nadnoennas

Was wäre, wenn das alles wäre. Kapitel 2

Mittlerweile war die Sonne so heiß, dass Elli sie nicht mehr genießen könnte, selbst, wenn sie gerade nicht ihren Kopf woanders gehabt hätte. Die gelbe Scheibe am Himmel brannte auf ihren Nacken hinunter, während sie sich alle Gesichtsausdrücke gleichzeitig vorstellte, die Dennis so zeigen könnte. Klar, sie liebte ihn. Genug, um mit ihm zu schlafen. Das war schön, gar nicht so, wie die Clique befürchtet hatte. Es tat gar nicht weh, wenn sie Lust drauf hatte. Und wenn nicht, ließen sie es bleiben, soviel hatte sie schon verstanden von Sex. Für Dennis ging das klar, er war ja kein Idiot. Auch deswegen liebte sie ihn. Nur wie er jetzt reagieren würde, dazu fasste Elli keinen klaren Gedanken.

Es wurde immer heißer und immer heller. Elli schlich die Treppe hinunter. Es war keine Absicht, es gab keinen Grund leise zu sein. Das blaue Kreuz auf dem Teststreifen packte sie und jeden ihrer Schritte, hob sie hoch und wieder runter, Hoppe, Hoppe, Reiter, nicht mehr auf dieser Welt. „Ich geh noch kurz zu Dennis.“ „Okay!“ Im Vorbeigehen nahm sie eine der Baseballkappen ihres Bruders vom Kleiderhaken im Flur und setzte sie sich auf. Eine weiße Kappe mit dem Logo des 1. FC Köln vorne drauf geflockt. Die Haustür fühlte sich schwerer an als sonst und das Lachen des Wichtels mit der roten Mütze, der im Vorgarten unter dem Kirschbaum stand, machte ihr heute keinen Spaß mehr. Der Asphalt brannte unter ihren Flipflops. Flip, Flop, einen schwebenden Schritt vor den anderen, den Gehweg hinunter bis ganz nach unten ins Ortszentrum, hunderte Meter. Wenn sie schon mit jemandem reden musste, dann doch mit ihm. Mit Dennis. Sie blieb auf der Schattenseite der Straße, kam an einem winzigen Kreisverkehr und einer Kirche vorbei. Die Blätter rauschten nicht, dafür knatterten die Dieselmotoren. Grau unter Ellis Füßen und ein wild schlagendes Herz. „Ich will ein Eis!“, brüllte ein kleines Kind mit braunen Flechtezöpfen. Die Frau an der Hand des Kindes ging unbeirt ihren Weg weiter. Das Gebrüll blieb genauso unbeirrt. Elli sog die Luft ein, verschluckte sich, musste husten. Ein Mann mit rotem Gesicht und grauem Bart klopfte ihr zweimal auf den Rücken, lachte, grölte ein paar unverständliche Worte und war schon wieder weg, bevor Ellis Atem sich ganz beruhigt hatte. Es kratzte noch im Hals, aber sie ging weiter, überquerte die Straße als sie musste, in die Sonne hinein, und bog ab, den nächsten Hügel hinauf. Es gab hier einen Schleichweg, zwischen den Häusern hindurch. Google Maps kannte diesen Weg auch, obwohl an seinem Eingang Schilder im Maschendrahtzaun hingen, auf denen „Privatweg“ und „Betreten auf eigene Gefahr“ stand. Zwischen den dunkelgrünen Blättern hindurch zu gehen, fühlte sich besser an. Kühler. Die Häuser dahinter schirmten die Sonne ab. Aber der Weg war nicht lang, dann hörten die Hecken auf, Elli ging zwischen den Häusern entlang, machte ein paar Schritte auf den Zehenspitzen. So berührte sie die Rillen nicht, Pflastersteine. In dieser Siedlung waren überall Pflastersteine. Aber Elli war kein Kind mehr, nach ein paar Versuchen hörte sie auf. Es war zu heiß für Kinderspiele und ihr Magen lag schwer von Cola in ihrem Bauch. Flip, Flop, sie öffnete das Tor zum Schulhof. Es war der schnellste Weg durch die Siedlung, Sommerferien, Mittagshitze, hier war kein Mensch außer ihr. Elli blieb stehen und horchte auf. Im Ort hatten die Kirchenglocken zu läuten begonnen, mitten in der Woche. Eine Hochzeit, eine Taufe oder eine Beerdigung, es war immer eines dieser beiden. Ihre Eltern waren Protestanten, aber nicht sehr leidenschaftlich. Der Schulhof gehörte zu ihrer ehemaligen Grundschule. Ein Klettergerüst, Markierungen für die Fußballtore, die nach den Ferien wieder hier stehen würden. Sie ließ die Fersen über den Boden schleifen, atmete laut aus. Am Gebäude vorbei führte die Treppe nach oben, ein schmaler Streifen an der Seite für die Fahrräder. Die Hände am Geländer, Elli machte ein paar Schritte in diesem Betonstreifen, blieb hängen, wollte fluchen, seufzte aber nur. Sie stieg weiter die Treppe hinauf. Flip, Flop. Oben kam die Bushaltestelle und die Straße und dahinter die Baumsiedlung. Dennis wohnte dort. Die Gärten waren geordneter als da, wo das Haus ihrer Eltern stand. Quadratisch, praktisch, kurzgeschoren. Unter einem Sonnenschirm döste ein Hund, den Wassertopf und sein Herrchen ohne Haare neben sich. Buchenweg, Ahornweg, Kastanienweg. Nummer elf. Beide Autos standen in der Einfahrt, das Garagentor offen. Sie drückte auf die Klingel. Hinter ihr trillerte ein Vogel, der das mit der Mittagsruhe anscheinend nicht verstanden hatte. Ein silberfarbener SUV fuhr vorbei, geschlossene Fenster, Klimaanlage. Elli achtete nicht auf die Marke. Die Haustür wurde geöffnet. Stephan, Dennis‘ Vater, winkte sie ins Haus, kaum dass er sie erkannt hatte, dafür musste er die Tür nicht einmal ganz aufziehen. „Hi Elli, Dennis ist oben.“ Und schon verschwand er wieder durch den Flur und die Tür, die ins Wohnzimmer führte. Dennis‘ Vater war nicht sonderlich gesprächig, dafür mischte er sich aber auch sonst nicht groß ein in die Angelegenheiten seines Sohnes. Elli hatte ihre Begrüßung noch nicht ganz hervorgebracht, als er schon wieder weg war, und schluckte sie hinunter. Alles würde sich ändern. Sie hörte Stephans Stimme, wahrscheinlich informierte er nur seine Frau Vera, wer an der Tür gewesen war. Elli trat ein und zog die Haustür hinter sich zu. Das war fast genauso wie immer. Weiße und grüne Vasen, eine Skulptur, woher auch immer, sie sah nicht aus wie selbst gemacht. Ein Eingangsbereich wie aus einem Einrichtungskatalog. Es war so ganz anders als bei ihr Zuhause, viel ordentlicher, viel ruhiger. Sie mochte das. Sie mochte auch, dass keine kleinen Geschwister dazwischen kamen, wenn sie hier bei Dennis war, weil er einfach keine hatte. Ihr Einzelkind-Freund. So nannte Kathi ihn. Ein praktischer Einzelkind-Freund. Elli ging diese lange Diele entlang bis zur Treppe nach oben. Eine Wendeltreppe mit Galerie. Dennis‘ Zimmer lag auf der anderen Seite des Hauses, mit Dachfenstern zum Garten hin. Manchmal rauchte er da auf dem Dach. Heute war sein Zimmer abgedunkelt, die Rollladen heruntergelassen. Er lag bäuchlings auf seinem Bett, vor sich den Flachbildfernseher, den Ventilator und den Controller seiner Spielkonsole in der Hand. Es war viel kühler hier drin als draußen. „Hi!“ Dennis drückte einen Knopf und das Bild auf dem Monitor fror ein. Er hob einen Arm, wartete bis Elli sich neben ihn gelegt und ihn geküsst hatte, strich ihr durch die Haare. „Alles klar?“ Elli zuckte nur mit den Schultern, küsste ihn nochmal. Er bot ihr seinen Controller an. Sie schüttelte den Kopf. Wie sagte man jemandem so etwas? Jetzt musterte Dennis ihr Gesicht, aber sie sagte immer noch nichts, legte einfach das Kinn auf die Hände und betrachtete den Bildschirm. Dennis drückte den selben Knopf nochmal und seine Figur rannte weiter durch eine mittelalterliche Stadt, offenbar verfolgt. Der Mensch im langen Gewand sprang und kletterte Mauern empor, einen Turm hinauf, überblickte eine gigantische Stadt. Elli mochte das Spiel, es gab immer etwas zu gucken und die Geschichte war viel komplexer als es auf den ersten Blick wirkte. Und es war nicht schwer zu spielen, eine gute Ablenkung, es gab Rätsel zu lösen, ein Spiel, das gemeinsam gut zu spielen war. Aber sie konnte es nicht genießen. Sie lag auf dem Bauch und in ihrem Bauch grummelte es. Dennis sah entspannt aus. Elli legte den Kopf zur Seite, küsste seine Schulter. „Ich muss dir was sagen.“ „Mh?“ Dennis schaltete wieder auf Pause, sah ihr kurz ins Gesicht und entschied sich erst dann den Controller ganz wegzulegen. Er drehte sich auf die Seite, nahm ihr Gesicht in eine Hand, küsste sie wieder und legte seinen Kopf ebenfalls ab. „Was gibt‘s?“ Sie wusste immer noch nicht, wie sie das sagen sollte. Aber dass sie es musste, das war klar. Elli betrachtete die längeren Strähnen auf seinem Kopf, darunter war das meiste an Haar kurzgeschoren. Dunkle Augen, fester Blick, weiche Lippen, wenn er nicht gerade geraucht hatte. Das tat er nicht so oft. Heute roch er nach seinem Duschgel und schmeckte nach Zahnpasta. Vermutlich war er noch nicht so lange wach. Noch ein Kuss. „Ich bin schwanger.“ „Was?“ Die Stille nach dieser einfachen Frage hielt sekundenlang an. Währenddessen klappte Dennis‘ Mund immer weiter auf. Bis er blinzelte, ihn schloss, die Spucke hinunterschluckte, die sich gesammelt hatte. „Nicht witzig.“ Er drehte sich von ihr weg, sah wieder auf den Bildschirm und nahm den Controller in die Hand. Elli schwieg. Sie sah ihm zu, der Figur in dem langen Gewand, wie sie den Turm wieder hinunter kletterte, die Mitteralterstadt aus ihrem Blick verlor und durch enge Gassen rannte. „Schatz?“ Er musste ihr einfach glauben. Er musste das doch wissen. Aber Dennis reagierte gerade nicht. Sie atmete durch, schloss die Augen im Luftstrom des Ventilators. „Ich kriege meine Tage nicht.“ „Ja, und? Das kann passieren, hast du gesagt.“ Er wandte den Blick nicht vom Bildschirm ab. „Ich habe einen Test gemacht. Ich bin schwanger.“ Dennis legte den Controller weg, ohne auf Pause zu drücken. Endlich sah er Elli wieder an. „Du hast einen Test gemacht?“ Sie nickte. „Gerade eben.“ Er hielt sich die Hand vor den Mund. Seine Stimme kam kaum durch. „Das ist dein ernst?“ Elli nickte noch einmal. Wieder dauerte die Stille zu lange. Elli sah Dennis an, dann auf den Bildschirm, dann auf die Hände unter ihrem Gesicht. Bis er wieder redete. „Ach du scheiße.“ Er rieb sich über die Stirn, setzte sich auf, aus den Lautsprechern neben dem Bildschirm kamen Schmerzlaute. Seine Figur wurde gerade getötet. „Weiß das jemand?“ „Ähm.“ Sie hatte sich nicht ausgemalt, wie so ein Gespräch ablaufen würde. Sie hatte ehrlich gesagt vor allem Angst. Aber die Frage brachte sie trotzdem ins Stocken. Einfach, weil ihre eine andere gewesen wäre. „Du und ich.“ Was sollten sie jetzt bloß tun? „Okay.“ Er atmete ein paar Mal sehr tief durch, rieb sich schon wieder über die Stirn und beugte sich dann vor, um den Pauseknopf doch noch zu drücken, auch wenn die Figur in diesem Speicherstand bereits verloren war. Der Pauseknopf schaltete die Hintergrundgeräusche aus. Nur noch leise Musik drang aus den Lautsprechern. „Okay, gut. Weißt du, wo du jetzt hinmusst? Ich komm mit.“ Sie starrte ihn an. Hatte er einen Plan? Wusste er, an wen man sich wenden konnte? „Keine Ahnung.“ Seine Hand fand ihre. „Wir kriegen das hin, es darf nur keiner wissen. Es gibt so Beratungsstellen und du musst zum Arzt. Aber keiner darf es wissen, okay?“ Feuchtkalt war seine Hand, Elli wollte sie trotzdem, nahm ihre zweite noch dazu, drückte sie, hielt sie sich an die Stirn. „Wie soll das gehen? Man sieht das doch.“ Dennis legte ihr seine freie Hand an die Wange, seine Stirn an ihre. „Keine Sorge.“ Sie wollte sich in dieses Gefühl lehnen. Sich in seine Arme lehnen und keine Sorgen haben. „Man sieht das nicht, solang man es noch wegmachen kann.“ Elli zuckte zurück. Sofort entzog er ihr beide Hände. „Scheiße, Elli, es muss halt weg.“ „Ich… .“ Musste es das? Ja, wahrscheinlich. Sie war fünfzehn. Aber sie hatte doch noch gar nicht richtig verstanden, was gerade passiert war. Was jetzt noch passieren konnte. Eigentlich wollte sie nur heulen. Die Tränen kamen, erst vorsichtig, dann schwallartig. „Das ist nicht dein ernst!“ Sie hatte ihn noch nie so reden gehört, solch ein Fauchen, ganz leise und eindringlich, so nah an ihrem Gesicht, ohne dass ein Kuss folgt. Sie wollte Küsse und sein Gesicht, suchte wieder seine Hände. Dennis bemerkte es, ließ zu, dass Elli ihn berührte, erwiderte den Händedruck aber viel zu fest. Elli keuchte auf. „Du lässt das wegmachen, hast du verstanden?“ Elli schluchzte auf, versuchte ihre Hände wieder zu befreien und schaffte es nicht. „Das ist wichtig, Elli. Hast du mich verstanden? Du musst das wegmachen lassen!“ Dennis‘ Stimme wurde höher und schneller. Aber Elli spürte nur noch ihre eigene Angst. Vor dem, was in ihr war, was jetzt passierte und vor dem Jungen, den sie eigentlich liebte. Der Monitor flimmerte, vor dem Fenster glitzerte das blaue Glas des Aschenbechers durch die Rillen der Rollladen. Die Sonne blieb draußen, die Hitze und ihre Atemluft. Sie riss sich mit viel Kraftaufwand los und sprang auf, verhedderte sich in einer Falte der Bettdecke. Mit einem Fuß noch auf dem Bett und verschwommener Sicht, ohne dass Dennis über ihre Tollpatschigkeit kicherte und sie befreite, brach sie in Panik aus. Er half ihr nicht. Sie fummelte verzweifelt an der Decke herum, bis ihr Fuß nicht mehr eingewickelt war. Dennis setzte sich vor ihr auf, Elli trat noch einen Schritt zurück. Sein Gesicht veränderte sich, sein Atem ging tiefer und langsamer und für ein paar Sekunden schloss er die Augen. Doch Ellis Hand tat weh von seinem Druck, sie rieb sie, machte den nächsten Schritt Richtung Tür. „Elli.“ Er rieb sich die Stirn. „Du bist fünfzehn.“ Sie senkte den Blick. Ja, sie war fünfzehn und es lief drauf hinaus, er hatte natürlich recht. Das Heulen hörte einfach nicht auf. Sie wollte das alles nicht. „Komm her, Süße.“ Dennis streckte einen Arm aus, lange, bis Elli sich überwunden hatte sich wieder zu ihm zu setzen, sich an ihn zu lehnen und da weiter zu heulen, das Gesicht an seinem Hals, die Hände in ihrem Schoß. „Ich komm‘ mit, ja? Wir machen das zusammen und dann ist alles wieder gut.“ Darauf konnte Elli nicht antworten, selbst, wenn sie gewollt hätte. Das Zimmer blieb dunkel, die Angst blieb in ihr und sie wollte nicht mal durch eine Kopfbewegung Abstand von Dennis. Er war gerade ihr einziger Halt, in sich selbst fand sie keinen mehr. Stattdessen heulte sie einfach weiter, minutenlang wahrscheinlich. Bis schließlich das Schluchzen seltener wurde und ihre Augen trocken brannten. Dennis rieb ihr über den Rücken, entzog sich ihr plötzlich und stand auf. „Ich hol was zu trinken.“ Da saß sie auf einmal alleine auf der roten Bettwäsche in dem abgedunkelten Raum mit dem flimmernden Monitor. Dennis hatte die Tür hinter sich zugezogen. Elli drehte sich um, betrachtete den Bildschirm, einfach nur, weil es bei dem am meisten Bewegung gab, dann zu den Schlitzen aus Licht am Fenster. Ihre Finger fuhren über das Laken. Es war aus Satin, kühl, glänzte ihr schwach entgegen in dem wenigen Licht, das im Raum war. Sie ließ sich rücklings fallen, rollte sich mit dem Kopf auf das Kissen, verbarg ihr Gesicht darin und steckte schließlich ihren ganzen Kopf darunter. Elli drehte sich, kroch weiter in die Mitte des Bettes, bis sie halb unter Decke und Kissen war und nur noch ihr Gesicht auf der Seite herausschaute, wo die Zimmertür war. Alles roch nach Dennis. Aber er brauchte lange. Elli schloss die Augen. Ob er seinen Eltern etwas sagte? Würde sie ihren Eltern etwas sagen? Niemand sollte es wissen, hatte Dennis gesagt. Dass man es so lange gar nicht sehen konnte. Sie drückte das Kissen weiter herunter und atmete ein. Dennis‘ Geruch. „Süße?“ Er war wieder reingekommen, ohne dass sie es gemerkt hatte. Glas klang auf der Glasplatte des Nachttischs. Sie öffnete die Augen wieder, da stand eine Wasserflasche, das Trinkglas dazu hielt er noch in der Hand. „Komm, trink was. Du hast so viel geheult.“ Ja, das hatte sie wohl. Elli setzte sich vorsichtig auf, blieb dieses Mal nicht in der Decke hängen oder sonst irgendwo. Sie ließ sich einschenken, hörte wieder Glas auf Glas, nahm ihm das Wasser ab, trank einen Schluck und nickte statt laut Danke zu sagen. „Was jetzt?“ „Ich hab das mal gecheckt.“ Er zog sein Smartphone aus der hinteren Hosentasche, setzte sich neben sie und legte ihr einen Arm um die Schultern. „Du musst zu deiner Frauenärztin und dann zu so einer Beratungsstelle.“ Elli nickte wieder, zu ihrer Ärztin gehen musste sie ganz sicher, egal, was danach noch kommen sollte. Sie sah auf, sah Dennis ins Gesicht. „Kommst du mit?“ Er sah aus als wollte er das auf keinen Fall, aber nur für eine Sekunde, dann war sein Ausdruck wieder derselbe wie vorher. Dennis seufzte. Seine Hand drückte ihre Schulter und zog ihren ganzen Oberkörper an seinen heran. „Klar, Süße. Ich hab‘ doch gesagt, wir machen das zusammen. Sag‘s einfach keinem okay?“ „Okay.“ Dann sagte sie es eben erst einmal niemand anderem. Der Wichtigste wusste es ja jetzt. Verdammte scheiße. Schwanger. Mit fünfzehn. Sie trank das Wasserglas aus. „Ich bin müde.“ „Dann leg dich hin.“ Er küsste sie auf die Stirn und auf den Mund. „Ich muss meiner Mutter schreiben.“ Dennis zuckte zusammen. Elli zuckte mit, begriff dann aber schnell, dass er das jetzt nur falsch verstanden hatte. „Dass ich nicht zum Essen komme.“ Dennis atmete pfeifend aus. „Oh, man. Ja, klar.“ Sie hatte keine Ahnung, wo ihr Rucksack abgeblieben war und musste ihn erst einmal suchen. Der war nicht wichtig gewesen in den letzten Minuten. Er stand neben der Zimmertür an der Wand, wo sie ihn immer abstellte, wenn sie hier war. Ihr Smartphone war in einem Innenfach. Sie ging hin, zog es raus, schrieb die Nachricht, schickte sie ab und schlich zurück zum Bett. In dem stillen Zimmer kamen ihr ihre Schritte zu laut vor. Ihre Existenz kam ihr zu laut vor. „Komm her, leg dich hin.“ Dennis empfing Elli mit offenen Armen, schüttelte das Kissen noch einmal auf und deckte sie zu. Er strich ganz leicht mit den Fingern ihren Arm entlang. „Kannst du weiter zocken?“ Dennis grinste. „Klar.“ Mit dem Soundtrack des Spiels, den Stadt- und hin und wieder ein paar Kampfgeräuschen döste Elli bald ein. „Hey, hast du Hunger?“ Anscheinend hatte sie nicht tief genug geschlafen, um auch so zu wirken als würde sie schlafen. Sie hörte Dennis‘ Frage beim ersten Mal, aber ihre Augen klebten ein bisschen zusammen. „Nein.“ Ihr Hals kratzte und sie klang nicht wie sie selbst. „Du musst was essen, ich bring dir was mit.“ Schon wieder war Elli allein und das letzte, das sie wollte, war allein zu sein. Sie richtete sich auf, rieb sich lange die Augen, aber sie hörten nicht auf zu brennen. Mit den Fingern nahm sie Wasser aus dem Glas und versuchte es noch einmal. Das machte es ein wenig besser. Dann rutschte sie ans Fußende des Bettes, setzte sich in den Schneidersitz und nahm den Controller in die Hand. Jetzt steuerte sie die Figur in dem langen hellen Gewand. Aber sie hatte keine Lust zu kämpfen. Sie rannte einfach nur durch die Stadt, klickte ein paar Dialoge mit den Menschen durch, die ebenfalls ziellos vom Computer gesteuert herumliefen, mit denen, die an Marktständen standen, aber sie kaufte nichts. Das war ja nicht ihr Account. Und immer, wenn jemand hinter ihr sie anbrüllte, sie sollte anhalten, rannte sie schnell weiter. Dennis kam zurück und schob die Tür mit der Fußspitze hinter sich zu. Seine Hände hatte er nicht frei, er trug zwei Teller, voll beladen mit Melonenschnitzen, eingewickelt in Schinken. Weintrauben und Käsewürfel lagen zusammen aufgespießt daneben. Elli war sofort übel. „Schmeckt großartig.“ Als er ihren Gesichtsausdruck sah, lachte er. „Schwangerschaftsübelkeit, oder was? Jetzt schon?“ Elli starrte ihn wohl ziemlich entgeistert an, denn er ruderte sofort zurück, setzte sich wieder neben sie, aber nicht so nah wie eben, als er sie getröstet hatte. Die Teller stellte er sich hintereinander auf die halbnackten Oberschenkel. Er trug nur Shorts und T-Shirt, seine Beine waren ganz fein beharrt. „Tschuldige, aber drüber lachen ist besser als drüber weinen, oder?“ Sie hob leicht die Schultern. Nein, darüber lachen konnte sie wirklich nicht. Außerdem hatte sie nicht das Gefühl je wieder essen zu können, aber wahrscheinlich hatte Dennis auch damit recht. Sie musste etwas essen. Cola reichte nicht, um einen Körper am Leben zu halten. Oder gleich zwei Körper. Aber das zählte vermutlich noch nicht. Elli zupfte eine Weintraube von einem Spieß und steckte sie sich in den Mund. Kaum sauer, dafür sehr süß. Sie nahm noch eine. „Hier.“ Dennis hielt ihr Melone in Serranoschinken hin. Sie biss ein Stück ab, wälzte es in ihrem Mund herum und merkte dann, wie die Figur auf dem Bildschirm gerade erstochen wurde. „Oh scheiße“, nuschelte sie. Dennis sah hin, grinste, zuckte mit den Schultern. „Ist doch egal.“ Dann küsste er sie während sie noch den Mund voll hatte.

Es war so dunkel als Elli das nächste Mal aufwachte, dass sie die Augen sofort wieder schloss. Neben ihr atmete Dennis ruhig ins Kissen. Sie legte eine Hand auf seinen Rücken, strich die Wirbelsäule entlang, doch er murrte, bis sie wieder damit aufhörte. Den Bildschirm und die Spielekonsole musste er ausgeschaltet haben als sie gerade tief genug geschlafen hatte. Nur das rote Standby-Licht leuchtete noch. Davon gab es einige in Dennis‘ Zimmer, fast alle gegenüber von seinem Bett. Auf dem Nachttisch stand ein digitaler Wecker mit weiß glimmenden Ziffern. Elli zählte Sekunden, dann Minuten und wunderte sich nicht darüber, dass sie einige von diesen Minuten, auch mal eine halbe Stunde, einfach übersprang. Sie bekam die Zeit nicht mit und trotzdem dauerte sie ewig in dieser Nacht. Ihr Bauch war aufgebläht, sie hatte Hunger, aber keinen Appetit und keine Energie, um weiter zu weinen, was sonst vielleicht gut getan hätte. Immerhin fand sie die Kraft sich auf den Rücken zu drehen und das Nichts der Zimmerdecke über sich anzustarren, um in diesem Halbschlaf nicht ständig die Uhrzeit zu sehen. „Bist du wach?“ Elli blinzelte. Der Lichtschein in den Ritzen der Rolladen war wieder da. Er glitzerte nicht, aber er war definitiv da, also war es wohl wieder Tag. Noch ein Tag, an dem sie schwanger war. „Hey, hast du überhaupt geschlafen? Du siehst total fertig aus.“ Ihre Augen fühlten sich an als würden Bleigewichte darauf liegen. Die Arme genauso. Aber sie hob sie hoch zu ihrem Gesicht, strich sich die Haare über die Stirn zurück und wühlte nach dem Haargummi, das sie nachts immer verlor. Dann tastete sie nach Dennis, aber die Seite seines Bettes war leer. Das Laken war noch warm. „Nicht wirklich“, antwortete sie viel zu spät. Dann fand sie ihn, an seinem Schreibtisch, der fast leer war abgesehen von seinem Laptop und ein paar Ladestationen für Smartphone, Tablet, und was er sonst noch so hatte. Er drehte sich mitsamt dem Drehstuhl ganz zu ihr um, beugte sich vor und stützte sich mit den Ellogen auf seinen Knien ab. Elli richtete sich auf, nahm eine ähnliche Position ein, aber sie verbarg ihr Gesicht in ihren Händen. Wenn sie fertig aussah, sah sie einfach so aus wie sie sich fühlte. „Soll ich dir eine Kaffee machen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Energy Drink?“ Elli sah auf. „Ja, okay.“ Dennis stand auf, er trug nur Shorts, ging an den Mini-Kühlschrank neben dem Fernseher und holte eine Energy Drink heraus. Die Dose gab er Elli, blieb vor ihr in der Hocke, strich ihr eine Strähne hinter das Ohr und küsste sie auf die Nasenspitze. „Die Praxis hat auf, wir können da jetzt anrufen.“ Elli knackte den Dosenöffner auf, bog den kleinen Metallring erst nach vorn, dann nach hinten und brach ihn aus Versehen ab. „Jetzt?“ „Naja, lange warten können wir eh nicht.“ Und sie schlief ja auch nicht. Das kannte sie bisher gar nicht, dass sie nicht schlafen konnte, obwohl sie nicht krank war. Sie musste so oder so bei ihrer Ärztin anrufen. „Ich geh erst aufs Klo.“ Wenigstens Zähne putzen und pinkeln, bevor sie das machte. Es noch ein paar Minuten rauszögern. Im Bad schob sie die nackten Füße auf dem flauschigen Teppich vor und zurück. Ihre Zehen krallten sich hinein. In dem Glas am Waschbecken stand auch eine Zahnbürste für sie. Elli war schon eine ganze Weile lang ständig Übernachtungsgast hier. Ihr Spiegelbild zeigte Elli verquollene Augen und trockene rote Wangen. Sie wollte so nicht aussehen und versuchte am Spiegel vorbei zu gucken. Dann drehte sie sich noch einmal um zur Toilette, wusste für einen Moment nicht mehr, ob sie schon pinkeln gewesen war oder nicht. Sie putzte sich die Zähne, wusch sich das Salz ihrer Tränen aus dem Gesicht. „Besser?“, fragte Dennis, sobald Elli die Zimmertür wieder hinter sich geschlossen hatte. Er hielt sein Smartphone in der Hand. Sie starrte es ziemlich an, bis ihre Augen wieder brannten, rieb sie und nickte, obwohl das gelogen war. Sie fühlte sich nicht besser. Sie fühlte sich beschissen, ließ sich wieder auf das Bett plumpsen und rutschte vor bis an die Kante, beide Füße fest auf dem Boden. „Okay.“ Dennis verstand das offenbar als Zustimmung und wischte auf seinem Gerät herum. „Du oder ich?“ Elli deutete auf ihn. Wenn sie diese Aufgabe abgeben konnte, tat sie es gern. Sofern sie sagen konnte, dass sie gerade überhaupt irgendetwas gerne tat. Eigentlich nicht. Ihr stockte der Atem, als Dennis sich das Smartphone ans Ohr hielt. Sie lauschte, hörte den regelmäßigen Ton. „Soll ich laut machen?“ Elli schüttelte sofort den Kopf. Der Ton wurde unterbrochen und eine Stimme meldete sich mit gleich mehreren Sätzen. Praxis, Name und die übliche Floskel, Elli hörte es nicht wirklich, es kam einfach nicht verständlich bis zu ihr. Sie wollte es auch gar nicht so genau wissen gerade. „Ja, hi, Dennis Wagner, ich ruf für meine Freundin an, Eileen Dohm. … Genau. Also, sie braucht einen Termin, sie ähm, hat einen Schwangerschaftstest gemacht. Ja, genau. Ähm. Okay. Muss ich mitkommen? … Okay. Nein, ich denke nicht. Morgen früh, acht Uhr dreißig.“ Kurz sah er Elli an, wohl als Frage, ob der Termin für sie passte. Sie starrte zurück. Sie würde alles absagen für so einen Termin, war ihm das nicht klar? Dennis zuckte mit den Schultern. „Ja, geht klar. Ähm. … Wie lange dauert das? … Nein, ich meine so insgesamt. Bis alles weg ist. Ich kann dann… … oh, ähm. Ja, okay. Verstehe. Ja, ist gut. Okay. Tschüss.“ Ellis Mund hatte sich ganz ohne ihr Zutun geöffnet. Dennis wischte noch ein bisschen herum, legte das Smartphone dann hinter sich auf den Schreibtisch. „Bis was weg ist?“ Er ruckte mit seinem Blick zurück zu ihr, glasige Augen. Elli schnaubte. „Hast du gerade… wolltest du einen Termin für eine Abtreibung machen?“ Vollkommen hilflos hob Dennis die Hände hoch. „Hey, ich hab auch keine Ahnung, wie sowas abläuft. Passiert mir nicht ständig, weißt du.“ Elli stand auf, ballte die Fäuste. „Das hab ich nicht gesagt.“ „Was?“ „Dass ich das will. Ich weiß nicht, was ich will.“ Dennis zog die Augenbrauen zusammen und dann noch oben in seine Stirn hinein. Elli wusste nicht, wie sie diesen Gesichtsausdruck deuten sollte. Den kannte sie so noch nicht von ihm. „Was heißt das?“ Sie hob die Arme, ließ sie aber sofort wieder fallen. „Keine Ahnung. Ich… ich weiß es eben nicht. Du kannst das nicht einfach ohne mich entscheiden.“ „Du meinst, du kannst das nicht ohne mich entscheiden. Ich will bestimmt kein Kind.“ „Ich doch auch nicht!“ „Scheiße, worüber reden wir denn dann gerade?“ Ellis Mund stand wieder offen. Sie wusste nicht, was sie erwidern sollte. Darum ging es nicht. Dennis seufzte. „Du hast jedenfalls morgen einen Termin. Für einen Ultraschall und ein Gespräch. Dann kannst du da drüber reden, was du willst.“ Elli konnte das nicht fassen. „Kommst du mit?“ „Sie hat gesagt, ich muss nicht.“ Er musste also nicht. Er hatte gesagt, er würde mitkommen und sie würden das zusammen machen, aber jetzt wollte er nicht mehr mitkommen. Elli drehte sich um, nahm ihren Rucksack vom Boden hoch, verließ das Zimmer und das Haus, ohne noch ein Wort zu verlieren.