nadnoennas

Was wäre, wenn das alles wäre. Kapitel 16

Die Hosen waren unverhandelbar zu eng geworden. An ihrer Erscheinung änderte das erst einmal nicht viel. Der kalte Winter machte die weiten Kapuzenpullover nicht ungewöhnlich und dass am Bund der Jeans jetzt weicher Stoff eingesetzt war, konnte niemand sehen. Sie trug die dunkelbraunen Boots, weil die noch als schick galten und einen Schneemann mit lila Schal und Mütze auf dem Pullover, der das erste Weihnachtsgeschenk des Jahres gewesen war. Natürlich von Joyce. Soweit sie sich erinnern kann, hat sie noch nie etwas von Joyce bekommen, das nicht entweder lila oder schwarz war. Und perfekt. Der Pullover war so wundervoll weihnachtlich, dass er sogar zum Festessen bei Oma Elfie taugte, obwohl da eigentlich alle ein wenig ordentlicher angezogen waren. Hemd, Bluse, Kleid. Solche Dinge. Schneemannpullover ging auch, fand sie, besonders, wenn man einen Bauch zu verstecken hatte und weder ihre Mutter noch ihr Vater hatten das weiter kommentiert. Während der fahrt fummelte sie an den Pailletten herum, die die Pudelmütze des Schneemanns schmückten. Neben ihr saß Steven und sah aus dem Fenster. Sie sprachen alle nicht viel während der Fahrt. Sonst war das aufgeregter, freudiger. Immerhin war Weihnachten. Doch ziemlich sicher würde heute ein anderes Thema vorherrschen, ob direkt oder nur unterschwellig. Allen war das bewusst. Also taten sie nicht so, als wäre alles in Ordnung. Ellis Vater seufzte und holte Elli aus ihren Gedanken, aber es blieb bei dem Seufzen, keine Worte. Sie tat es ihrem Bruder gleich und sah hinaus auf die langsam vorbeiziehenden Wiesen und Weiden und dunklen Strommasten in diesem dunklen schmuddeligen Wetter. Schnee zu Weihnachten gab es fast nie. Nur arschkalt wurde es. Schneeregen und glatte Straßen waren das winterlichste, was es dieses Jahr bisher gegeben hatte. Sie fuhren an Lichterketten und Weihnachtsmännern in Fenstern vorbei. Auf einer schmalen Straße ohne Gehweg durch dieses kleine Dorf, in dem ziemlich mittig das Haus stand, in dem Ellis Mutter aufgewachsen war. Das Obergeschoss war vermietet. So besserte sich ihre Großmutter die Witwenrente auf und kam zurecht. Sie sagte oft, sie braucht nicht viel, vor allem nicht so viel Arbeit. An ihren Großvater konnte Elli sich kaum erinnern. Da waren nur Schemen von einem großen alten Mann, als sie selbst noch sehr klein gewesen war. Das Haus saß von außen beinahe aus wie während des ganzen Jahres. Nur ein Kranz aus Tannenzweigen an der Tür zeigte an, dass Weihnachten war. Keine Lichterketten. Oma Elfie hätte gesagt „Mehr Deko, mehr Arbeit.“ Man sah nur an den vielen Autos, dass hier gerade ein Familienfest stattfand. Die Autos ihrer beiden Onkel standen schon in der Einfahrt. Eins davor an der Straße, ein ziemlich ranziger Corsa. Den hatte er im Sommer noch nicht gefahren, aber Elli tippte trotzdem auf ihren ältestens Cousin. Ihre Mutter war schon halb aus dem Auto, als Elli gerade erst realisierte, dass sie dahinter stehengeblieben waren. Ihr Vater drehte den Zündschlüssel, schnallte sich ab und drehte sich zu seinen Kindern um. „Alles klar?“ Elli antwortete nicht. Steven sagte „Klar“, und stieg aus. Mit ein paar Metern Abstand ging er seiner Mutter hinterher, schneller als sie, holte sie bis zur Haustür ein, hielt seine Winterjacke unterm Arm und sah in dem dunkelroten Hemd ziemlich erwachsen aus für einen Dreizehnjährigen. Sie stieg selbst aus und zog selbst für die paar Meter ihren Parka über, weil es wirklich schweinekalt war. Die Haustür war offen geblieben und kaum da angekommen, zog Elli das Teil wieder aus. Die Hitze strahlte hinaus in die kalte Winterluft, in den einsetzenden Regen, der sich nicht ganz dazu durchringen konnte Schneeregen zu sein, es aber nicht ganz versteckt bekam. Sie konnte dieses Wetter nicht leiden. Sie mochte Sonne lieber. Aber Weihnachten mochte sie eigentlich auch. Die Diele war Eingangsbereich für das ganze Haus, auch die Wohnung darüber, und die Garderobe war bereits überfüllt. Auch die Jacken ihrer Mutter und Stevens hingen da. Ihre eigene ließ Elli in ihren Armen und ging einfach direkt durch in die Wohnung ihrer Großmutter, die viel zu groß war für eine Person, aber gerade groß genug für so viele Menschen auf einmal, wie an Weihnachten eben zusammen kamen. Der Flur, der ins offene Wohnzimmer mündete, war breit und die Decken hingen tief. In der Mitte ragten die Balken des Fachwerks ein Stück in den Raum hinein. Weiße Wände, dunkles Holz, noch eine Garderobe, an der weniger los war. Elli hing ihren Parka dort auf. Hinter einem Balken gab gerade Steven Onkel Titus die Hand und wurde eher unfreiwillig in eine Umarmung gezogen. Sah allerdings nicht so unfreiwillig aus wie sonst. Ihr Blick wurde erwidert und die Umarmung unterbrochen. Was er zu Steven sagte, konnte Elli nicht hören. Sie sah gerade ohnehin lieber an ihnen vorbei. Im Raum waren noch die anderen Geschwister ihrer Mutter und deren Anhänge. Sie hatten alle Kinder. Einige älter, einige jünger als sie, aber keine wirklich kleinen mehr. Sie waren alle nicht sonderlich weit auseinander. Ihr ältester Cousin André lehnte zwischen einem Sideboard und einem sehr großformatigen Familienfoto an der Wand und trank Orangensaft aus einem Sektglas. Zumindest ging sie davon aus, dass es hauptsächlich Orangensaft war, wenn sein Auto vor der Tür stand. Er grüßte sie, indem er lässig zwei Finger von seinem Glas abspreizte. Bevor Elli reagieren konnte, stand ihre Großmutter zwischen ihnen, strahlte sie an und fiel ihr um den Hals. „Elli, Schatz!“ Die Umarmung war so fest, dass sie wehtat. „Wie geht‘s dir, Liebes? Ich wollte dich nicht nerven. Alte Frauen sollen junge Frauen doch in Ruhe lassen. Aber wie geht‘s dir, lass dich ansehen.“ Unvermittelt legte die Elli eine Hand auf den Bauch und Elli hörte auf zu atmen. Ihr Kopf dröhnte, sonst hätte sie sofort bemerkt, wie es im Raum sehr still geworden war. Vorsichtig atmete sie ein und schloss die Augen. Sie wollte den Druck in ihrem Kopf ausgleichen, sich dafür aber nicht hier vor allen die Nase zuhalten. „Hallo, hallo!“, rief ihr Vater hinter ihr und löste auf seine unnachahmliche Art die Stille auf. Er schüttelte einfach dem erstbesten die Hand, was wieder Onkel Titus war, und arbeitete sich händeschüttelnd und umarmend durch den Raum, als wäre das ein Weihnachten wie jedes Jahr. In der Ecke neben dem Sofa stand der Baum. Rot, gold und blau glänzten die Kugeln und warmweiß die Lichterkette, auf seiner Spitze ein kleiner Stern, der so filigran war, dass er beinahe als goldene Schneeflocke durchging. Kein Lametta. „Was man nicht zweimal benutzen kann ohne es zu essen, ist sein Geld nicht wert“, sagte ihre Großmutter gern. Sie hatte viele solcher Sprüche und viele davon hatte Elli gerade im Kopf. „Oma“, sagte sie leise. Die Ansprache, die nur kam, wenn sie dringend zuhören musste, brachte Elfie dazu endlich loszulassen. Und weil das so hastig passierte, küsste Elli ihre Oma auf die Wange. „Da ist ja gar kein Platz mehr, ihr übertreibt!“ Ellis Vater lachte halb verzweifelt, halb wirklich, zumindest glaubte Elli das raushören zu können. Er hatte die zwei großen Tüten mit den Geschenken im Durchgang stehen lassen. Unter den Baum passte das alles ohnehin nicht mehr, aber auch das war wie jedes Jahr. Steven ging zurück und holte die Tüten trotzdem. Als er vorbeikam, fühlte Elli sich sehr underdressed. Aber Oma Elfie befühlte schon die Pailetten auf der Mütze des Schneemanns, ließ los, schüttelte ihre Hände aus. „Ich kann doch die Hände nicht von sowas lassen, Schatz. Willst du Kakao?“ Elli nickte. „Frohe Weihnachten.“ „Dir auch, Schatz.“ Sie wuselte davon, kleine Oma Elfie, die mit Abstand älteste im Raum. Da sie den Versuch unternahm Steven etwas abzunehmen, löste sich auch der Rest der Runde. Sie konnte schließlich nicht zulassen, dass die Frau noch mehr Arbeit übernahm. Also griff Titus nach der zweiten Tüte und ihre Cousinen verschwanden Richtung Küche. Elfie hatte plötzlich ihre eigene Tochter im Arm und Elli sah sich das zum ersten Mal ganz anders an. Das waren ihre Mutter und ihre Großmutter. Mutter und Tochter. Sie hatte sich irgendwie nie ganz bewusst gemacht, dass sie das waren, dass es eine Schwangerschaft, eine Geburt, eine Kindheit gegeben hatte. „Hey.“ Vor ihrer Nase tauchte ein Sektglas mit Orangensaft auf. Daran hing Andrés Hand. Er sah gut aus, kurze dunkle Haare, beigefarbenes Hemd, rotweißgestreifte Zuckerstangen al Manschettenknöpfe an den Ärmeln und ein ziemlich verschmitztes Grinsen in dem feinen Gesicht. „Der Kakao dauert noch, er war alle. Willst du?“ Elli nahm ihm das Glas ab. Dann roch sie dran. André lachte. „Hältst du mich für so bescheuert?“ Sie schüttelte den Kopf, nippte an dem Orangensaft, bemerkte dann erst, dass er eigentlich mit ihr hatte anstoßen wollen und holte das nach. „Tschuldigung.“ „Schon gut. Du hast genug im Kopf, oder?“ „Japp.“ Das André zu sagen, war leichter. Er klang so selbstverständlich. „Ist das dein neues Auto?“ Er lehnte sich einfach da an der Wand an, wo er gerade stand, musste dafür einen Schritt zurückgehen und landete halb auf einem Landschaftsbild. „Neu würde ich das nicht nennen. Mir ist einer reingefahren, das ist eine Leihgabe von einer Freundin.“ Elli horchte auf. „Einer Freundin?“ „Ja, einer. Nicht meiner, wenn das die Frage war.“ „Weiß nicht.“ Eigentlich versuchte sie nur über irgendetwas anderes zu reden als sich selbst. Aber so wie ihre Tante sie von der anderen Seite des Raumes ansah, würde das heute nichts mehr werden. Sie begrüßte nicht alle einzeln, obwohl sich das unhöflich anfühlte, weil es viel angenehmer war einfach hier stehen zu bleiben, beim Geschenkestapeln zuzusehen und auf Kakao zu warten, bis es Kuchen gab und die Bescherung und das Essen. „Komm, wir machen den Anfang, ich hab Hunger.“ Andrés Schwester Lucia hakte sich bei ihm ein. Sie war nur wenig kleiner als er und sah noch wesentlich besser aus. Die langen dunklen Haare hatte sie hochgesteckt. Einzelne Strähnen fielen hinten aus dem Knoten und ließen es so aussehen, als wäre ihr das alles völlig egal. So wie Elli Lucia einschätzte, konnte das sogar stimmen. Sie zog ihren Bruder und sein Sektglas mit zum Esstisch. Er war bereits für die vielen Gäste ausgezogen und fein gedeckt. Nur Kuchen stand noch nicht darauf. Der kam normalerweise, wenn die ersten sich setzten und das taten jetzt eben diese beiden. Elli ging einen Schritt mit wie magisch angezogen, blieb wieder stehen, weil sie plötzlich nicht mehr wusste, ob sie willkommen war, und ging schließlich doch hinterher als Titus sie ansah. Seine Haare waren schon ziemlich grau, obwohl er der jüngste Sohn von Elfie war. Lucia hatte ihren Bruder über Eck auf die Bank geschoben und sich selbst ans Kopfende gesetzt. Elli nahm den Platz gegenüber von André und behielt die Finger an ihrem Glas. „Wie fühlt sich das an?“, fragte Lucia unvermittelt. Und Elli, die gerade darüber nicht sprechen wollte, den Blick auf ihren Bauch aber nicht anders deuten konnte, verzog das Gesicht. Sie wusste nicht, was eine gute Antwort sein könnte. Aber Lucia sah aus als würde sie diese Frage wirklich ernst meinen. „Ähm.“ Da zuckte Lucia auch schon mit den Schultern. „Ist auch nicht so wichtig. Ich dachte nur… .“ Sie sah an sich selbst hinunter und trank ihren Sekt. Definitiv Sekt, kein Wasser, kein Orangensaft. „Wir wollen ja vielleicht auch irgendwann. Nach dem Studium.“ Sie war schon ewig mit ihrem Freund zusammen und hatte letztes Jahr ihr Abitur gemacht. „Wie fremdgesteuert“, sagt Elli schließlich. Lucia starrte sie an. „Okay?“ Elli schluckte. „Ich meine nicht das.“ Sie nickte zu ihrem Bauch hinunter, um nicht Baby sagen zu müssen, obwohl es definitiv schon irgendwie Baby war, so wie das im Ultraschall aussah. „Es meinen nur alle mir sagen zu müssen, was ich tun soll und was nicht.“ Sie wurde sehr leise. „Ich hab entschieden, dass ich es haben will und seitdem… darf ich nicht mehr viel entscheiden.“ „Oh.“ Lucia hatte sehr große Augen bekommen und Andrés standen dem in nichts nach. „Scheiße, echt?“ Elli zuckte die Schultern. Ja, echt. Die neue Gynäkologin war freundlich und ihre Freundinnen nach wie vor die besten Mädchen auf der Welt. Aber alle Welt sagte ihr, was sie essen durfte und was nicht, wie sie ihre Haut pflegen sollte, welcher Sport in Ordnung war und wie laut welche Musik. Das meiste davon betraf sie ohnehin nicht. Sie mochte kein Sushi und hörte kein Death Metal. Aber es waren viel mehr Regeln als vorher und das Kind war noch nicht einmal da. „Es geht nicht mal um die Regeln. Es ist nur seltsam, wie viele Leute da mitbestimmen.“ „Wer denn so?“, fragte André. „Die Ärztin, die Lehrer, das Jugendamt.“ Ihre Eltern natürlich auch. Aber die schienen nach wie vor ein wenig in Schockstarre zu sein oder hielten sich raus. Bei den anderen war es schwieriger. Es ließ sich nicht immer ganz sagen, wo die Ratschläge aufhörten und die eindringlichen Bitten aufhörten. Dabei brauchte sie das meiste davon gar nicht. Und gefragt hatte sie auch nicht. Dafür war sie immer noch viel zu überfordert. André nickte verständnisvoll und Oma Elfie eilte an ihnen vorbei. Selbstverständlich, um den ersten Kuchen zu holen und selbstverständlich rannte eine von Ellis Tanten hinter ihr her, um zu helfen und festzustellen, dass er mehr Kuchen gab, als die Leute hier essen konnten. Elli blieb sitzen und hörte zu, wie André von dem Autounfall erzählte, bei dem nichts passiert war außer dem Blechschaden und dass ihm Dinge sowieso egal waren, aber so ein Auto zu haben, das brachte eben eine ganze Menge Freiheit mit sich. Über Freiheit dachte Elli momentan auch öfter nach, aber nicht sehr gründlich. Dafür wusste sie noch nicht gut genug, was auf sie zukam. Lucia hatte kein Auto, aber sie wohnte auch mitten in einer Großstadt in einer riesigen Wohngemeinschaft und brauchte keins. Sie redeten über Busse und Fahrpreise und Versicherungskosten und Vollidioten, die einem das Auto zu Schrott fuhren, während sich der Tisch füllte und der Wohnzimmertisch auch und Stühle immer enger gerückt wurden. Irgendwann in dem Gewusel stellte Elli fest, dass Oma Elfie sich neben sie gesetzt hatte und war darüber sehr erleichtert. Ihre Großmutter war nicht sonderlich zurückhaltend, aber sie hatte ihr bisher auch keine Vorwürfe gemacht oder direkt gesagt, was sie zu tun hatte. Damit war sie ihrer Mutter und Dennis schon um einiges voraus. Ein Teller mit einem riesigen Stück Schwarzwälder Kirschtorte wurde vor ihr abgestellt, zusammen mit einem dröhnenden Lachen. „Musst ja jetzt für zwei essen, nicht?“ Elli sah über die Schulter zurück und fand Titus, der einen roten Kopf hatte und spürte, wie sie selbst rot wurde, aber aus einem völlig anderen Grund. Der Raum brummte. Elli konnte das Lachen der ganzen Familie schon hören bevor es einsetzte, aber es setzte nicht ein. Ihre Großmutter kam dem Lachen zuvor und schlug Titus auf die Finger, sodass der Teller vor Elli wackelte und die Gabel klirrend zu Boden fiel. „Du drückst dem Mädchen keine Sprüche, hast du verstanden, Junge!“ Elli zog den Kopf ein und wartete die Reaktion ab. Doch es kam keine. Oma Elfie machte sofort weiter mit dieser großen Familienweihnachtsfeier als wäre nichts weiter passiert. André schloss sich dem an. „Magst du überhaupt Schwarzwälder Kirsch?“ Elli suchte ihre Gedanken zusammen. „Nein, Pfirsich.“ Sie schielte zu dem Kuchen, den sie eigentlich genommen hätte. „Oh, dann nehm‘ ich den.“ Lucia schnappte sich ihren Teller und versenkte ihre Gabel schon mal in der vielen Sahne. Jemand hob Ellis Gabel auf und legte sie zurück auf den Tisch, aber Elli bekam nicht mit, wer das gewesen war. Ihr Kopf glühte immer noch. Sie bekam Lucias Teller und ein Stück Pfirsichkuchen darauf. Tortenboden und Früchte und Gelee, das war eher ihr Geschmack gerade als fette Sahne. Ihr Kuchenstück hatte sie halb aufgegessen, bevor Titus das nächste Mal den Mund aufmachte. Er saß auf der anderen Seite des Tisches, drei Plätze weiter, also musste er durchaus laut reden, um bei ihr anzukommen. „Ist schon richtig, was du machst“, sagte er. „Pass auf dein Gewicht auf, das kriegst du nie wieder runter, auch wenn hinterher ein Kind rauskommt.“ Elli starrte ihn an. Oma Elfie starrte ihn auch an. „Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst den Mund halten?“ Titus war zwar schon wieder ordentlich rot im Gesicht, ließ sich aber nicht mehr zum Schweigen bringen. „Wir können aber doch auch nicht so tun als wär‘ das Mädchen nicht schwanger! Ich mach‘ nur Witze und geb‘ ein paar Tipps, das ist doch nicht böse gemeint!“ Elli spürte ihre Hände nicht mehr. „Es ist aber auch nicht nett“, sagte sie leise. Der Raum war klein und alle anderen Familienmitglieder ruhig genug, dass jeder Elli hören konnte. Titus setzte wieder an, obwohl er nicht aussah als wüsste er schon, was er antworten sollte. „Hey, Leute, wo wir grad über wichtige Dinge reden. Ich bin schwul.“ Lucia kicherte. Alle anderen starrten André vollkommen entgeistert an. Nur Elli nicht. Er hatte die Situation aufgelöst. Womit, war ihr gerade egal. Sie stand auf und stieß dabei mit dem Bauch an die Tischkante. Ihr Schmerzlaut ging hoffentlich in der sehr lauten Stille unter. „Ich geh frische Luft schnappen“, nuschelte sie in den Raum und eilte hinaus. Das Dorf lag still da. Hinter den Nachbarfenstern gab es Bewegung, hinter den nächsten nicht mehr. Die meisten Häuser waren vor allem innen geschmückt, zumindest glimmten da künstliche Kerzen. Elli fand das schade. Sie mochte die Lichter in den vorweihnachtlichen Innenstädten. Die Lichter, die für alle waren wie Bänke im Park. Hier war es vor allem halbdunkel und feucht, die wenigen Straßenlaternen waren noch nicht an. Immerhin hatte es wieder aufgehört zu regnen. Der Asphalt war nass, die Pfützen klein genug, um ihnen auszuweichen. Elli folgte ihrem Bauchgefühl. Sie wollte nicht fliehen, lief nicht in die Richtung, die sie nach Hause bringen würde, sondern in die entgegengesetzte. Nur eine Pause machen. „Hey!“ André rief hinter ihr her. Sie sah sich um. Er schlenderte richtiggehend auf sie zu, Ellis Parka unter einem Arm. „Du frierst dir was ab, mensch.“ Sobald er neben ihr war, hielt er die Jacke für sie auf. „Mylady.“ Er kicherte. Während Elli den Reißverschluss zuzog, fischte er eine Schachtel Zigaretten aus seiner eigenen Jacke. „Ich geh jetzt einfach mal davon aus, dass du keine willst, ja?“ Elli nickte. „Bist du wirklich schwul?“ André zuckte die Schultern und steckte sich die Zigarette an. „Wer das noch nicht wusste, hat nicht genau hingeguckt.“ Seine Augen blitzten. Genau genommen sah er ziemlich glücklich aus. „Wir sehen uns nicht so oft.“ Sie hatte sich einfach nie Gedanken darüber gemacht. „Stimmt. Können wir ja ändern. Ich mag Kinder, ich kann babysitten.“ „Ach ja?“ Damit hatte sie noch viel weniger gerechnet. Dass irgendwer von ihren Cousins und Cousinen groß Lust auf Kinder hatte. Das war bei Lucia eben schon seltsam gewesen. „Klar. Meine Mitbewohnerin hatte ein Baby. Letztes Jahr.“ „Mh?“ André kicherte wieder. „Ich hab mal kurz versucht zu studieren. War aber nicht mein Ding. Klug sein überlass ich Lucia.“ Sie gingen ohne Absprache weiter in die Richtung, in die sich Elli aufgemacht hatte. In der ersten Kurve bogen sie links auf einen Schotterweg ab, der auf den ersten Blick wie ein Privatweg aussah, aber keiner war. Zwischen einigen hohen immergrünen Büschen gab es eine Brücke über einen kleinen Bach, der bei dem Wetter ziemlich laut sprudelte. Elli blieb auf dieser Brücke stehen und André lehnte sich an das Metallgeländer. Er blies den Rauch nach oben. „Familie ist anstrengend.“ Er nickte sich selbst zu, vielleicht weil Elli es nicht tat, obwohl sie gerade gut hätte zustimmen können. Es lag nur eben nicht an der Familie. Alles war anstrengend, wenn man mit fünfzehn schwanger war. „War klar, dass ihr hier seid.“ Elli fuhr herum, aber es war nur Steven. Sie hatten schon als kleine Kinder hier auf dieser Brücke gespielt. Natürlich wusste er, wo sie als erstes hinging. An den alten Ort, der nur den Kindern gehört hatte, obwohl die Erwachsenen, Eltern wie Großeltern bestimmt wussten, wo sie all ihre unbeobachtete Zeit verbrachten. Auf dieser Brücke, an und in diesem Bach und dem Wald, der sich dahinter weit erstreckte, bis eben das nächste Dorf kam. Es ist viele Jahre her, dass sie diesen Wald ganz durchquert haben und niemand mitbekommen hatte, wie weit weg die Kinder alleine gingen. „Ich will nur kurz Luft schnappen.“ „Klar“, entgegnete Steven. Man hörte ihm an, dass er das weder glaubte noch so tun wollte. „Und jetzt? Bleibst du hier und redest einfach nicht drüber?“ André hustete, sagte aber nichts. Konnte Absicht oder der Rauch sein. Elli dachte darüber nach. Wollte sie reden? Außer mit Joyce hatte darüber reden es bisher nicht wirklich besser gemacht. „Nicht mit Titus.“ Kaum hatte sie gesagt, merkte sie, wie viel Sinn das ergab. Weder die Blicke, nicht mal die so nahe Oma Elfie hatten die kleine Flucht ausgelöst. Aber mit Titus wollte sie wirklich nicht über ihre Schwangerschaft reden, wollte seine Witze nicht hören. „Okay. Und was ist mit mir?“ Elli starrte ihn an. „Mit dir?“ Steven hob beide Arme mit den Handflächen nach oben. „Ja, mit mir. Wir haben kein Wort darüber geredet, weißt du, und ich bin verdammt nochmal dein Bruder.“ Sie sah von ihm zu André und wieder zurück. Beide Gesichtsausdrücke halfen ihr nicht dabei weiter zu verstehen, was hier gerade abging. „Du willst darüber reden?“ Steven ließ die Arme an seine Seiten fallen und sah auf seine schwarzen Schuhe. Sie sahen unbequem aus. Elli trug Sneaker. Da stellte sie fest, dass sie auch auf ihre Schuhe hinuntersah. „Okay, Leute, ihr seid komisch drauf. Laufen wir eine Runde?“ André legte seine Zigarette auf den Boden, trat sie aus und steckte den kalten Stummel in die Brusttasche seines Hemdes. „Wer rumsteht, redet nicht und reden ist vielleicht mal nötig.“ Elli setzte sich daraufhin einfach in Bewegung. Gehen fand sie gut. Und Wald fand sie auch gut. Da würden sie nicht so nass werden, wenn es wieder anfangen sollte zu regnen. „Okay.“ Steven ging erst hinter ihnen, dann neben ihnen her, sobald das ging. Nach der Brücke gab es keinen Schotter mehr, nur noch ausgetretenen Waldweg. Elli blieb in der Mitte. Ihr Bruder roch nach Parfüm, ihr Cousin nach Rauch. Die Mischung war sie nicht gewohnt. In ihrer Klasse rauchte niemand regelmäßig und zu Hause erst recht nicht. Sie konnten die Brücke bestimmt schon nicht mehr sehen, da kicherte André wieder. „Zum reden gehört auch reden, wisst ihr?“ „Dann fang‘ doch an.“ So etwas zu André zu sagen, war leicht. Viel leichter als wirklich mit Steven zu reden. „Okay“, antwortete André. „Also, wie kann es sein, dass ihr noch nicht darüber gequatscht hab, ich mein, in welchem Monat bist du?“ „Im fünften.“ „Oh, wow. Echt?“ André lachte schon wieder, ein bisschen kratzig, aber nicht sehr. „Ich will gar nicht… .“ Steven brach mitten im Satz ab und brauchte einen Moment, um wieder anzusetzen. „Es hat einfach niemand mit mir geredet, verstehst du? Ich hab das so nebenbei erfahren.“ Elli schluckte. Da hatte er natürlich recht. Sie hatte ihn nicht zur Seite genommen und ihm das erzählt. Und offenbar hatte das auch niemand anders getan. Sie wusste nicht mal, ob er zu Hause irgendwas zufällig mitbekommen oder es aus der Schule erfahren hatte. War ja schließlich auch seine, auch wenn er zwei Jahrgänge unter ihr war. „Ich wollte das eigentlich niemandem sagen.“ Steven stand einfach nicht auf der Liste der Leute, die das erfahren mussten. Es gab nur wenige, denen sie es zwangsweise sagen musste und dann viele, von denen es einfacher war, wenn sie es eher früher als später erfuhren. An Steven hatte sie schlicht nicht gedacht. „Ich hätte es aber lieber von dir erfahren!“ Steven brüllte nicht, aber lauter als sonst war er trotzdem. „Das ist beschissen genug, findest du nicht? Das alles. Wenigstens meine Schwester könnte normal mit mir reden.“ Ja, wahrscheinlich wäre das besser gewesen. Aber sie hatte eben anderes im Kopf. „Tut mir leid“, sagte sie schließlich. „Was, dass du schwanger bist?“ „Dass ich nichts gesagt hab.“ Steven schloss den Mund wieder. Elli tat es ihm gleich. André fummelte noch eine Zigarette aus der Schachtel in seiner Brusttasche. „Okay. Wollen wir sehen, was jetzt schlimmer ist, schwanger oder schwul sein?“ Er deutete über die Schulter zurück und sie machten alle kehrt, um zum Haus zurückzugehen. André mit einer frischen Zigarette im Mund, Elli mit den Händen in den Taschen. Steven warf André einen Seitenblick zu. „Du stehst echt auf Männer?“ „Klar.“ André grinste. „Pass auf, nächstes Jahr bringst du dein Baby mit und ich meinen Freund, das wird lustig.“