Was wäre, wenn das alles wäre. Kapitel 13
Auf dem Weg zu Schuberts merkte sie noch nichts. Sie merkte ohnehin nicht viel Veränderung. Außer dass ihre Mutter noch geschäftiger wirkte als sonst, die liebevollen Blicke ihres Vaters, die sie jetzt öfter bekam. Und dass ihre Monatsblutung nach wie vor ausblieb. In den zwei verbliebenen Wochen der Sommerferien hatte die Hitze weiter nachgelassen. Elli trug Sneaker, kein Flip Flop mehr auf dem Asphalt. Ihr Rucksack war schwerer heute, ein Collegeblock und die Stiftemappe darin. Eine Flasche Wasser und ein dünner Pulli, den ihre Mutter ihr aufgezwungen hatte. So etwas hatte sie schon lange nicht mehr getan, sich laut gesorgt, dass es zu kalt sein könnte für die Klamotten, die Elli trug. Am Körper hatte sie sonst nur T-Shirt und Caprihose. Shorts wollte sie in der Schule nicht tragen. Man saß zu lange herum, die Haut klebte fest, sie mochte das nicht. Im Park ging das. Im Unterricht saß sie zu lange still. Es war keine Wolke am Himmel und sie war fast fünfzehn Minuten zu früh. Es wären mehr geworden, aber eine Weile hatte Elli sich damit ablenken können aus dem Fenster zu sehen und nach den Nachbarskindern zu suchen, deren Geräusche sie den ganzen Sommer über gehört hatte. Vor dem Test hatte sie sich nicht für sie interessiert. Jetzt waren sie wichtig. Der Baum vor dem Haus der Schuberts hatte dicke Blätter bekommen, leuchtend grün. Elli wusste gar nicht, was das für eine Art war. Sie legte den Kopf weit in den Nacken zurück, sah hinauf, betrachtete Blätter und Äste genau, dann die Rinde, aber sie hatte von Pflanzen einfach keine Ahnung. Reste von vertrockneten Rosenblüten lagen auf einer Seite der Pflastersteine, die den Weg zur Tür wiesen. Darüber Dornen und Rosen in einer Farbe irgendwo zwischen weiß und hellem orange. Beige traf es nicht. Auch von Farben hatte sie wenig Ahnung. Sie saugte auf, was die Schuberts so von sich gaben, war interessiert, aber es war nicht zu ihrem geworden. Die Gitarre hatte sie in den letzten Wochen nicht einmal angesehen. Sie drückte auf die Klingel. Es passierte nichts. Kein Ton, keine Vibration, gar nichts. Elli grinste und klopfte an die Tür. Keine Reaktion. Sie klopfte an das Fenster daneben. Nichts. Einmal um das Haus herum, durch das Gartentor, das mehr Dekoration war, als dass es jemanden abhalten sollte, und hinten durch die offene Terrassentür ins Haus. Sie kam an dem Walnussbaum vorbei, von dem sie wusste, was er war. Kaum drinnen, rief sie „Hallo?“ „Ja?“ Es knackte, knarzte, dann knallte eine Tür. „Huch!“ Dann schwang die nächste auf, die zu Elli hin. Manuele, mit einem Turban aus großem knallroten Handtuch auf dem Kopf, erwiderte ihre Grinsen. „Morgen, Elli! Schon so spät?“ „Nein, bin zu früh.“ „Willst du Kaffee?“ Manuele fiel einiges aus dem Gesicht. „Oh. Ich meine, ich hab auch koffeinfrei. Irgendwo.“ Elli war sich sicher, dass Manuele diesen Kaffee heute nicht mehr finden würde, zumindest nicht vor Schulbeginn. Aber sie wusste die Geste zu schätzen. Etwas zu schätzen wissen auf die Art, das war auch neu. „Danke. Ich hole mir Wasser und geh hoch.“ „Gut, Süße. Sonst alles in Ordnung?“ Sie hatte kein Mitleid im Gesicht, nur Zuneigung. Elli liebte das. Sie wäre ihr am liebsten in die Arme gefallen, riss sich aber zusammen. „Geht so.“ „Schon klar.“ Manuele schubste sich den Turban vom Kopf und ein Schwall schwarzer Haare kippte hinterher. Schon halb trocken. „Du, ich muss mich um diese Mähne kümmern, sonst kann ich sie gleich noch mal waschen.“ „Okay.“ Elli bekam noch einen Druck auf die Schultern, bevor Manuele durch die andere Tür wieder verschwand. Knarzende Treppe, dann nichts mehr. Irgendwo lief ein Radio. Elli holte sich Wasser am Waschbecken in der Küche und nahm das Glas mit rauf in Joyce‘ Zimmer. Es war leer. Sie trank das Glas halbleer, setzte sich auf den Drehstuhl am Schreibtisch, stellte ihr Glas ab und drehte sich langsam im Kreis. Nach zehn Runden oder mehr war ihr ein bisschen schlecht, also ließ sie es wieder sein. „Woah, erschreck mich zu Tode!“ Joyce stand im Türrahmen, einen ähnlichen Turban auf dem Kopf wie eben noch ihre Mutter, aber in lila – was sonst – und nicht ganz so fest. „Morgen.“ „Hey.“ Joyce behielt den Turban auf und warf sich aufs Bett, wo er einfach von ihrem Kopf rollte und feucht auf dem Kissen liegen blieb. „Bist du zu früh, weil irgendwas ist oder nur so?“ Elli überlegte einen Moment. „Beides?“ „Haha.“ Joyce reichte auf die andere Seite ihres Bettes hinüber und fischte ihren Rucksack hervor. „Block, Stift, reicht, oder? Irgendwas besonderes sonst?“ „Nicht, dass ich wüsste.“ Außer dass sie vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben der absolute Mittelpunkt der Schule war. Aber das war so gedacht, auch wenn sie heute nicht mehr sicher war, wie gut sie diese Idee fand. „Hast du es irgendwem gesagt?“ „Benni.“ Elli nickte. Benni war in ihrer Klasse und Joyce kannte ihn noch aus dem Kindergarten. Er gehörte zu keiner Clique richtig dazu, war aber auch kein Außenseiter, machte sein Ding und schien damit ganz zufrieden zu sein. Im Grunde war er Joyce ziemlich ähnlich. „Was hat er gesagt?“ „Er hat gefragt, wie es dir geht.“ „Mh.“ Das war wohl eine sehr nette Reaktion. „Ich glaube, er hat sofort kapiert, was das soll mit dem Rumerzählen.“ „Ja?“ Joyce ließ den Rucksack Rucksack sein, schwang sich auf den Hocker vor diesem großen alt aussehenden Spiegel und nickte ihrem Spiegelbild zu. Mit einer Hand fischte sie den Mascara aus einem Etui, mit der anderen ein Wattestäbchen aus seiner Verpackung. „Dafür wird heute umso härter, oder?“ Elli nickte ebenfalls Joyce‘ Spiegelbild zu. „Hast du noch mal mit Dennis geredet?“ Sie zog beide Augenbrauen nach oben und reckte das Kinn vor, den Mund ganz leicht geöffnet, als sie die Wimperntusche auftrug. Elli schüttelte den Kopf. „Ich hab ihn gestern angerufen, aber er ist nicht dran gegangen. Ich dachte, ich warne ihn vor, dass es vermutlich alle wissen.“ „Das hat er sicher schon mitgekriegt. Ich hab‘s Benni letzte Woche gesagt.“ „Oh?“ Sie hatten sich ständig gesehen und das hatte sie nicht erzählt. Joyce schien sich dessen bewusst zu sein. Sie hielt mitten im Schminken ihres zweiten Auges inne. „Ich war mir nicht sicher, ob du ständig ein Statusupdate willst. Darum geht es ja, oder? Dass du ein bisschen Ruhe kriegst, bevor es geballt kommt.“ Das ergab Sinn. Elli sah auf ihre Fingernägel. „Ja, und danach vor allem.“ „Soll ich dir die Nägel grad machen?“ Joyce‘ Fingernägel waren heute hellviolett. Elli sah dieses Mal an ihr vorbei und in dem Spiegel auf sich selbst. Sie sah ziemlich müde aus. „Nur was zum Abdecken.“ „Ist gar nicht so schlimm“, sagte Joyce, reichte Elli aber trotzdem einen Abdeckstift.
Als sie zusammen ins Erdgeschoss gingen, lief das Radio lauter und Manuele deutete singend auf zwei Holzbrettchen, auf denen Sandwiches mit Käse, Salat und Gurken lagen. Elli bedankte sich. Joyce stopfte sich erst kommentarlos die Hälfte von einem in den Rachen, küsste ihre Mutter dann aber auf die Wange, bevor sie das Haus verließen. Irgendetwas rief Manuele ihnen noch nach, aber die Tür brach den Satz nach dem ersten Laut ab. Elli drehte sich um, aber Joyce war schon weiter gegangen. Sie schulterten ihre Rucksäcke ganz, da waren sie schon vom Grundstück herunter, und verfielen in ihren üblichen Trott, nahmen den üblichen Weg und redeten ganz unüblich nicht darüber, wie seltsam es immer war, einige aus ihrer Klasse erst nach sechs Wochen absoluter Funkstille wiederzusehen. Dieses Schuljahr würde völlig anders werden und keine von ihnen hatte gerade den Nerv so tun als wüssten sie das nicht ganz genau. Sie machten ihre Schritte, setzten einen Fuß vor den anderen und hingen größtenteils ihren Gedanken nach. Elli hielt Manueles Sandwich lange in der Hand, bevor sie sich selbst zwang es zu essen. Es schmeckte großartig. Sie hatte nicht an Mayonnaise gespart. Danach waren ihre Finger fettig und ihre Mundwinkel süß. So kamen sie an der Schule an, an der sich rein von Außen betrachtet erst einmal nichts verändert hatte. Die Leute waren immer noch dieselben, ein paar Motorroller standen herum, ein paar Autos von älteren Schülern und Schülerinnen, aber vor allem vom Lehrerkollegium und wer noch so morgens da war. Hausmeister, die Mütter, die im Kiosk arbeiteten und in der Bücherei. Väter gab es quasi nicht, das schoss Elli gerade so durch den Kopf. Aber sie war abgelenkt von dem ersten Finger des Tages, der auf sie zeigte. Ein Mädchen, älter als sie. Elli kannte ihren Namen nicht und fragte sich, wie es sein konnte, dass es umgekehrt anders war. Ihr Instagram-Profil war privat. Aber das war der Plan gewesen, nicht wahr? Dass sie hier ankamen und das Gerücht schnell zur Wahrheit wurde, damit sie ihre Ruhe hatte. Joyce hakte sich demonstrativ bei ihr unter. Elli fragte sich, ob sie eine total bescheuerte Idee gehabt hatte. Aber vor der Eingangstreppe warteten auch Anna und Ceyda und sie alle begrüßten sich untereinander mit Wangenküssen und festen Umarmungen. Sie waren alle noch da und hatten alle mitgemacht und Elli spürte beim Reingehen nicht nur Joyce‘ Arm an ihrem, sondern auch Annas Hand im Rücken. So viel Halt an diesem Tag hatte sie gar nicht möglich gehalten und eigentlich auch nicht gedacht, dass es nötig wäre. Es war nötig. Sie hörte Stimmen und versuchte nicht auf die Worte zu achten. Ceyda lief neben ihnen her, obwohl zu viert nebeneinander herlaufen ziemlich unhöflich war. Elli fiel das auf, aber sie sagte nichts. Es wurde nur ein bisschen enger zwischen ihren Freundinnen, wie sie Schulter an Schulter erst durch das Foyer, dann über den Schulhof und durch das erste Treppenhaus gingen. Lange nicht alle bemerkten sie. Vor allem die Raucherecke zeigte Aufmerksamkeit. Die waren in der Oberstufe und alt genug, um zu verstehen, was Schwangerschaft wirklich bedeutete, vermutlich viel besser als Elli das selbst verstand. Die jüngeren Kinder bekamen gar nichts davon mit. Das Schaulaufen der Älteren war normal und dass getuschelt wurde, auch. Nur für Elli war es ein Spießrutenlauf. Die vier kamen vor ihrem Klassenzimmer an, früher als fast alle anderen. Nur ein Junge stand schon dort. „Hi.“ Benni hatte dunkle Locken und eine große Brille. Er war perfekt, um gemobbt zu werden, aber einfach viel zu cool dafür. Er war klug und witzig und zu glücklich irgendwie, kam mit allen zurecht. Joyce küsste ihn auf die Wange und Anna konnte man ansehen, dass sie sich zum soundsovielten Mal fragte, ob die nur Freunde waren oder mehr. Elli war da anders. Sie hatte Joyce mal einfach gefragt, eine klare Antwort bekommen und sich damit zufrieden gegeben. Da war nichts. Punkt. „Hi, Elli.“ Sie war ziemlich überrascht davon so direkt angesprochen zu werden. „Wie geht‘s dir?“ Sie sah auf seine Nasenspitze statt in seine Augen. „Hast du doch schon gefragt, oder?“ Er grinste. „Schon, aber ich hab nur ein Schulterzucken bekommen und fand das irgendwie unbefriedigend.“ Elli zuckte mit den Schultern. Da grinste Benni noch breiter. „Echt jetzt, mehr krieg ich nicht?“ Jetzt sah sie ihm doch in die Augen, musste auch grinsen, obwohl sich das so seltsam anfühlte. Er sah so freundlich aus. „Was willst du denn hören?“ „Ne ehrliche Antwort wäre total cool. Aber musst du nicht, ich dachte nur. Wenn ich was tun kann, sag‘s einfach.“ Joyce legte ihm den Arm um die Taille und küsste ihn noch einmal auf die Wange. „Willst du unser Bodyguard werden?“ „Nicht eurer, ihrer.“ Er deutete auf Elli und zwinkerte Ceyda zu. „Nichts für ungut, aber anderthalb sind mehr als genug.“ Da hörte Elli auf zu grinsen und starrte ihn nur fassungslos an. „Hast du das gerade echt gesagt?“ Joyce nahm ihr die Worte aus dem Mund. Sein Grinsen verschwand auch. „Tschuldigung. Unangebracht?“ Alle Blicke schienen auf Elli zu ruhen, aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein, weil Bennis Blick definitiv auf ihr ruhte und schon wieder eine Antwort verlangte, als wäre es sein Recht eine zu bekommen. Immerhin fragte mal jemand nach ihrer Meinung. „Nein, ist schon okay. Stimmt ja.“ Sein Grinsen blieb weg, aber er sah auch nicht vor den Kopf gestoßen aus. Das erste Klingeln unterbrach sie und ließ Elli zusammenfahren. „Einatmen, Süße.“ Elli atmete ein. Und wieder aus. Langsam. Ihr wurde schlecht. Aber ihr wurde öfter schlecht in den letzten Wochen und das musste nicht unbedingt an der Situation liegen. „Scheiße, was mach ich denn, wenn ich kotzen muss?“ „Rausrennen, wie jeder andere auch“, sagte Ceyda und Anna musste darüber lachen. Zur ihrer und der Parallelklasse strömte jugendliches Gequatsche, wie sie es kannten. Als es um die Ecke bog, wurde es leiser, verhaltener, da waren Hände vor Mündern. Bis sie bei ihnen angekommen waren, verstummten sie vollends. Das war noch nie passiert, solange Elli auf diese Schule ging. Vor den Klassenräumen wurde es normalerweise eher lauter, nach den Ferien ganz besonders. Es gab genug Themen, es gab genug Gesprächspartner. Aber die Grüppchen schwiegen, einzelne sahen sie an, andere fragend ihre Freunde und Freundinnen, aber niemand sagte mehr etwas. Die Stille dauerte Sekunden, vielleicht Minuten. Elli schwitzte. Ihre Freundinnen rührten sich nicht. Benni rührte sich auch nicht. Bis Schritte zu hören waren, die ohne Gespräch kamen. Frau Graf, ihre Klassenlehrerin, bog um die Ecke in ihren Flur, blieb stehen und starrte. Aber sie starrte nicht Elli an, sondern sie alle, dieses lebendige Wesen Schulklasse, das in diesem Moment ganz und gar nicht dynamisch wirkte. „Huch! Guten Morgen!“ Sie kam weiter auf sie zu, ihre Schritte langsam, ihr Blick unsicher. Beim ersten Schüler neigte sie sich herunter und sprach ihn an. „Ist irgendwas los?“ Aber der Junge blickte nur fragend zurück, entweder, weil er keine Ahnung hatte oder weil er es nicht sagen wollte. Frau Graf legte den Kopf schief, bohrte aber nicht weiter. Aus so einem Teenager bekam man vor anderen Teenagern nicht viel heraus, um das zu wissen, war die Pädagogin genug. Elli fand sie eigentlich ganz nett und fragte sich, ob sich das jetzt änderte, je nachdem wie die Reaktion ausfiel. Gerade Ceyda traf es als nächstes. „Kannst du mir sagen, was los ist?“ Das hätten sie voraussehen können, schließlich war Ceyda Klassensprecherin. Aber Ceyda sah Frau Graf vollkommen ausdruckslos in die Augen und schwieg eisern. Schweigen konnte sie verdammt gut, sie wollte nur meistens nicht. „Na gut.“ Frau Graf schloss die Tür auf und ging als erstes in den Klassenraum. Hinter ihr war der Strom an Schülerinnen und Schülern zäh. Sie tröpfelten in den Raum und setzten sich leise auf ihre alten Plätze, als hätten die Sommerferien nichts verändert. Gruppentische. Ceyda, Anna, Joyce und Elli saßen vorn links an den Fenstern. Neu war nur, dass Benni sich dazusetzte. Ausdruckslos, als wäre das logisch in dieser Situation. Frau Graf sah komplett hilflos aus, als sie die Arme ausbreitete. „Willkommen zurück.“ Sie ließ die Arme fallen und an ihren Seiten hängen. „Ich hatte ein paar halbwegs witzige Anekdoten aus meinem Urlaub und wollte euch fragen, wie eurer so war und das nächste Jahr besprechen, aber… die Luft hier ist so dick, dass ich euch kaum erkennen kann. Rückt jetzt mal irgendjemand mit der Sprache heraus?“ So hatte Elli sich das wirklich nicht vorgestellt. Vielleicht hätte sie vorher in der Schule anrufen sollen. Ihre Klassenlehrerin musste das erfahren, das war klar, aber doch nicht so, nicht vor allen. Die große Beichte war doch genau das, was sie hatte vermeiden wollen. „Benni vielleicht?“ Natürlich war ihr die einzige Veränderung aufgefallen. Dass Benni an einem anderen Tisch saß, sich bewusst genau dorthin gesetzt und nicht einfach den ersten freien Platz genommen hatte wie sonst. Er legte noch sein Stiftetui in Ruhe ab und lehnte sich zurück. „Tut mir leid, Frau Graf, aber das steht mir echt nicht zu. Ist nicht meine Sache.“ „Wessen Sache ist es denn?“ Benni sah weiter Frau Graf an, aber ohne sich umzusehen hätte Elli schwören können, dass jeder andere Blick aus der Klasse jetzt auf ihren Tisch gerichtet war. Sie sah auf die Kunststoffoberfläche. Keine Namenszüge mit Edding, keine Kaugummireste. Da war nichts zu gucken, nur graues glattes Ablenkungsmanöver. Das nicht funktionierte. „Joyce vielleicht?“ „Echt jetzt, wieso denn ich?“ Ihr Aufbrausen war so selbstverständlich, dass irgendjemand an einem der hinteren Tische lachte. Es war nicht normal, dass Elli nicht zuordnen konnte, wer das gewesen war. Aber ihr Kopf war beschäftigt mit anderen Dingen. Auswegen aus dieser Situation zum Beispiel. Es gab keine. Sie musste da durch. Bevor Joyce mehr sagen konnte, griff Elli nach ihrer Hand, erwischte nur das Handgelenk und packte trotzdem fest zu. „Ähm, ich denke, es geht um mich.“ Joyce löste Ellis Finger, um sie richtig in die Hand zu nehmen. Benni legte seine Hand so auf den Tisch, als wäre es ein Angebot. Dabei blieb er im Stuhl zurückgelehnt, die Beine weit unter den Tisch gestreckt, wartete. Alle warteten. Elli atmete tief ein. Dann wieder aus. Sie kriegte es nicht über die Lippen, hier in diesem Klassenzimmer voll mit Leuten in ihrem Alter, die alle nicht schwanger waren. „Die ist schwanger“, rief jemand von einem hinteren Tisch. Ein weiterer Ruf wurde erstickt, ob von ihm oder einem anderen, konnte Elli nicht sagen. Sie erkannte auch nicht, ob Noah oder Max gerufen hatte. Sie waren sich so ähnlich in ihren Stimmen. „Na, jetzt bestimmt nicht mehr.“ Das klang doch eher nach Noah. „Halt die Fresse.“ Das war Joyce. Sie hatte sich umgedreht und Noah mit ihrem Blick erdolcht. Frau Graf sah fast panisch zwischen Elli und diesem hinteren Gruppentisch hin und her. Ellis Schädel dröhnte. „Zur Hölle, ihr seid solche Idioten.“ Joyce spuckte die Worte auf den Tisch. „Ja, sie ist schwanger. Ja, sie bleibt es. Und jetzt Klappe zu, kümmert euch um euren eigenen Kram.“ Mit dem letzten Wort drehte sie sich mit viel Schwung wieder nach vorne. Der perfekte Abgang, ohne weg zu gehen. „Irgendwelche Fragen?“ Das richtete sie direkt an die Lehrerin und es duldete eindeutig kein Ja. Aber Frau Graf kannte Joyce gut und dass das jetzt Schutz war, keine wirkliche Drohung, oder vielleicht hatte sie einfach gerade absolut keine Nerven für ein Spiel. Sie nickte einfach. „Ich würde gern nach der Stunde mit euch sprechen. Euch beiden, wenn es geht.“ So höflich war wohl noch niemand vorgeladen worden. Aber Elli sagte weder Nein, noch kotzte sie auf den Tisch, also nickte Joyce auch und atmete durch. Frau Graf rieb sich über die Stirn und rollte mit den Augen, auf der Suche nach einem Gedanken. „Okay. Das ist… so hat ein Schuljahr für mich auch noch nicht begonnen. In Ordnung. Können wir… wir sprechen ein anderes Mal darüber. Ihr habt doch sicher in den Ferien noch etwas anderes gemacht als darüber zu reden, oder?“ Sie wirkte ernsthaft verzweifelt. Benni meldete sich sofort. Lächelnd deutete Frau Graf auf ihn. „Ich war mit meinem Cousin angeln.“ Anna prustete los. Ceyda fiel die Fassung aus dem Gesicht. „Ernsthaft, ja? Mit deinem… Cousin?“ „Ist ein cooler Typ.“ Benni verzog keine Miene. Elli sah ihn nur an. Joyce formte stumm mit den Lippen ein „Danke.“
Richtig konzentriert oder entspannt war niemand in der Klasse, jetzt, wo klar war, dass die Gerüchte stimmten. Ein wahrer Kern, den gab es oft, aber das spannende Drumherum war meistens nur Gerede, war Übertreibung, um sich selbst wichtig zu machen. Dass etwas einmal so unumwunden zutraf, war neu. Und dann war es gleich soetwas schwerwiegendes. Elli hörte angestrengt zu, was den anderen so in den Sommerferien passiert war. Das war einfacher als sich mit dem zu beschäftigen, was in ihr selbst ablief. Sie konnte sich schon wieder nicht vorstellen, wie es weitergehen sollte, hatte aber ziemlich viele Ängste dazu. Den organisatorischen Ankündigungen von Frau Graf hörte sie auch zu, aber alles schien in ein Ohr hineinzukriechen und aus dem anderen sofort wieder herauszufallen. Nichts blieb in ihrem Kopf. Sie würde sich alle Infos noch einmal von Joyce holen müssen. Da schob Benni ein Blatt zu ihr herüber. Halb hatte sie mit einem Kommentar zur Situation gerechnet. Aber es waren nur die drei wichtigen Stichpunkte, was sie zusätzlich zur Bücherliste noch besorgen sollte, wie viel Geld in die Klassenkasse kam und welche Termine anstanden, bevor die offizielle Terminliste es in den Mailverteiler geschafft hatte. Sie schrieb schnell ab und schob das Blatt zurück. Benni lächelte sie an. „Okay, wir machen zehn Minuten früher Schluss. Gewöhnt euch nicht dran, ja?“ Anna sah auf ihre Armbanduhr, Elli auf die Wanduhr neben dem Whiteboard. Es waren locker fünfzehn Minuten, die Frau Grad gerade eher Schluss machte. Aber sie wussten ja alle, warum, also trödelte auch niemand groß. Einundzwanzig Teenager verließen zügig die Klasse. Ohne irgendetwas mitzunehmen, ohne sich laut zu unterhalten. Nur Geflüster gab es, und Elli hoffte sehr, dass das alles war. Mit Geflüster konnte sie vielleicht umgehen, zumindest war sie bisher weder umgefallen noch hatte wirklich auf den Tisch gekotzt. Die Gruppe um sie herum blieb geschlossen sitzen. Anna aufmerksam und mit durchgedrücktem Rücken. Ceyda halb vorgebeugt, beide Arme auf dem Tisch ausgestreckt und mit einem Bleistift zwischen den Händen, der wie eine Speerspitze emporragte. Benni lümmelnd, als ginge ihn das alles nichts an. Und schließlich Joyce, Elli zugewandt wie der Bodyguard, zu dem sich eigentlich Benni erkoren hatte. Frau Graf nahm den freien Stuhl neben Benni, zog ihn ans andere Ende des Gruppentischs und setzte sich. Die Ellbogen stütze sie auf den Knien ab. „Also“, begann sie, sagte dann aber gefühlt eine halbe Minute lang nichts mehr. Auch alle anderen blieben still. „Elli“, setzte Frau Graf noch einmal an. „Elli, bist du schwanger?“ Elli stutzte. Das war eine Option, es einfach nicht zu glauben, es in Frage zu stellen? „Ähm, ja?“ Frau Graf atmete durch. Das konnte man nicht hören, aber sehr gut sehen. Sie richtete sich auf. „Okay.“ Das war ganz leise, dann lauter: „Okay.“ Sie sah in die Runde, jeden einzelnen von ihnen an. Benni zuletzt, er war neu in dieser Gruppe, aber von der Freundschaft zwischen ihm und Joyce wusste sie natürlich. Sie war schon das dritte Jahr in Folge ihre Klassenlehrerin. Solche Dinge wusste sie einfach. „Weißt du das schon lange?“ Joyce schnaubte und schüttelte gleichzeitig den Kopf. „Was?“, fragte Frau Graf. „Sie müssen es ihr nicht mehr ausreden, okay?“ „Das hatte ich nicht vor.“ Sie sah äußerst ernst aus. Oder vielleicht ehrlich. Elli hätte da jetzt keinen Unterschied machen können. „Ich versuche nur herauszufinden, was in den Sommerferien passiert ist.“ Elli sah zu Benni rüber, aber der rührte sich kein Stück. Sah sie nur an, wartete auf irgendetwas. Elli wusste nicht, auf was. Frau Graf folgte ihrem Blick und sagte „Oh.“ Benni kniff die Augenbrauen zusammen. „Ich glaube, Sie ziehen da gerade den falschen Schluss.“ „Ja?“ Frau Graf legte den Kopf schief, wieder in Ellis Richtung. „Du hast einen Freund gehabt, richtig?“ Elli verbarg ihr Gesicht in ihren Händen. ‚Gehabt‘ traf es in diesem Fall besser, als die Lehrerin sich denken konnte. Dennis hatte sich nicht wieder gemeldet und sie sich nicht bei ihm. Dabei mussten sie miteinander reden und beiden war das sicher klar. „Wenn wir in dem Tempo weitermachen, schaffen wir das aber nicht mehr vor der nächsten Stunde.“ Damit hatte Ceyda vollkommen recht, aber das änderte nichts an dem Problem, oder? Frau Graf wusste rein gar nichts, auch nicht, wo sie ansetzen sollte, um weiterzufragen, also eierten sie herum und Elli war es jetzt schon längst zu viel. „In Ordnung.“ Frau Graf sah das offensichtlich genauso. „Irgendwelche Vorschläge? Versteht mich nicht falsch, ich will euch nicht ausquetschen. Ich will nur helfen. Ich nehme mal an, Hilfe könnt ihr gebrauchen?“ Sie alle. Elli bemerkte, dass Frau Graf mit der Gruppe sprach und sich nicht nur auf sie fixierte und fand das toll. Sie war nicht allein. Ganz und gar nicht. Ceyda sah sie fragend an und Elli nickte nur. Sie erzählte bestimmt halbwegs sinnig, was los war, viel besser, als Elli es sich gerade zutraute. „Naja“, sagte Ceyda. „Elli ist schwanger, von Dennis. Dennis ist aber ein Arsch. Und sie hat sich entschieden, das Kind zu bekommen, also… da gibt es nichts mehr zu diskutieren oder so.“ Bei Dennis‘ Namen zuckte Elli zusammen, wie sie es momentan öfter tat. Frau Graf nickte. „Okay. Ich will auch nicht diskutieren. Der Buschfunk hier ist ja schon durchgelaufen.“ Sie wedelte mit einer Hand in Richtung Klassenzimmertür. Die Türen waren dick, lauschen war sicher schwierig. „Weiß das sonst jemand, deine Eltern, ein Arzt?“ Obwohl sie dieses Mal eindeutig Elli angesprochen hatte, antwortete weiterhin Ceyda. „Ja, das ist alles schon erledigt.“ „Oh. Okay?“ Wieso überraschte sie das? „Also bist du versorgt?“ Jetzt war es Ceyda anscheinend zu blöd weiter zu antworten, wenn so deutlich ignoriert wurde, dass sie sprach. Also sprach Elli wieder für sich selbst. „Ja, ich komm‘ schon klar.“ Das war nicht, was Frau Graf gefragt hatte, aber es lief darauf hinaus, nicht wahr? „Dann…“, Frau Graf dachte kurz nach. Das war sonst nicht ihre Art, mitten im Satz nachzudenken. „… ist es kein Problem, wenn ich mich mit deinen Eltern in Verbindung setze?“ Sie hob die Arme. „Wir müssen das einplanen. Weißt du, wann es soweit ist?“ Der ganze Tisch sah jetzt Elli an. Es war bisher kein Thema zwischen ihnen gewesen. Dabei war es logisch. Das war wichtig für die Schule. „Im März. Nächstes Jahr.“ Sie schluckte, rieb sich über die Augen. Natürlich nächstes Jahr, es war August. Sie wusste selbst nicht, wieso sie das gesagt hatte. Frau Graf ahmte die Gestik nach. „Okay.“ Das klang nicht, als wäre es wirklich okay, aber das konnte es ja gerade auch schlecht sein. „Okay. Das ist viel. Das ist ganz schön abgefahren, Elli.“ Sie klang so jung plötzlich, wenn sie solche Worte benutzte. „Ich werde deine Eltern heute noch anrufen, ja? Und mit dem Kollegium muss ich sprechen. Nur, damit alle Bescheid wissen und sich nicht auf Gerüchte verlassen müssen.“ Sie stand auf. Benni erhob sich ebenfalls, trat einen Schritt zur Seite und öffnete das Fenster, das ihm am nächsten war. Er lehnte sich kurz raus. Hier im ersten Stock ging das. Darüber waren die Fenster abgeschlossen. Als er sich wieder zu ihnen drehte, stand Frau Graf immer noch dort und sah Elli an. Wieder atmete sie durch. „Pass auf, das ist… nicht unbedingt, was passieren sollte, aber du kannst auf mich zählen, ja?“ Sie wartete keine Antwort ab, sondern schnappte sich ihre Tasche, stand noch einmal kurz vor der Tür rum, öffnete sie und winkte die Truppe davor wieder hinein ohne ihnen noch groß etwas zu sagen. Jeder von ihnen sah Elli mehr oder weniger direkt an, aber selbst Noah ließ den Mund geschlossen. Vielleicht war es das gewesen, was sie gebraucht hatten. Diese Situation, um zu kapieren, dass es kein blödes Gerücht war. Und vielleicht sogar eine Winzigkeit davon, was es bedeutete. Elli atmete durch.