Was wäre, wenn das alles wäre. Kapitel 17
Zu den Zwischenzeugnissen waren ihre Eltern noch nie in die Schule einbestellt worden. Es war seltsam ihnen in dem Flur zu begegnen, der zum Lehrerzimmer führte. Dort wartete einfach niemand gern, und schon gar nicht mit den eigenen Eltern. Elli kam erst dazu, als sie dort schon standen. Die beiden gehörten einfach nicht hierher. Die Elternsprechtage hatten immer im Klassenraum stattgefunden, und für viel Ärger hatte Elli nie Anlass gegeben. Das heute sollte ein Gespräch mit Frau Graf, ihrer Klassenlehrerin, dem Vertrauenslehrer, weil sie gerade keine Vertrauenslehrerin hatten, und dem Schulleiter sein. Ein riesen Ding hatte Joyce das genannt. Aber während es stattfand, hatte sie Unterricht. Elli war freigestellt für diese Kunststunde. Joyce hatte man nicht erlaubt sie zu begleiten und Elli fühlte sich allein trotz der Anwesenheit ihrer Eltern. Sie begrüßten sich fast ohne Körperkontakt. Nur ihr Vater legte Elli kurz eine Hand auf die Schulter, aber auch er schien zu nervös für mehr Interaktion. Sie warteten schweigend während mehrere Lehrerinnen und Lehrer und ein Kind mit einer blutigen Nase an ihnen vorbei eilten, bis schließlich Frau Graf ihren Kopf durch die Tür steckte. „Entschuldigung. Familie Dohm. Ähm, ich brauche noch einen Moment, ja?“ Sie wartete keine Antwort ab und verschwand wieder im Lehrerzimmer. Ellis Eltern wechselten einen Blick, schwiegen aber weiter und Elli fand, dass diese Stille ziemlich laut war, besonders mit dem Rauschen im Hintergrund, der zweiten Pausenklingel und den stampfenden Füßen. Sie wäre so viel lieber in ihrem Klassenzimmer, auch wenn man sie da immer wieder anstarrte, weil man versuchte den Kugelbauch unter den weiten Pullis auszumachen. Hier zu warten war schlimmer. Die Tür ging wieder auf. Frau Graf war da, kam aber nicht heraus. „So, guten Morgen. Schön, dass Sie gekommen sind, hi, Elli.“ „Hi.“ Es war seltsam sich so begrüßen als hätten sie sich heute nicht schon lange im Unterricht gesehen. So als wäre das jetzt etwas anderes, das nichts mit dem Unterricht zu tun hätte, obwohl sie genau deswegen hier waren. So als wäre Elli in diesem Unterricht eine andere Person, eine nicht schwangere Person, die keine Sonderbehandlung bekommt. Doch jetzt sollte sie eine kriegen. „Wir gehen hier durch.“ Frau Graf verschwand wieder. Ellis Eltern gingen ihr hinterher und Elli zögerte in der Tür. Sie wusste nicht, ob sie die jetzt hinter sich schließen sollte oder nicht. Das Kind mit der blutigen Nase nahm ihr die Entscheidung ab. Es hatte jetzt ein Eispack im Gesicht und schob sich so an ihr vorbei, dass Elli ins Lehrerzimmer hinein ausweichen musste. Sie war ewig nicht mehr hier drin gewesen. Richtig gemütlich sah es nicht aus, dafür war es zu voll. Die Tische waren in Gruppen aufgestellt wie in einem normalen Klassenzimmer, nur dass es mehr waren und darauf viel mehr große Thermobecher standen. Es roch nach Kaffee und Tee und Schinkensandwiches. Viel los war nicht, die meisten Stühle leer, nur mit Jacken und Schals behangen. Frau Graf führte sie trotzdem ganz durch den großen Raum hindurch hinein in einen kleineren, der offensichtlich eigentlich ein Büro von jemand anderem war. Darin warteten schon ihr Schulleiter, Herr Bickenbach, und ihr Vertrauenslehrer, Herr Theis. Elli bemerkte den Männerüberschuss und dann, dass es gar keinen gab, wenn sie sich selbst mitzählte. „Guten Tag, Frau Dohm, Herr Dohm, Elli.“ Herr Bickenbach gab ihnen nacheinander die Hand, Elli zuletzt und behielt ihre länger. Er sah sie ernst an, bewegte sich, besann sich aber nicht zu tun oder zu sagen, was immer er gewollt hatte. Stattdessen ließ er Elli los, die den Druck ohnehin nur kurz erwidert hatte und setzte sich hinter den Schreibtisch, der nicht seiner war. Sein Büro lag im Stockwerk hier drüber und man musste durch keinen anderen Raum, um dorthin zu kommen. Warum sie sich hier trafen, wusste Elli nicht und wollte auch gerade nicht danach fragen. Herr Theis hatte nur in den Raum genickt, zu ihnen allen, oder zu niemandem. Er kannte Elli nicht aus dem Unterricht und sie wusste genauso wenig über ihn, außer dass er eben einer der Vertrauenslehrer war. „Setzen Sie sich. Du auch, Elli.“ Frau Graf wies auf die Stühle. Die waren besser als in den Klassenräumen, gepolstert, mit Arm- und Rückenlehne. Elli musste gar nicht lange warten, bis ihre Eltern sich einfach gesetzt hatten und nur noch ein Stuhl für Elli übrig blieb, der zwischen ihrer Mutter und ihrem Vertrauenslehrer stand. Um dorthin zu gehen, musste sie ihre Beine erst einmal überreden ihr wieder zu gehorchen. Es war wie durch knietiefes Wasser zu waten. Doch irgendwann saß sie auf diesem bequemen Stuhl und sah niemanden an, um auch ja nicht zu bemerken, ob sie nun wieder angestarrt wurde oder nicht. „Es freut mich, dass Sie es einrichten konnten.“ Sie hatten nicht lange nach einem Termin suchen müssen. Ellis Eltern hatten sich hierfür einen Tag Urlaub genommen, weil allen klar war, dass dieser Termin ohnehin stattfinden musste. „Aber vorweg, Elli, wie geht es dir?“ Ellis Kopf ruckte hoch, fand ihren Schulleiter und versuchte nichts von dem zu sagen, was ihr in den Kopf kam. „Okay“, war doch eher das, was er hören wollte und nicht, was wirklich abging. „Gut, in Ordnung.“ Er glaubte ihr bestimmt nicht, aber Elli konnte sich genauso wenig vorstellen, dass es über ihr Befinden reden wollte. Darüber, wie es sich anfühlte, immer runder zu werden, wie die Haut spannte und ihre Hüfte weich wurde. Über die Gedanken und die Gefühlsausbrüche, die sie manchmal überkamen, wenn auch vorwiegend nachts oder zumindest, wenn niemand bei ihr war außer Joyce. „Wir machen hier heute eine Zeugnisübergabe, denke ich“, nickte er in Richtung Frau Graf, „und dann besprechen wir, wie es im nächsten Halbjahr weitergeht.“ Ellis Klassenlehrerin ergriff ohne Übergang das Wort und drehte sich dazu in ihrem Stuhl halb zur Seite, um Elli direkt ansehen zu können. „Da müssen wir gar nicht viel besprechen oder haben es schon getan.“ Aus dem Augenwinkel bekam Elli mit, wie ihre Mutter geradezu schockiert aussah. „Deine Noten sind ein bisschen abgefallen, weil du verständlicherweise viel anderes im Kopf und zu tun hast. Das ist nicht schlimm, du bist klug, und durch die Zusatzleistungen ist es im Griff.“ Sie legte das Zeugnis vor Elli auf den Tisch. Ellis Mutter nahm es sofort herunter und studierte es. „Welche Zusatzleistungen?“ Ihre Stimme war gefasst. „Schriftliche Referate, Essays, eine kleinere Facharbeit in Bio und du hast einen extra Vortrag in englisch gehalten, richtig?“ Elli nickte. Der Vortrag war eine der ersten Zusatzaufgaben gewesen, weil sie sich einfach nicht mehr hatte konzentrieren können. Aber vor der ganzen Klasse zu stehen, war mit jedem Monat schwerer geworden. Vor allem, weil die Klasse sie so anstarrte. Aber der Rest hatte ganz gut geklappt und auch wenn es an ihr nagte, war klar gewesen, dass ihre Noten sich verschlechtert hatten. „Es ist immer noch kein schlechtes Zeugnis.“ Frau Graf legte eine Hand auf Ellis Armlehne. Elli knotete ihre Hände in ihrem Schoß. „Ist nur ein Zwischenzeugnis“, sagte sie und sah auf ihre Hände. „Ganz genau.“ Frau Graf lächelte auf eine Art, dass Elli zurücklächeln konnte, obwohl sie immer noch halb wegschaute. Ellis Vater räusperte sich. „Und was ist mit dem nächsten Zeugnis?“ „Das müssen wir besprechen.“ Herr Bickenbach lehnte sich tief über den Schreibtisch und sprach leiser weiter. „Dein Mutterschutz beginnt im Februar, richtig?“ „Ja.“ Elli sagte das laut und deutlich. Es gab keinen Grund das so zu sagen als wäre es etwas schlechtes. Ihr Schulleiter zuckte und lehnte sich wieder zurück. „Nun, da wirst du einige Klassenarbeiten verpassen. Möchtest du das Jahr dann nicht besser wiederholen?“ Elli erstarrte. Das war mit ihrer Klassenlehrerin anders besprochen. Und deren Hand lag immer noch auf ihrer Armlehne. Das half. „Eigentlich wollte ich die Arbeiten dann nachholen. Ich darf ja lernen, ich komme nur nicht in die Schule.“ „Stellst du dir das so einfach vor?“ Herr Bickenbachs Augenbrauen waren beide hoch in seine Stirn gewandert. Eine eindrucksvolle Geste, obwohl diese Brauen schmal waren und hell wie seine blondgrauen Haare. „Ich stell mir gar nichts davon einfach vor.“ Jetzt räusperte sich Ellis Mutter, aber Elli verstand nicht, warum. Sie waren doch hier, um genau das zu besprechen, dann musste sie auch sagen, was sie wollte. „Frau Graf meinte, ich könnte das am Ende des Schuljahres machen, wenn für die anderen die Noten schon feststehen.“ Ihrer Lehrerin hatte auch gesagt, dass das einfacher war, weil niemand der Unterricht mehr so ernst nahm und ihr das ein bisschen Zeit gab nach den eigentlichen Zeugniskonferenzen, aber das musste sie dem Schulleiter nicht unbedingt auf die Nase binden. „Es sind ja keine Abschlussprüfungen. Wir geben uns alle ein bisschen Mühe, dann funktioniert das.“ Elli fragte sich, ob das ernst gemeint war oder ob es hieß, dass sie das hintenrum so drehen würde, dass es später kein Problem wird. Sie fragte sich, ob sie das offiziell so durfte, aber auch das war etwas, was sie wohl besser nicht aussprach. „Theoretisch könnte es ein Hauptschulabschluss sein.“ Elli zuckte zusammen, weil sie total vergessen hatte, dass Herr Theis auch mit in diesem Raum saß. Frau Graf zwinkerte Elli zu. „Ich bin mir sicher, Elli macht ihre mittlere Reife. Ob nächstes oder übernächstes Jahr.“ Da war sich Elli auch ziemlich sicher. Eigentlich wollte sie sogar Abitur machen, einfach, weil sie keine Ahnung hatte, was sie sonst tun sollte. Aber ob das ging, musste sie wohl erst noch herausfinden. „Planen wir mal mit übernächstem Jahr“, sagte Herr Bickenbach. „Muss ich das jetzt planen?“ Das platzte mehr oder weniger aus ihr heraus. Man plante doch auch normalerweise nicht eine Klasse zu wiederholen, schon gar nicht mit der Schulleitung. Warum sollte das bei ihr jetzt anders sein? „Ich halte es für besser“, sagte er eindringlich und senkte das Kinn fast bis auf die Brust. Wenn er eine Brille getragen hätte, wäre sein Blick glatt darüber gegangen, aber er trug keine. „Wenn man nicht aufpasst, hat das eben Konsequenzen.“ Daraufhin passierten mehrere Dinge gleichzeitig. Ellis Vater sagte „Also, hören Sie mal!“, ihre Mutter stand so schnell auf, dass ihr Stuhl nach hinten kippte, Frau Grafs Griff um Ellis Armlehne wurde so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden und Herr Theis rutschte auf seinem Stuhl weit nach vorn. „Das ist unangebracht“, sagte er leise, aber fest und Ellis Mutter schaffte es nach der Sekunde, die sie fürs Aufspringen gebraucht hatte, soweit an den Schreibtisch heranzutreten, dass ihre Oberschenkel das Papier darauf verschoben. „Passen Sie mal auf, wir tragen weiß Gott schon genug Konsequenzen und wenn Sie es wagen, meine Tochter schlechter zu behandeln, nur weil sie und nicht ihr Freund das Baby kriegt, werden Sie von unserem Anwalt hören, haben Sie mich verstanden!“ Das war eindeutig nicht als Frage gemeint und Ellis Mutter wartete nicht auf eine Antwort. Sie schnappte sich ihre Handtasche vom Boden, nahm kurz irritiert den liegenden Stuhl zur Kenntnis, ließ ihn aber da, und rauschte aus der Tür hinaus. Ihr Mann brauchte einen Augenblick länger, aber er sah ähnlich verärgert aus. „Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich bin vollkommen ihrer Meinung.“ Dann stand auch er auf, wartete aber auf Elli. Die wartete auf das Nicken ihrer Klassenlehrerin, bevor sie ihm folgte. Hinter sich hörte sie noch Herr Theis‘ Stimme. „Elli ist sicher nicht von alleine schwanger geworden.“ Dann blieb sie an etwas hängen und stolperte. „Oh, fuck, tschuldige.“ Das etwas war ein jemand und fing sie auf. „Ich wollte nur, ich dachte nur, du wärst vielleicht gerade nicht gern allein.“ Ein paar Meter weiter waren ihre Eltern stehengeblieben, als sie kapiert hatten, dass dieser Jemand wegen ihr da stand und wartete, aber das war Elli gerade egal. Sie fiel Benni einfach um den Hals. Er war da, wo sie sonst niemanden hatte. Das reichte schon.