Was wäre, wenn das alles wäre. Kapitel 18
„Hi, ich bin Nadine. Wir sagen Du, ja?“ Nadine betrat den Raum und füllte ihn vollkommen aus. Nicht nur, weil sie eine Wucht war, breite Hüften, wallendes Haar, glänzende Wangen, starke Beine. Sondern vor allem, weil sie diese Präsenz hatte. Elli kam sich sehr klein vor. Dass direkt hinter Nadine ihre Mutter mit in den Raum schwappte, machte es nicht gerade besser. Sie hatte sie so laut und wütend verteidigt in der Schule. Seitdem lief es viel besser zwischen ihnen und endlich war da jemand, die Elli Ratschläge geben konnte, was zu tun oder zu besorgen war. Immerhin hatte Sabine doch auch zwei Kinder groß gekriegt und sie würde da sein, wenn Elli sich jetzt um eins kümmern musste. Elli war umgeben von Leuten, die es besser wussten. „Keine Sorge, wenn wir uns nicht mögen, finde ich eine Kollegin.“ Nadine zwinkerte und Elli bemerkte, dass sie weder gegrüßt noch sonst irgendwie reagiert hatte. „Tschuldigung. Hi. Elli.“ Sie atmete durch und ihr Kopf wurde freier. „Schon in Ordnung. Wir versuchen die Dinge heute etwas klarer und einfacher zu machen, ja?“ Elli nickte. Einfacher war gut. „Können wir rauf gehen?“ Das Wohnzimmer kam ihr dafür einfach nicht richtig vor. In dem Raum war viel zu viel normales Familienleben. „Sicher! Wenn ich bleiben darf, krieg ich dann vielleicht einen Kaffee? Der letzte Termin war ziemlich hektisch und meine Pause ist ausgefallen.“ „Ich mach schon. Geht ihr mal hoch, ich störe dann auch nur kurz.“ Ellis Mutter lächelte. Sie sah ziemlich erleichtert aus, dass diese erste Begegnung halbwegs funktionierte. Vermutlich sollte Elli das auch sein. Sie wartete darauf, dass sich dieses Gefühl einstellte. Fürs Erste ging sie voraus und zeigte Nadine ihr Zimmer. Es war normalerweise sowieso ganz gut aufgeräumt. Sie musste sich vor fremden Gästen keine Gedanken machen, auch wenn sie normalerweise keine fremden Gäste hier hatte. Deswegen gab es auch keine guten Sitzplätze. „Ähm.“ „Kann ich mich da hinsetzen?“ Nadine deutete auf den Drehstuhl am Schreibtisch. Elli nickte wieder und setzte sich selbst auf ihre Bettkante. „Also. Du bist fünfzehn. Schwierige Situation, mh?“ „Sechzehn. Seit letzter Woche.“ „Oh! Na dann herzlichen Glückwunsch!“ Nadine klatschte in die Hände. Sie nahm sich ihre Umhängetasche von der Schulter und stellte sie neben sich auf den Boden. „Hast du was Schönes gemacht?“ „Mit meinen Freundinnen.“ Elli fragte sich, ob Smalltalk zum Beruf gehörte oder ob das Nadines Art war. „Das ist gut, Freundinnen sind jetzt besonders wichtig.“ Da konnte sie ihr nur zustimmen. Anna, Ceyda und Joyce hatten sie zum Essen eingeladen und danach ins Kino und zu Ceyda nach Hause, deren Familie gar nicht genug von dem runden Babybauch bekommen konnte. Und irgendwann hatte sie alle Hände ihrer liebsten Mädchen auf dem Bauch während das Baby darin danach trat. Es war toll gewesen, aber der Moment gehörte ihnen vieren. Elli wollte davon nichts erzählen. Nadine wechselte die Stimmlage. „In Ordnung. Weißt du ungefähr, was eine Hebamme macht? Hast du eine Idee, wie ich dir helfen kann in den nächsten Wochen?“ Elli zuckte mit den Schultern. Natürlich hatte ihre Mutter ihr erzählt, was Nadine so in etwa tat und sie selbst hatte sich den Beruf mal online angeschaut. Aber das bedeutete ja noch lange nicht, dass sie diese fremde Frau besser kannte oder wusste, ob sie das wollte. Nur Hilfe konnte eben nicht schaden, also saßen sie hier. „Also, ich könnte deine Hebamme sein. Ich kümmere mich vorher, während der Geburt und danach um dich und bin deine Ansprechpartnerin für… naja, für alles, was du willst. Zum Teil kann ich die Vorsorge machen wie ein Arzt oder eine Ärztin. Kommst du mit deinem klar?“ „Meine Ärztin ist in Ordnung.“ Elli blinzelte. Die Ärztin, bei der sie jetzt war, war zumindest in Ordnung. „Gut, das ist super. Dann hättest du immer zwei Leute, die du ansprechen kannst, wenn du Fragen hast. Aber deine Ärztin kommt nicht mit zur Geburt. Das könnte ich machen. Und wenn das Kleine da ist, komme ich am Anfang jeden Tag zu dir, wenn du willst.“ „Sie… .“ Es klang zwar seltsam in Ellis Ohren, aber Nadine hatte ja selbst vorgeschlagen, dass sie sich beide duzen sollten. „Du kommst mit zur Geburt?“ „Ja, ich bin Beleghebamme. Ich arbeite auch noch in einem Krankenhaus hier in der Nähe. Wenn du möchtest, vereinbaren wir eine Rufbereitschaft. Wann immer es also losgeht, komme ich dazu und bleibe dabei, egal ob ich gerade Schicht habe oder nicht.“ Elli fand, dass Nadine immer ganz schön viel sagte dafür, dass sie nur so kurze Fragen stellte. Da gab es sehr viel, dass sie nicht wusste und dass ihr erst jetzt eine Hebamme erzählte. Und sie spürte, dass da noch viel mehr war. „Muss ich denn ins Krankenhaus?“ Manuele hatte mal fallen lassen, dass sie das mit einer guten Hebamme genauso gut zu Hause machen konnte. Nadine zögerte aber merklich, bevor sie antwortete. „Du musst erstmal gar nichts. Hast du dich denn schon mit Hausgeburten auseinandergesetzt?“ Elli schüttelte wieder den Kopf und fühlte sich wieder unglaublich unwissend. „Neun Monate sind nicht genug Zeit, um alles zu lernen.“ Wie blöd das schon wieder klang! Aber egal, wie wenig sie wusste, sie konnte immer noch selbst entscheiden, was sie tun würde. Schließlich war das dann auch ihr Kind, um das sie sich kümmern musste. „Das trifft es genau.“ Nadine lachte ein bisschen vor sich hin. Sie klang nett. „Aber dafür bin ich ja hier. Ich kann dir alles mögliche erklären, aber das musst du dann zeitnah entscheiden, ja?“ Elli verzog das Gesicht. Neun Monate machten eben auch, dass man sich schnell entscheiden musste, ohne irgendeinen Plan zu haben, was auf einen zukam. „Ja, okay. Und wenn ich doch in… deine Klinik gehe?“ Es klopfte. Ellis Mutter trat ein, ohne sich erst darum bitten zu lassen, den Ellbogen an den Türklinke, und stellte eine Kaffeetasse, eine Zuckertasse und eine Milchkanne auf Ellis Schreibtisch ab. „Danke!“ Bei Nadine klang das, als wäre Kaffee ihr Sauerstoff und sie trank ihn schwarz. Einen Augenblick später war Ellis Mutter schon wieder aus dem Zimmer verschwunden, wie sie es versprochen hatte. „Dann bin ich gern dabei.“ Nadine grinste wie über ein großes Kompliment und Elli sagte nicht, dass sie sich noch nicht entschieden hatte. „Also, mal abgesehen davon gibt es ein paar andere Dinge, um die ich mich zusammen mit dir kümmern kann. Ich denke, ein Geburtsvorbereitungskurs wäre gut. Da lernst du einiges, was du dann brauchen kannst und auch, wie du die ersten Wochen mit deinem Kind klarkommst. Außerdem wäre es doch toll, schon mal andere Mütter kennenzulernen. Ich würde mich mal umhören, wo es noch besonders junge Frauen gibt, die gerade auf der Zielgeraden sind.“ Zielgerade wie beim 100-Meter-Lauf. Sport war schon schwerer geworden in der letzten Zeit, aber so richtig nachvollziehen konnte Elli die Metapher trotzdem nicht. „Es gibt auch Rückbildungsgymnastik für nach der Geburt und für junge Mütter ein Café, wo ihr euch mit den Babys und den Kleinkindern treffen könnt. Vermutlich wärst du da immer noch die Jüngste, aber irgendwo muss man ja mal anfangen, was?“ Sie nahm noch einen Schluck von dem Kaffee und offenbar war damit die Tasse auch leer. „Okay.“ Dagegen hatte Elli absolut nichts einzuwenden und gleichzeitig war sie ziemlich froh, dass ihre Antworten schon lange nicht mehr jedes Mal wie Fragen klangen. „Schön. Sag mal, hast du deinen Mutterpass hier?“ Jetzt war es an Elli zu zögern. Sie hatte ihn furchtbar hässlich gefunden, dafür, dass sie ihn immer dabei haben sollte, also hat sie ihn Joyce anvertraut, um ihn ein wenig zu ändern. Jetzt stand sie auf, holte ihn aus ihrem Rucksack und hielt ihn Nadine hin. Ein lila-schwarz-silberner Umschlag mit Paisleymustern und Blumen. Der eigentliche Pass war darin und sah immer noch genauso aus wie alle anderen, nur seine Verpackung war eben schöner. Fand zumindest Elli. Joyce fand das natürlich auch. „Oh, toll. Hast du das gemacht?“ Elli schüttelte den Kopf. „Meine beste Freundin.“ „Hach, endlich mal was anderes.“ Nadine grinste ziemlich breit. „Gut, ich sehe mir das kurz an, ja?“ Sie drehte sich ganz ungeniert zum Schreibtisch und legte den Pass dort ab, um ihn in Ruhe zu lesen. Währenddessen wusste Elli absolut nichts mit sich anzufangen. Sie fragte sich, ob sie bei diesen Kursen mit Babypuppen übten. Diese lebensgroßen, mit denen sie selbst nicht so viel gespielt hat. Zumindest konnte sie sich nicht daran erinnern. Sie mochte lieber Kuscheltiere und immer schon Instrumente und draußen toben. Als Kind ist sie auf Bäume geklettert. Jetzt sollte sie ein Baby bekommen. „So, fürs Erste wäre es das.“ Nadine drehte sich auf dem Stuhl wieder zu Elli und drückte ihr den Mutterpass in die Hand. Sie hätte ihn auch einfach auf dem Schreibtisch liegen lassen können. „Möchtest du, dass wir einen neuen Termin ausmachen oder willst du dir das lieber nochmal überlegen?“ Elli wollte nicht wirklich schon wieder darüber nachdenken, wo sie Hilfe bekommen könnte. Das klang doch bisher alles gar nicht so schlecht. „Wir können was ausmachen.“
Als sie mit Nadine die Treppe hinunter zur Tür ging, lehnte Steven unten in der Tür zu dem Arbeitszimmer ihrer Eltern. Nadine winkte sehr enthusiastisch in seine Richtung und ließ sich kein Stück davon irritieren, dass er nur mit einem zurückhaltenden Nicken reagierte. Sie gab Elli nicht die Hand, sondern drückte sie sang- und klanglos kurz an sich, mit vielen beteuernden Worten in sehr kurzer Zeit und war dann weg. Der Motor ihres Autos sprang an und Steven lehnte immer noch im Türrahmen. „Hey, hast du kurz Zeit?“ Eigentlich hatte sie keine Kapazitäten mehr für wichtige Gespräche, aber es waren Steven, also blieb sie einfach stehen, wo sie war und wartete darauf, dass er anfing. „Ich zieh‘ hier runter ins Arbeitszimmer, in Ordnung? Papa hat gefragt, was mir am liebsten wäre, ob ich meins behalten will und…“ „Musst du nicht“, fiel Elli ihm ins Wort. Ja, natürlich hatten sie darüber gesprochen. Sie wollte die Schule zu Ende machen und musste dafür irgendwo konzentriert lernen können, aber das hieß eben nicht unbedingt, dass… „Ja, schon klar. Aber dann seid ihr nebeneinander und ich ein Stück weg vom Geschrei.“ Er verzog die Miene halb zu einem Grinsen und halb zu diesem ungläubigen Gesichtsausdruck, den er mit sich herumtrug seitdem Elli ihren Eltern von der Schwangerschaft erzählt hatte. „Pass auf, das ist bestimmt einfacher und ich find‘s ganz cool den Ausgang an der Terrasse zu haben, okay? Es macht mir nichts aus.“ Er bewegte sich dann doch noch, stieß sich mit der Schulter vom Türrahmen ab und kam an Elli vorbei, weil er zur Treppe nach oben wollte. Noch war da ja sein Zimmer. Er stupste ihr in den Bauch. „Hi, Nichte.“ Dann war er weg.