vermutlich trocken. Dann seufzte sie. „Ich hätte mein Leben einfach gern für mich.“ Jetzt schluckte Elli auch. Und schlürfte ihren Kakao. Das war eine sehr gute Methode Zeit zu schinden. „Willst du irgendwann Kinder?“ Joyce war anzusehen, wie absurd sie sich dabei vorkam diese Frage zu stellen. Es war klar, dass sie nach der bloßen Idee fragte und nicht nach der Situation, in der Elli jetzt gerade war. Aber die konnte sich auf den Gedanken überhaupt nicht einlassen. „Ich dachte nur, ich wäre lange mit Dennis zusammen.“ Für immer vielleicht. „Aber weiter… . Ich dachte einfach, das passiert nicht. Wir haben aufgepasst.“ Joyce nickte. Sie waren vielleicht fünfzehn und der Sexualkundeunterricht an ihrer Schule war genauso ein Witz wie an allen anderen Schulen, aber sie waren keine kompletten Vollidioten. Und sie redeten über solche Dinge. „Ihr seid noch zusammen, oder?“ Elli starrte die hellgelbe Eiskugel an, wie sie in den Rest Kakao hineinschmolz. „Er will das nicht.“ Das. „Vielleicht, wenn ich…“ „Das ist deine Entscheidung“, fiel Joyce ihr sehr barsch ins Wort. Ihre Stimme war so laut geworden, dass sich ein paar Gäste zu ihr herumdrehten. Statt peinlich berührt auzusehen, pfiff sie kurz noch ein bisschen lauter. „Huch, ich bin wieder interessant“, und sprach erst danach leiser. Was sie sagte, klang wie nebenbei. „Klar, wenn du es haben willst, ist es auch seins und dann kann er mitreden, ja? Aber vorher ist das erstmal dein Ding, oder? Ich mach ihm jedenfalls die Hölle heiß, wenn er weiter so ein Arsch ist.“ Trotz des Tonfalls befand Elli das für eine eins a Drohung. Sie wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Joyce schob sich eine halbe Eiskugel in den Mund und schmatzte. „Und heiß ist das Stichwort, eh.“ Sie hob eine Hand mit der Absicht, jemand sollte bemerken, dass sie zahlen wollten.
Als sie das erledigt hatte und Ellis müde aufkommenden Protest abwinkt – die hatte genug im Kopf, da musste nicht noch eine lächerliche Rechnung oben drauf -, schafften sie es gerade noch so in den Bus, der bereits die vordere Tür geschlossen hatte, um abzufahren. Joyce schritt erhobenen Hauptes von der hinteren Tür aus nach vorn zum Busfahrer, um ihre Ferientickets zu zeigen und den Mann sehr abwertend von oben bis unten zu mustern. Elli setzte sich währenddessen schon einmal. Wie sie frei war, nahm sie die hinterste Reihe. Fünf Plätze brauchten sie nicht, aber so konnte sie die Beine halb auf dem Sitz neben sich ausstrecken. Und ganz nebenbei musste sie so nicht einmal Joyce gegenüber sitzen und ihren Gesichtsausdruck deuten. Sie konnte ohne es erklären zu müssen aus dem Fenster starren und die ganze Fahrt darüber nachdenken, ob sie das Richtige tat in dieser komplett falschen Situation. Selbstverständlich erwartete Joyce weder eine Erklärung, noch irgendetwas anderes. Sie kraulte einfach Ellis Schienbein während das Draußen von Stadt zu Land wurde.
Ihr Ort sah anders aus unter den vielen neuen Gedanken. Nach ein paar Minuten hatte Joyce ihre Streicheleinheiten eingestellt und ihre Hand unter Ellis Wade geschoben. So unaufdringlich nah. Elli wollte eigentlich nicht aussteigen. Sie saß gerade so gut, den Rücken an die Scheibe gelehnt, einen Luftzug im Nacken von dem gekippten Fenster am Vierersitz vor ihnen. Doch der Bus hielt am Busbahnhof. Es war keine Endhaltestelle, und wenn sie sitzen blieben, würden sie weiterfahren. Eigentlich war es egal. Sie hatten Tickets, die für den gesamten Verkehrsverbund galten, und sie hatten keine Verpflichtungen, keine Verabredungen, keine Termine und niemanden, der sie deswegen ausfragen würde. Joyce stand schon halb, aber Elli blieb sitzen und hielt sich die Hand vor den Mund, um die Geräusch drin zu behalten. Joyce setzte sich wieder hin, näher diesmal, rutschte an Elli heran und nahm ihre Beine auf den Schoß. „Was ist?“ Der Busfahrer sah in den Rückspiegel, zuckte die Schultern, drückte auf den Knopf, der die Türen schloss, den Bus in die Horizontale kippte. Dann fuhr er weiter. Hinten ihnen hupte ein Auto. Joyce wusste natürlich, was ist. Aber sie fragte nicht nach dem großen Ganzen, sondern nach dem konkreten Kleinen. Und sie machte keinen Druck, der Bus fuhr ja ohnehin schon weiter. Von den nächsten paar Haltestellen konnten sie immer noch bequem laufen. Sogar die Hitze ließ nach. Elli hatte Schweiß im Rücken und Tränen im Gesicht, die Hand immer noch vor dem Mund. Die musste da weg, also nahm sie sie runter. „Ich glaub, ich will es behalten.“ Ziemlich sicher sogar. Egal, was das bedeutete. Alles andere konnte sie sich noch weniger vorstellen. Etwas ganz bewusst und mit Absicht dagegen zu tun vielleicht. Sie war ja nicht mit Absicht schwanger geworden. Oder vielleicht einfach, weil es von Dennis war und sie ihn liebte, auch wenn er das anders sah. Womöglich war sie komplett frei in ihrer Entscheidung, weil beides ihr Leben änderte. Ein Kind bekommen. Kein Kind bekommen. Ein Kind weggeben. Wenn Elli alles ausblendete, die Augen schloss und nur in sich hineinhorchte. Kein Dennis, keine Schule, keine Joyce, keine Eisdiele, keine Familie, nicht einmal ihr kleiner Bruder Steven. Dann war da etwas und sie wollte es nicht wegmachen lassen. Elli hatte sich echt nicht gewünscht, dass das passiert und alles würde jetzt immer nur noch schwieriger werden, aber weg sollte es jetzt auch nicht mehr. „Sicher?“ „Ja. Denk schon.“