Was wäre, wenn das alles wäre. Kapitel 15
Das Problem war nicht, halbnackt und mit angewinkelten Beinen auf einem Stuhl zu sitzen – oder halb zu liegen. Es war auch nicht, dass ihre beste Freundin währenddessen daneben stand und locker mit der noch ziemlich fremden Gynäkologin quatschte. Komisch war nur der Grund dafür. Elli war schwanger. Fünfzehn Jahre alt und schwanger und der Vater dieses Babys redete kein Wort mehr mit ihr. Vor ein paar Tagen hatte sie aufgehört es zu versuchen, rief ihn nicht mehr an und hatte seitdem fast jede Nacht geweint. Dieses Mal saß sie breitbeinig auf diesem Stuhl und hatte einen Finger in ihrer Vagina und wünschte sich nicht, dass Dennis dabei war. „Fühlen Sie sich denn gut? Ich meine, rein körperlich.“ Diese Gynäkologin, die eigentlich Joyce‘ Ärztin war, nahm diese Situation, wie sie nun einmal war und machte ihren Job. ‚Ihr Job ist, dir zu helfen. Und obwohl sie so heißt, hat sie keinen Stock im Arsch.‘ Das war Joyce‘ Beschreibung gewesen, bevor sie gemeinsam hierher gekommen waren und Elli fand sie auf die ersten paar Eindrücke ziemlich treffend. Radestock hieß die Frau, zog ihren Finger mit einem lauten Ploppen aus ihrer Vagina und zog sich die Einweghandschuhe aus. Sie landeten im Mülleimer, ein Fußkick, auf, noch einer, zu. Elli nickte. Rein körperlich fühlte sie sich kaum anders als sonst, außer… „Mir ist manchmal noch schlecht.“ Frau Radestock wusch sich die Hände mit Seife und desinfizierte sie, obwohl sie Handschuhe getragen hatte. „Musst du dich übergeben oder hinlegen, wenn das passiert?“ Ein paar Sekunden brauchte Elli, um ehrlich zu sein, obwohl die Frau so freundlich und vorsichtig mit ihr war. „Ja, manchmal.“ „Mh. In Ordnung. Das kann in den ersten drei Monaten schon mal sein, aber wenn es jetzt bleibt und du gerne etwas dagegen nehmen möchtest, können wir das machen.“ Sie warf einen sehr kurzen und sehr konzentrierten Blick auf ihren Bildschirm. „Deine Werte sind aber in Ordnung, also machen wir das, wie es dir lieber ist.“ Elli knetete ihre Finger ineinander. Sie hielt heute nicht Joyce‘ Hand, weil sie festgestellt hatte, dass sie das kaum ganze neun Monate lang durchgehend machen konnte, aber manchmal hatte sie trotzdem das Bedürfnis danach. Wie jetzt gerade zum Beispiel. „Macht das was mit dem… ?“ Das Wort auszusprechen fiel ihr schwer. Ihr Bauch war noch genauso flach wie vor dem Test, wie letztes Jahr, wie er halt war. Was da drin war, nannte sie noch nicht bei einem Namen, der gut passte. Lieber nannte sie es gar nicht, obwohl sie sich dafür entschieden hatte es zu behalten. Dass da schon etwas war, konnte sie jedenfalls nicht mehr bestreiten. Flach war der Bauch, aber er spannte. Die enge Jeans nicht anzuhaben, fühlte sich gut an. „Nein, das geht schon in Ordnung. Wir sprechen da einfach gleich nochmal drüber. Du kannst dich anziehen. Wir machen heute den Ultraschall durch die Bauchdecke.“ Bevor Elli vom Stuhl stieg, senkte die Ärztin ihn mit einem weiteren Fußtritt ein Stück ab. Hier gab es auch so etwas wie eine Umkleidekabine in der Ecke des Raumes. Aber der Stoff war schwer und dunkel und versteckte jede Silhouette. In der engen Jeans und Sneakern kam Elli wieder heraus. Die Ärztin grinste. „Die Hose kannst du wieder aufmachen, sonst muss ich sie dir einsauen.“ Mit einer Hand drückte sie leicht auf eine große weiße Tube, es gab Furz- und Schmatzgeräusche. Joyce kicherte. „Du machst es dir am besten da bequem.“ Sie deutete auf eine Liege, auf der auch noch etwas lag, das wie sehr breites Küchenpapier aussah. Elli setzte sich einfach dorthin, wartete, und kam erst durch Joyce‘ Handbewegung und ihr zurückgehaltenes Lachen darauf, dass sie sich auch zurücklehnen und die Beine ausstrecken sollte. Ihr Gehirn funktionierte gerade nicht so richtig. Die Befehle wie von Frau Geißler fehlten und die Angst hielt sie auch nicht bei klarem Verstand. „So.“ Frau Radestock schnellte auf einem Hocker auf Rollen heran, mit dem Gel immer noch in der Hand. „Dann schauen wir mal nach, wie es dem kleinen Mitbewohner geht. Nimmst du das Shirt ein bisschen weiter hoch?“ Elli schob ihr Shirt den Bauch hinauf. Die Ärztin verteilte „Achtung, kalt.“ sehr kaltes Gel auf der Haut unter dem Bauchnabel. Elli zuckte, sagte aber keinen Ton. Sie starrte auf den Bildschirm, der schräg gegenüber an der Wand hing. Die große Version von dem kleinen direkt neben ihr, von dem sie aber nichts sah. Ihr Name stand oben am Bildrand, ihr Geburtsdatum und ein paar andere Zahlen. Darunter nur schwarz. Dann graue Schatten, weiße Linien. Krumme, wackelige Linien, die sich bewegten. „Da ist es ja.“ Mehr Bewegung. „Und es ist aktiv, sehr gut.“ Große Bewegung auf großem Bildschirm in Ellis flachem Bauch. „Wow“. Joyce‘ Worte waren nur ein Flüstern. Dann kicherte sie. „Ich dachte, auf diesen Bildern sieht man nicht wirklich was, aber das…“ Sie beendete den Satz nicht, aber Elli hatte denselben Gedanken. Es sah aus wie ein Mensch. Es hatte einen Körper, Arme und Beine, einen Kopf, eine Hand am Gesicht. Man konnte all das genau sehen. „Das Gerät ist ziemlich neu, ich habe eine Weiterbildung für den Ultraschall gemacht.“ Frau Radestock sagte das so nebenbei, aber sie hatte einen Schalk in den Augen als sie die nächsten Knöpfe drückte. „Passt auf, wir haben was besonderes.“ Noch ein Knopfdruck, dann wurde der Bildschirm ganz dunkel und wieder hell. Keine Schatten mehr, dafür 3D. Ein Mensch. In 3D. Sie wollte ihren Bauch anfassen, rausfinden, ob sie etwas davon spüren konnte, was sie sah, aber ihr Bauch war schmierig und von einem Ultraschallkopf besetzt. „Der Computer errechnet das Bild. Cool, oder? Noch ein bisschen unförmig das Kleine, aber das wird in den nächsten Monaten.“ Elli starrte, Joyce starrte auch, sogar mit offenem Mund. „Wahnsinn.“ Die Worte waren in Ordnung. Eigene Worte fand Elli dafür nicht. „Willst du wissen, was es wird? Ist gerade ziemlich offensichtlich.“ Aber da waren immer noch keine Worte. Elli brauchte noch einen Moment, um zu verstehen, worum es genau ging, gefangen von dem Bild auf dem Monitor, dem kleinen Menschen, der sich dort bewegte und tatsächlich aussah wie ein kleiner Mensch. Da war die Nabelschnur, die aus dem Bauch herausragte, und darunter die strampelnden Beinchen und dazwischen… „Ist es ein Mädchen?“ Frau Radestock grinste sehr breit. „Sieht so aus, nicht wahr?“ Elli hörte auf zu atmen, als sie begriff, dass in ihr ein Mensch wuchs, der vermutlich ihr selbst ähnlich war. Vielleicht war sie blond, vielleicht war da irgendwann ein fünfzehnjähriges Mädchen, dass sich in Jungs verknallte. Ein Mädchen, das sich mit Englischvokabel schwertat, aber kein Problem hatte, Gitarrengriffe auswendig zu lernen. „Ganz sicher kann man sich damit erst sein, wenn sie auf der Welt ist, aber ich würde darauf wetten.“ Frau Radestock zwinkerte. Diese gute Laune konnte Elli nicht nachvollziehen, und ansteckend war sie auch nicht. Die Ärztin redete weiter, schaltete das Gerät wieder um. Es waren blaue und rote Linien zu sehen, Flecken, Menschenkopf. Und sie redete. Ab hier war es aber Joyce, die antwortete und sich hoffentlich irgendetwas davon merkte, denn Elli war dazu nicht mehr in der Lage und Frau Radestock ignorierte das geflissentlich. Die Fenster waren mit schief gestellten Rolläden verdunkelt. Aber oben blitzte ein Streifen goldenes Licht an die Decke. Herbstgolden. Elli fing an zu zappeln und die Ärztin reagierte schnell darauf. „Hast du genug für heute? Das hier ist alles Bonus. Dir und der Kleinen geht es gut.“ Sie riss Papiertücher aus dem Spender, der hinter Ellis Kopf an der Wand hing und drückte ihr eine Hand voll auf den Bauch. Sie half ihr beim Abwischen, so ging es schneller. Elli ließ sie einfach machen, hatte überhaupt kein Gefühl dafür, ob das normal war oder nicht. Sie wollte in dieses Licht, das von hier aus nur draußen vor dem Fenster war, und war wirklich froh sich nicht auch noch wieder anziehen zu müssen. Knopf und Reißverschluss gingen schnell. „Aber mach vorne noch den nächsten Termin aus, ja? Wir sind ein bisschen voller im Herbst mit all den Grippeimpfungen.“ Wieder war es Joyce, die nickte, nicht Elli. Elli hatte nicht einmal mehr Nerven für eine ordentliche Verabschiedung. Als sie draußen waren, Joyce zwei Minuten später als Elli und mit einem neuen Zettel in der Hand, schimmerte die Welt nicht mehr ganz so golden. Es war eher blaugrau und ein bisschen feucht, obwohl es immer noch warm genug war. Der Horizont glühte trotzdem und in Elli glühte es erst recht. „Es ist ein Mädchen.“ Joyce sah sie nur an, verzog nicht das Gesicht, lächelte nicht, machte keinen Witz. „Ist das gut?“ „Ich weiß nicht.“ Vor allem war das ein Detail mehr, das sie über das Wesen wusste, das in ihr lebte. Ein Mädchen. Endlich waren ihre Hände auf ihrem Bauch. Sie brauchte neue Jeans. „Ich lauf nach Hause.“ „Das sind fünf Kilometer oder so.“ „Mir egal.“ Elli tat den ersten Schritt und alle anderen machten sich von alleine. Ein Mädchen. Sie dachte über Namen nach, die mit J anfingen. „Hey, lass uns wenigstens durch den Wald gehen. Ich muss echt nicht die Landstraße lang, ja?“ Elli stutzte, blieb stehen und musste erst einmal nachsehen, auf welcher Seite Joyce neben ihr herlief. Sie fand sie rechts und nickte schließlich. Es war ihr vollkommen egal, welchen Weg sie nahmen. Hauptsache, sie stiegen in keinen Bus und riefen sich kein Taxi. Sie musste sich bewegen. Nach den ersten hundert Metern in die neue Richtung merkte sie, was für eine gute Idee das gewesen war. Die Erde knirschte unter ihren Schuhen, der Wind rauschte durch die trockenen Blätter und die, die schon in allen Farben abgefallen waren. Hier war das Licht wieder flüssiges Gold und das Mädchen wurde zu ihrem Mädchen. „Ich bin gespannt, wie sie ist.“ Das war neu. Bisher hatte Elli überlegt, wie sich alles für sie selbst änderte, was das mit ihrem Leben und ihren Freundschaften, ihren Plänen und ihrem Alltag machte. Jetzt war da ein Mensch, der auch all diese Dinge haben würde. Ein Mensch mit Willen. Ihr Mensch. Das war seltsam. „Ist das was, das du Dennis sagen willst? Dass du jetzt weißt, was es wird?“ Elli sah auf die knirschende Erde, die von oben gar nicht so knirschend aussah. Wenig Äste, wenig Steine. „Ich glaube nicht, dass er das wissen will.“ Er ignorierte sie sogar in der Schule komplett. So als wären sie nie ein Paar gewesen, als wäre sie ein Geist, reagierte nicht, wenn sie ihn ansprach und um ihn anzuschreien fehlte ihr die Wut. Sie wusste, dass Joyce das nicht nachvollziehen konnte. „Wen juckt‘s, was er wissen will. Ich frag dich, ob du es ihm erzählen willst.“ Eigentlich würde sie das schon sehr gerne. „Kommst du dann mit?“, fragte sie. „Klar. Sofort?“ „Liegt auf dem Weg.“ Elli klang entschlossener als sie sich fühlte. Von einem Moment auf den anderen schienen ihre Füße schwerer, der Boden klebriger zu sein. Sie wollte es Dennis erzählen, aber nach all dem, was er gesagt hatte und dann nicht mehr gesagt hatte, wollte sie seine Reaktion vielleicht gar nicht wissen. Vielleicht war die Reaktion nicht gut für sie. Doch sie hatte sich entschieden und wollte keinen Rückzieher machen. Dennis sollte das wissen, also würde sie es ihm sagen. Das war logisch genug, um sich zu den nächsten paar schweren Schritten zu überwinden. Beinahe eine Stunde liefen sie, weil sie die Wanderwege bergauf mussten. Der Weg war noch einmal wesentlich länger als die Straße. Sich auf halber Strecke umentscheiden und in den nächsten Bus steigen war nicht möglich. Andererseits war mitten auf dem Weg schnell pinkeln gehen kein Problem. Elli musste öfter als sonst. Dunkler als auf den Straßen war es auch, aber nicht genug, um ihnen Angst zu machen, auch wenn der Wind weiter rauschte, Holz knackte und Insekten und Vögel diese kleinen Bewegungen machten, die man aus dem Augenwinkel nie ganz einordnen konnte. Eine viel größere Herausforderung war die steile Auffahrt zu dem Haus der Wagners. Elli schnaufte und schwitzte, war viel müder als sie das nach Sport gewohnt war. Sie rieb sich Schweiß aus dem Nacken, kühle Feuchtigkeit an der Herbstluft, und widerstand dem Drang an ihren Armen zu schnuppern, ob der Schweiß schon begann zu stinken. Es war egal. Sie war nicht hier, um zu gefallen. Sie war nicht hier, um Nähe zu suchen, auch wenn sie seine Nähe immer noch oft vermisste. Sie drückte auf die Klingel, kaum dass sie die Tür erreicht hatte. Und kaum, dass sie die Klingel gedrückt hatte, setzten laute Stimmen hinter der Tür ein. Erst ein Rufen, dann ein Brüllen, dann wieder Stille. Bewegung ohne Schritte. Elli sah sich nach Joyce um, die warum auch immer einen guten Meter hinter ihr stehengeblieben war. Sie drehte sich wieder zur Tür als die gerade geöffnet wurde. Daniela, ihre perfekte Dauerwelle und ihr perfekt geschminktes Gesicht und ihr heute nicht ganz so perfektes Lächeln. Es war noch da, das Lächeln, aber etwas daran stimmte nicht, es hörte an der Nasenspitze auf. Elli schluckte. „Hi, ist Dennis da?“ Es war seltsam genug das fragen zu müssen. Normalerweise wäre sie längst halb ins Haus eingeladen worden und hätte schon die ersten Infos dazu bekommen, wo Dennis gerade war, was er gerade tat. Daniela stand da und lächelte dieses nicht-lächelndes Lächeln. „Tut mir leid, ich denke, er möchte heute lieber alleine sein.“ Sie sagte das, als wäre er nicht seit Wochen lieber ohne Elli. Joyce bewegte sich, das spürte Elli, vielleicht am Luftzug, am Geräusch, vielleicht Intuition. Aber sie mischte sich nicht ein. Daniela atmete scharf ein und plötzlich war sich Elli sicher, dass sie erbärmlich nach Schweiß und Angst stank. „Bitte. Ich muss mit ihm reden.“ Daniela sah an Elli hinab und wieder hinauf. „Einen Moment.“ Dann schloss sie die Tür. Elli konnte nicht fassen, dass diese Tür vor ihr geschlossen wurde. Sie hatte Dennis die meiste Zeit in Ruhe gelassen, nachdem klar geworden war, dass ihm die Trennung verflucht ernst war. Aber er konnte doch nicht so tun, als wäre sie nicht von ihm schwanger oder als würde ihn das nicht betreffen. Daniela konnte nicht so tun. Elli drehte sich ganz zu Joyce um und wusste nicht, wie sie das in Worte fassen sollte. Joyce hatte da weniger Schwierigkeiten. „Arschlochsein ist offenbar erblich.“ Elli sah erst auf den Boden, dann wieder zur Tür. Hinter den Milchglasscheiben war es ruhig. Sie fragte sich, ob Daniela schweigend die Wendeltreppe hinaufstieg, vorsichtig an Dennis‘ Zimmertür klopfte und freundlich und zurückhaltend war, oder ob sie ihm hinter dieser verschlossenen Tür die Leviten las. Sie konnte sich beides nicht so richtig vorstellen. Beides war zu viel Einmischung für diese Mutter, die sich die ganze Zeit ihrer Beziehung über nie in irgendetwas eingemischt hatte. Sie war nie unfreundlich gewesen oder hatte kritisch geguckt. Und jetzt starrte Elli auf die Tür und auf die Klingel daneben und überlegte, was es ihr helfen konnte Sturm zu klingeln, bis Dennis an die Tür kam. Sie kam nicht dazu, diesen bescheuerten Gedanken in die Tat um zu setzen. Das war ohnehin nicht ihr Stil. Wieder gab es Bewegung hinter den Milchglasscheiben, aber dieses Mal war es nicht Danielas Dauerwelle, die auf sie zu wogte. Es war ein Jungenkörper mit einem Jungengang, was auch immer das sein sollte. Elli wüsste nicht zu beschreiben, was diese Art zu Gehen ausmachte, aber Dennis und seine Freunde hatten das alle. Sie sah ihn kommen und hielt den Atem an. Er öffnete die Tür und sie atmete aus. „Hi“, sagte er, sah Elli, dann Joyce, dann wieder Elli an. „Was gibt‘s?“ Das war das erste Mal seit Wochen, dass er überhaupt ein Wort zu ihr sagte. „Ich war beim Arzt.“ Er sah an ihr herunter. „So siehst du nicht aus.“ Joyce sog die Luft ein, aber Elli fand, dass er damit ja durchaus richtig lag. „Bin zurückgelaufen.“ Er zog eine Augenbraue hoch. Nicht weit, so gut konnte er das nicht, aber deutlich genug, dass es auffiel. „Das sind ein paar hundert Meter.“ „Ich bin jetzt woanders.“ Stimmt, das hatte er nicht wissen können. Er hatte schon nicht mehr mit ihr geredet als sie die Ärztin gewechselt hatte. „Wieso?“ Elli biss sich auf die Lippe. Das klang absurd, aber genau das war der Grund gewesen. „Sie wollte nicht, dass ich abtreibe.“ Dennis sah durch sie hindurch. Er brauchte ein paar sehr lange Sekunden, um seinen Blick wieder auf ihren einzustellen. Dann lachte er plötzlich los. „Scheiße, ernsthaft?“ Vielleicht war es nur das Absurde daran, weil Elli sich schließlich selbst dafür entschieden hatte, genau das nicht zu tun. Vielleicht war es aber auch die Erkenntnis, dass Dennis diesen Termin vereinbart hatte und nicht wissen konnte, dass sie Ärztin ihn nie unterstützt hätte. Doch letzten Endes war das schnurzpiepegal. „Es ist ein Mädchen.“ Das war wichtig. Deswegen war sie hier. Dennis hörte sofort auf zu lachen. Seine Augen waren noch feucht, so als hätte er beinahe vor Lachen geweint. Sonst war nichts davon übrig, nicht in den Augen, nicht in den Mundwinkeln. Seine Grübchen waren nicht zu sehen, wenn er nicht lachte. Er schüttelte den Kopf. „Ich will diesen Kram nicht wissen.“ Kurz vorher hatte er noch gefragt. Elli standen die Tränen in den Augen, aber nicht vor Lachen. „Jetzt hör mal gut zu, du verdammtes Arschloch, sie…“ „Halt dich raus, Joyce.“ Er spuckte ihren Namen aus. Das wollte Elli noch viel weniger, dass Joyce zwischen diese Fronten geriet. Sie war ihr dankbar für all die Unterstützung, aber sich hier und jetzt vor sie stellen sollte sich ihre Freundin nicht. Also verbiss sich Elli ihre Tränen, drehte auf dem Absatz um und ging die steile Auffahrt wieder hinunter. Joyce folgte ihr auf dem Fuß und schwieg. Erst als das Haus außer Sichtweite war, nahm Joyce vorsichtig Ellis Hand in ihre und drückte sie. Elli drückte zurück, weinte stumm den Rest des Weges und scherte sich einen Dreck darum, wer es sah.