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Was wäre, wenn das alles wäre. Kapitel 3

Kapitel 3

Sie saßen zu viert um den Tisch herum. Ein Plastiktisch in Metalloptik. Der Aschenbecher war geleert worden, aber nicht geputzt. Joyce stellte ihn mit spitzen Fingern auf den Nachbartisch und strich sich dann die langen Haare hinter die Ohren. Sie sah Elli an. „Du Erdbeer, ich Nuss?“ Elli nickte und klappte die Karte zu. Sie hatte tiefe dunkle Schatten unter den Augen und keine Lust gehabt sie zu überschminken. Eigentlich schlief sie bei Dennis genau so gut wie in ihrem eigenen Bett bei sich zu Hause. Doch heute war eben alles anders. Sie war schwanger. Und sie wollte es nicht noch jemandem sagen, obwohl sie wusste, dass es nicht anders ging. Die Striemen des Stuhl, die aussehen sollten wie gewebt, drückten sich in ihre Oberschenkel. Sie schob den Hintern vor und lehnte sich zurück. Jessi hatte ihr gegenüber genau die selbe Position eingenommen. Diese Stühle waren einfach verdammt unbequem. Aber das hier war die einzige Eisdiele im Ort, also hingen hier in den Ferien die Teenager tagsüber herum, solange das Taschengeld noch für die großen Eisbecher reichte. Zumindest wenn die Mittagshitze schon vorbei war. Es war schon später Nachmittag. Elli hatte wirklich versucht sich am Mittag noch einmal hinzulegen. Aufgefallen war das nicht. Aber sie hatte nicht schlafen können, nicht wirklich zumindest. Sie hatte sich nur hin und her gewälzt, allein und fand keine Antwort, weil sie nicht einmal die Frage richtig zu fassen bekam. Was wollte sie nur? „Jedenfalls, Kim und Lukas, die sind seit wie lange zusammen? Seit fast einem ganzen Jahr? Und dann entscheidet er einfach so, ja, cool, hey, ich bin jetzt poly und leg mir noch eine Freundin zu und was du davon hältst, ist mir mal total egal. Den Typen hätte ich auch in den Wind geschossen.“ Ceyda konnte reden wie ein Wasserfall. Und Anna machte da gerne mit. „Aber krass, nach fast einem Jahr.“ „Ist doch egal, der hat ihr Vertrauen missbraucht.“ Joyce hielt sich raus, hörte still zu, nickte an angemessenen Stellen, war aber in erster Linie damit beschäftigt, Elli zu beobachten. Die war in Gedanken schon wieder abgedriftet. Sie fragte sich, was Vertrauen war und wie weit ihres ging. Ob sie welches hatte und in wen. Dann erwiderte sie Joyce‘ Blick. Die Bedienung kam an den Tisch und nahm ihre Bestellung auf. Erdbeer, Nuss, Spaghetti und Schokolade. Joyce stellte einen Fuß am Rand der Sitzfläche von Ellis Stuhl ab und stupste ihr mit den nackten Zehen an den Oberschenkel. „Wie geht‘s Dennis?“ „Okay.“ Was sollte sie sonst auch sagen? Dass er nervös war? „Lernt er für die Nachprüfung?“ Elli zuckte die Achseln. „Muss er ja nicht.“ „Faules Stück.“ Joyce grinste. Natürlich musste Dennis nicht lernen, um in die nächste Jahrgangsstufe versetzt zu werden. Er war klug, er hätte es gar nicht so weit kommen lassen müssen, aber er war eben auch faul und trotzig. „Und sonst?“ Elli seufzte. Sie wussten beide ganz genau, dass das Thema Nachprüfung nur das Vorgeplänkel gewesen war. Aber die Vorstellung, es wirklich noch jemandem zu sagen, war so absurd, Elli hatte nicht einmal den Ansatz einer Idee, wie ihre Freundinnen reagieren würden. „Wir haben uns gestritten.“ Das sah man ihr schließlich an, die Nacht und der Morgen war hart gewesen und in ihrem Gesicht ablesbar. „Worum ging‘s?“ Elli seufzte noch einmal, dieses Mal definitiv anders. Tiefer. „Aber ich kann mich nicht entscheiden!“, plärrte es plötzlich über die Terrasse. „Bitte, bitte, ich will… .“ Der Rest ging unter, weil die Mutter dem Kind einen Finger an die Lippen legte und sehr leise, offenbar aber auch sehr eindringlich ein paar vermutlich wohl überlegte und eingeübte Worte sagte, damit es aufhörte sich zu beschweren. Elli starrte diese Szene noch an, als sie längst vorbei war. „Kinder.“ Joyce verdrehte die Augen. Da war plötzlich ein gigantischer Kloß in Ellis Kehle. Sie beugte sich zur Seite, weg von Joyce, eher zu Ceyda, die gerade furchtbar beschäftigt mit Reden war, und wühlte in ihrem Rucksack nach der Sonnenbrille. Wegen der Sonne war die nicht nötig, sie saßen unter einem breiten Sonnenschirm. Sie wollte nur jetzt sehr dringend ihre Augen bedecken, ohne dass es allen Gästen auffiel. Joyce sah offensichtlich absichtlich weg, bis die Brille richtig saß und reichte ihr dann eine Hand. Elli nahm sie, drückte sie kurz fest. Sie blieben einfach so sitzen. „Ist jetzt kuscheln angesagt, ja?“ Ceyda kommentierte das nur so nebenbei. „Klar, man! Immer“, entgegnete Joyce. Kurz ließ sie Elli los und strich ihr über den Unterarm, warf ihr ein paar Luftküsse zu und nahm dann wieder ihre Hand. Elli schaffte ein halbes Lächeln. Da kam auch schon das erste Eis, sie waren schnell heute, ausnahmsweise nicht unterbesetzt in den Sommerferien, wie es schien. Anna zog ihre Eisschokolade näher zu sich heran, das Glas kippelte und sie gab ein erschrockenes Geräusch von sich, das Ceyda zum Kichern brachte. Sowas wie das hier würde vollkommen anders werden, egal, wie Elli sich entschied. Ihre Augen brannten, ihr Kinn zitterte. „Ich geh auf‘s Klo“, sagte sie tonlos. „Ich komm mit.“ Anna nickte erstaunlich verständnisvoll. Auch Ceyda gab keinen Kommentar dazu ab. Natürlich, sie sahen Elli an, wie es ihr ging, auch wenn sie keine Ahnung hatten, was los war. Sie überließen das Joyce, der mit Abstand besten Freundin. So machten sie das untereinander. Eine, die sich kümmerte, reichte erstmal. Der Rest zog keine Aufmerksamkeit auf die Situation. Anna schlürfte den kalten Kakao durch den Strohhalm, als Elli mit Sonnenbrille im Gesicht in den Laden verschwand und die Treppe hinunter zu den Toiletten, Joyce dicht auf ihren Fersen. Dort unten fühlte es sich nicht mehr an, als wäre es Nachmittag, oder sonstwie Tag. Die ockerfarbenen Fliesen mit den dunklen Blumenornamenten ließen die Kabinen noch kleiner wirken als sie ohnehin schon waren. Elli ließ die Kabinentür offen stehen, klappte den Klodeckel runter und setzte sich darauf. Joyce ging direkt vor ihr in die Hocke und nahm beide Hände in ihre. Bis dahin hatte Elli gar nicht gemerkt, wie verschwitzt ihre Hände waren. „Verdammt, Süße, so schlimm.“ Elli atmete ganz langsam aus. „Was ist denn los?“ Elli weinte wieder, versuchte ihren Atem unter Kontrolle zu halten. Wenn Dennis nicht da war, war da niemand. Sie hatte das heute schon einmal gesagt und es wurde nicht besser mit dem zweiten Mal, oder? Sie nahm ihre Hände wieder vor ihr Gesicht, ohne dabei Joyce‘ Hände loszulassen. „Hey… .“ „Ich bin schwanger.“ Die Worte waren raus, bevor Elli sie hatte runterschlucken können. Sie neigte den Kopf so weit vor wie sie konnte, wollte Joyce‘ Reaktion nicht sehen, und den Rest der Welt auch nicht. „Oh, scheiße, Süße.“ „Was soll ich denn jetzt machen?“ Auch das hatte es aus ihrem Mund geschafft, ohne dass es so gewollt gewesen wäre. Das war Joyce vor ihr. Joyce, die fast alles über sie wusste, die immer da war, wenn es irgendwo ein Problem gab, die immer allen half. „Ich weiß nicht, was ich machen soll.“ Joyce löste eine Hand aus dem Knäuel vor Ellis Gesicht, strich sich eine Strähne von der Stirn, rieb sich die Nase, legte dann die Finger an Ellis Hinterkopf und zog sie zu sich. „Scheiße, Süße. Verdammte scheiße. Ich bin da, okay? Meine Süße, ich bin immer da, egal, was passiert, ja? Du bist nicht allein, … komm her.“ Sie zog Elli am Nacken und einer Hand zu sich runter, bis sie beide auf den Fliesen vor dem Klo saßen und Joyce sich irgendwie halb um Elli herumwickeln und sie fest in ihren Armen halten konnte. „Ach, scheiße.“ Elli wollte genau da bleiben und heulen, aber das hatte sie ja jetzt schon eine ganze Weile gemacht und oben warteten Ceyda und Anna und ein Eis. Das war überhaupt nicht wichtig, aber das vor sich hin schmelzende Eis nahm einen großen Raum in Ellis Gedanken ein. „Dennis weiß schon Bescheid?“ Elli nickte. „Und?“ Sie löste sich ein Stück weit von Ceyda und wischt sich mit dem Unterarm über die Augen. Ceyda rollte ein paar Blätter von der Klopapierrolle und riss sie ab. „Er will, dass ich abtreibe.“ Ceyda hielt ihr das Papier hin. „Und du?“ Wieder nur Schulterzucken. Sie wusste es einfach nicht. Aber sie wusste, dass das nicht Dennis‘ Entscheidung war und vor allem nicht einfach so. „Ich hab morgen einen Termin bei meiner Ärztin.“ Elli tupfte sich mit dem Klopapier die Augen ab. „Okay, soll ich mitkommen?“ Nicken fühlte sich komisch an. Sie nickte oder zuckte mit den Schultern, den ganzen Tag schon, das war alles nicht genug, um es zu fassen zu kriegen. Sie müsste eigentlich schreien, so groß war das alles. Aber das Nicken jetzt war echt und dringlich, sie suchte Joyce‘ Blick und küsste spontan ihr Gesicht, traf halb die Nase und halb den Wangenknochen und Joyce kicherte und küsste zurück und sie blieben da noch ein paar Sekunden sitzen. „Ich will wieder hoch.“ „Echt?“ Joyce ließ von Elli ab und lehnte sich soweit zurück, dass sie ihr gut ins Gesicht sehen konnte. „Wieso bist du überhaupt hergekommen? Ich würd‘ keine Ahnung, mich verkriechen.“ „Hab drüber nachgedacht.“ Das hatte sie nicht wirklich. Nachdem sie bei Dennis gewesen war und das so katastrophal scheiße gelaufen war, wollte sie auf keinen Fall länger allein sein. Die Verabredung gab es bereits, also war Elli einfach gekommen. Um ein Eis zu essen und vielleicht für eine Stunde zu vergessen, was los war. Aber auch das hatte nicht geklappt, wie man sah. Sie musste es einsehen. „Ich will nicht allein sein.“ „Dann übernachte ich bei dir. Oder du bei mir?“ Joyce kniff die Augen zusammen und betrachtete ihre Freundin äußerst kritisch. „Und bevor du da rauf gehst, musst du dich waschen, du siehst echt furchtbar aus gerade.“ Elli richtete sich auf. Ihr war ein bisschen schwindelig, sie musste sich an der Trennwand abstützen. „Fuck.“ Joyce sagte das nicht ihretwegen. „Uäh, ich hab mich in Kaugummi gesetzt.“ Sie stakste an Elli vorbei, drehte sich um und versuchte erfolglos rücklings in dem Spiegel über dem Waschbecken ihren Hintern zu sehen. „Sieht man das?“ Elli rieb sich die Augen. „Nein, ist schon ab.“ Dann sah sie in den Spiegel. Klopapierreste klebten zwischen ihren getuschten Wimpern. Sie drehte den Wasserhahn auf und wusch sich das Gesicht, glättete Wimpern und Augenbrauen mit den Fingerspitzen, zog die Farbe heraus und was da nicht hingehörte. „Hast du Mascara dabei?“ „Oben.“ Elli sah durch die offene Tür zur Treppe, die hoch ins Eiscafé führte. „Egal.“ Sie tupfte ihr Gesicht vorsichtig trocken, blinzelte. „Man sieht es sehr, oder?“ Joyce hob eine Schulter. „Zieh halt wieder die Sonnenbrille an.“ Es war ja schließlich nicht so, dass Anna und Ceyda nicht längst mitbekommen hatten, dass etwas furchtbar im Argen lag und natürlich vermuteten, es hätte etwas mit Dennis zu tun. Elli musste sich nicht verstecken, aber wenn sie es tat, würden die Freundinnen aus Respekt nicht fragen. Sie hielt heute vielleicht nicht aus, wenn noch jemand danach fragte. Wenn noch mehr Leute erfuhren, dass sie schwanger war. Ihr Erdbeereis stand schon ein paar Minuten in der Nachmittagswärme und Ceyda schmunzelte ihnen mit vollem Mund und einem Löffel in Ellis Eisbecher entgegen. „Hey.“ Anna sah viel besorgter aus, drückte das aber nicht durch mehr aus als diesen Blick, der gleich wieder verschwand, kaum dass Elli und Joyce auf ihren Stühlen Platz genommen hatten. Das Eis schmeckte intensiver als sonst, weil Ceyda auch schon von der Sahne genascht hatte. Elli aß es trotzdem nur zur Hälfte und schob es dann in die Mitte des Tisches. Sollten die Wespen den verflüssigten Rest bekommen, sie hatte jedenfalls keinen Platz mehr in ihrem Magen, er war geschrumpft gestern. In ihr war schon alles voll. „Mist.“ Sie schielte über den oberen Rand ihrer Sonnenbrille hinweg ihre Freundinnen an. „Ich muss noch aufs Klo.“ Anna lachte. Das war so klar gewesen. Joyce zuckte mit den Schultern, warf ihre langen Haare darüber hinweg zurück, lehnte sich so weit nach hinten, dass sie fast lag und setzte ihre eigene Brille auf. „Hände waschen nicht vergessen.“ Sie ließ den Kopf in den Nacken fallen, hing so beinahe kopfüber in diesem Plastikkorbstuhl. „Ist es schlimm?“, fragte Anna. Joyce bewegte sich nicht, um sie anzusehen, antwortete aber trotzdem. „Es ist übel. Ein anderes Mal, okay?“ „Klar.“ Ceyda warf Anna einen Blick zu. Egal, was es war, sie waren Freundinnen, und sie konnten entgegen aller Wahrscheinlichkeit warten. Und schweigen.

Dieses Mal dauerte es nicht mehr so lange, bis Elli zurückkam. Die Sonnenbrille trug sie nach wie vor, aber sie traute sich jetzt wieder zu sprechen, ohne zu befürchten, sie würde sich nur heiser und verheult anhören. „Habt ihr schon bezahlt?“ Sie setzte sich gar nicht erst wieder. Die Normalität funktionierte nicht, es war Zeit für was anderes. In Joyce‘ Zimmer liegen und an die Decke starren vielleicht. Weil Anna den Kopf schüttelte, hob sie ihren Rucksack auf den Stuhl und wühlte darin herum. „Wollt ihr noch in den Park, oder so?“, fragte Ceyda. Joyce sah Elli an, bevor sie sich an Ceyda wandte. „Ne, heute nicht.“ „Dann haut ab, ich mach das.“ Ceyda winkte mit einem Arm Richtung Straße. Sie würde das für heute übernehmen und nächstes Mal zahlte halt eine von ihnen, das machte nichts aus. „Okay, danke. Schreibt morgen Abend mal, was ihr macht, ja?“ „Klar.“ Elli nuschelte etwas auf den Tisch, was wie ein Abschied klang, schwang sich den Rucksack auf den Rücken, der sofort wieder los schwitzte. Immerhin waren die Abdrücke an den Beinen fast wieder weg. Es blieben immer welche zurück, wenn man mit kurzen Shorts auf diesen Stühlen saß. Joyce hob noch einmal die Hand für ihre Freundinnen und hakte sich dann bei Elli unter. Sie wohnte ein Stück weiter weg vom Ortskern als die Dohms, und in der entgegen gesetzten Richtung. Über zwanzig Minuten brauchten sie bis dahin. Das war ein Grund mehr, nicht noch bei Elli vorbei zu gehen, um ihr ein paar Sachen für die Nacht zu holen. Die hatte sie schon für die spontane Übernachtung bei Dennis nicht gebraucht. Eine Zahnbürste war meistens irgendwo übrig und ein großes Tshirt zum Schlafen konnte sie sich auch immer leihen, ob bei ihm oder bei den anderen Mädchen. Sonst brauchte sie schließlich nichts. Sie mussten nicht einmal darüber sprechen, dass sie das so tun wollten. Sie machten es einfach so wie immer, auch wenn alles andere jetzt nicht mehr wie immer war und sich auch nicht so anfühlte. An der Hauptstraße bekam Elli den Straßenlärm kurz nach dem Berufsverkehr kaum mit. Sie hatte immer noch das Lachen und das Gebrüll von Kindern im Ohr. Eisdielengeräusche. Familiengeräusche. Die Sicht, wenn man so klein ist und zu den Erwachsenen am Tisch aufsehen muss, obwohl alle sitzen. Ihr Vater, der damals ungeniert geraucht hatte, mit den Kleinen direkt daneben. Früher war das nicht so wichtig gewesen, heute gab es dafür mindestens sehr böse Blicke vom Nachbartisch. Steven hatte sie immer wieder von der Gruppe weggelockt, kaum dass er laufen konnte. Er wollte auf der Steinmauer sitzen, die den Außenbereich eingrenzte. Am Anfang kam er noch nicht alleine rauf, ließ sich von der großen Schwester helfen, die selbst gerade so groß genug war, um da hoch zu kommen. Aber auch, als er es endlich alleine konnte, sollte Elli mitkommen. Sie hüpften herunter auf den Gehweg, rannten wieder die paar Stufen hinauf, kletterten, sprangen wieder. Manchmal ein Blick zu den Eltern und manchmal blickten die Eltern zu ihnen und hin und wieder trafen sich dabei ihre Blicke und ihre Mutter lächelte sie immer an. Sie lächelte immer noch, als sich Steven zum ersten Mal das Knie aufschlug und auch noch, als Elli ihm das nachmachte, ohne dass sie wusste, dass sie das mit Absicht gemacht hatte. Er war wilder als sie und tat sich öfter weh. „Jungs sind so“, sagten die Leute, und für Elli klang das nach etwas Gutem. Elli machte mit. Joyce hatte ihren Arm losgelassen, dafür gingen sie jetzt Händchen haltend die Hauptstraße entlang, bis sie bergauf abbiegen mussten. Ihnen kam eine Gruppe Leute entgegen. Laut, lachend, sie hatten alle noch nasse Haare. Von hier aus war es kein Kilometer mehr bis zum Freibad. Vor zwei Wochen waren sie selbst da gewesen, mit genau so vielen Leuten, kamen genauso spät wieder raus und hatten selbst auf dem Weg noch genau so viel Spaß. Joyce‘ Gesichtsausdruck nach zu urteilen dachte sie auch daran. Aber Elli hatte sich vor zwei Wochen gefreut, dass sie entspannt mitkommen konnte, weil ihre Periode sich scheinbar verspätet hatte. Nun, sie war nicht zu spät gekommen, sie war ganz ausgeblieben und jetzt wusste Elli auch warum und konnte sich nicht mehr freuen. Dabei hatten die Sommerferien wirklich gut angefangen. Dennis‘ Ferienjob hatte nicht all seine Zeit aufgebraucht, der Strandurlaub mit den Eltern war kurz, aber entspannt gewesen. Nächstes Jahr wollte sie nicht mehr mitfahren, da wäre sie schließlich schon sechzehn und konnte ein Woche allein zu Hause bleiben. Oder sie fuhr mit ein paar ihrer Freundinnen mit an spanische Strände, an die Orte, wo viele große Gruppen junger Leute zusammen Urlaub machten. Aber dahin konnte man kein Baby mitnehmen. Sie wusste gar nicht, wann man Babys überhaupt irgendwo hin mitnehmen konnte. Im Freibad gab es ein extra Becken für die ganz kleinen Kinder. Sie rieb sich mit der freien Hand über den Bauch und hörte damit auf, sobald sie merkte, was sie gerade tat. Joyce‘ Blick bemerkte sie nicht, nur den Druck ihrer Hand, der kurz fester wurde. Elli war selbst immer gern schwimmen gewesen, besonders im Sommer, schon als Kind, sobald sie es gut genug konnte, dass sie alleine ins große Becken durfte. Da, wo sie und ihre Freundinnen Wasserball spielten, rutschten und sich gegenseitig unter Wasser drückten, bis der Bademeister sie ermahnte. Und heute spielten sie Federball auf der Wiese, sprangen vom 3-Meter-Brett, aßen Freibadpommes und Eis und wendeten sich wie Brathähnchen in der Sonne. Die meisten Klassenkameraden waren nicht lange weg. Die Nachmittage über war immer irgendjemand im Park oder eben Schwimmen, den man mochte. Joyce fuhr diesen Sommer gar nicht weg. Dafür war Elli gerade noch einmal ein ganzes Stück dankbarer als ohnehin schon. Die Gruppe halbfeuchter Jugendlicher zog an ihnen vorbei. Elli kannte sie nicht, wahrscheinlich waren sie auf der anderen Schule. Es war nicht wichtig, Joyce hatte auch nicht gegrüßt und sie bogen die nächste Straße links ab, immer noch schwitzige Hand in schwitziger Hand. Sie schwiegen die ganze Zeit über, manchmal wollte Elli auf das Atmen ihrer Freundin reagieren als wäre es eine Frage. Doch es war natürlich keine Frage, hier und jetzt wurde sie zu gar nichts mehr gedrängt, nicht dazu zu reden und schon gar nicht dazu sich zu irgendetwas zu entscheiden. Joyce nahm sie einfach nur mit nach Hause, schloss die Tür auf, rief ins Wohnzimmer, dass Elli heute bei ihr übernachtete, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, kurz hinzugehen. Das Zimmer von Joyce war viel dunkler als das von Elli. Die Wände in purpur und lila, schwarze Spitze vor den Fenster und schwerer Samt, um das Licht auszusperren, sobald sie es wollte. Ein alter geschliffener Spiegel in goldenem Rahmen auf einer schwarzen Kommode. Schmuck und Bürsten und Make-up darauf. Das Bett war ein wildes Chaos. Zeitschriften, DVDs und Klamotten ohne Ende. Der einzige Hinweis darauf, dass sie beim Eintreten ins Zimmer nicht in eine Fantasiewelt gefallen, sondern einfach Joyce‘ Reich betreten hatten. „Willst du was trinken?“ Elli verstand das richtig, stockte kurz, schüttelte dann den Kopf. „Oh, scheiße, stimmt, sorry. Ich muss das auch erst mal begreifen.“ „Schon okay.“ Elli schob ein Ladekabel zur Seite und setzte sich auf die Ecke des Bettes. Jetzt war sie hier, was definitiv besser war als alleine zu sein, aber was sie hier tun wollte, wusste sie trotzdem nicht. Dann knurrte ihr Magen, sehr laut, und Joyce musste lachen. „Verstehe. Pizza?“ Elli ließ sehr viel Luft aus ihren Lungen entweichen, dabei hatte sie die gar nicht angehalten. Etwas löste sich in ihr und sofort waren ihre Augen wieder feucht. Tränen und ein Lächeln in ihrem Gesicht. „Bitte. Mit extra Käse.“ Joyce verneigte sich gekonnt, eine Fußspitze nach hinten und die Arme ausgebreitet wie eine Ballerina. „Zu Diensten.“ Während sie loszog, um den Ofenherd in der Küche vorzuheizen, schob Elli ein paar Kleidungsstücke und ein Deo zur Seite und rutschte zurück, bis sie ganz auf dem Bett saß. Sie nahm sich eine der Zeitschriften. Mode war Joyce‘ Ding, Ellis eigentlich gar nicht. Aber in diesen Zeitschriften konnte sie normalerweise lesen, wenn sie hier war und sich entspannen wollte. Wenn eine Klassenarbeit anstrengend gewesen war oder ihr kleiner Bruder nervig. Heute konnte sie sich auf kein einziges Wort konzentrieren, also sah sie sich nur die Bilder an und sah durch sie alle hindurch. Es dauerte keine fünf Minuten, bis Joyce wieder im Zimmer stand und die Tür mit dem Fuß hinter sich zu schob. In den Armen hielt sie ein Tablett. „Meine Eltern kriegen gleich Besuch und kochen.“ Joyce‘ Eltern kochten großartig und wirkten fast unanständig verliebt, wenn sie das zusammen taten. „Bruschetta. Als Vorspeise?“ Auf dem Tablett waren Brotscheiben mit Tomatenstücken angerichtet. Es roch nach Italien. Nach Gardasee, das war der einzige Ort, den Elli in Italien kannte. Joyce schob sich eins in den Mund, biss ab und kaute nicht zu Ende bevor sie sprach. „Oder als Hauptgang. Zum Nachtisch gibt‘s Tiramisu.“ Dass sie gerade vom Eisessen kamen, war ihnen egal. Es ging nicht ums Essen. „Wer kommt denn?“, fragte Elli. „Leute aus dem Kunstverein, keine Ahnung. Die sind nett, das wird immer feuchtfröhlich und wir werden in Ruhe gelassen.“ Als ob Joyce‘ Eltern sie nicht immer in Ruhe lassen würde, genauso wie Ellis Eltern Elli in Ruhe ließen. Es lief eigentlich ganz gut zu Hause soweit, für sie beide. Es klingelte an der Haustür. Kurz danach schallte Rufen und Lachen durch das Haus, es gab ein Klirren, einen schrillen Laut und noch mehr Lachen, verschiedene Stimmen, sie klangen alle glücklich. Sie bewegten sich durch das Erdgeschoss, wurden dabei kein Stück leiser. Dann wurden sie sogar lauter, weil Joyce‘ Zimmerfenster auf Kipp stand. Die Gästeschar unterhielt sich im Garten, Gläser klirrten aneinander, Elli biss von einem Bruschetta ab. In ihrem Kopf rannte sie, sehr viel kleiner als sie jetzt ist, durch den eigenen heimischen Garten, durch buntes Funkeln, gefärbte Gläser mit Teelichtern darin, die überall im Gras und den Blumenbeeten standen. Es kam Musik aus dem Haus, leise, nur eine Untermalung. Menschen gingen ein und aus, große Menschen, sie war wirklich noch sehr klein. Rotwein hatte diesen ganz besonderen Geruch, Rotwein im Sommer, wenn Menschen im Garten waren und beim Reden immer vor sich hin grinsten. Die Büschen rochen auch anders, wenn es draußen dunkel aber nicht gruselig wurde. Da waren ganz andere Insekten unterwegs als am helllichten Tag und Elli erschreckte sich viel weniger vor ihnen. Das Gras war wie Teppich, zum Liegen und Toben gemacht und die Erde noch warm von der Sonne. Im Grill glühten Kohlen, es gab Würsten und Steak und gefüllte Paprika, aber Steven und sie stopften sich den ganzen Abend mit Baguette und Kräuterbutter die Mägen voll. Die Nachbarskinder mussten früher ins Bett als sie. Im Haus der Dohms konnte man ohnehin nicht schlafen mit all den Leuten. Trotzdem putzten sie sich irgendwann fast freiwillig die Zähne, huschten in ihren Schlafanzügen und barfuß weiter über die Wiese, spielten noch einmal Fußball in imaginäre Tore, fielen fast um vor Müdigkeit und waren viel zu glücklich, blieben noch glücklich als sie längst schliefen. Elli strich sich mit einer Fußsohle über die Wade des anderen Beins. Sie hatte da irgendwas, vielleicht ein Mückenstich, so wie früher, wenn sie den ganzen Tag und den ganzen Abend im Garten verbracht hatte. Sie war so glücklich eigentlich, wie ein Kind. Sie war doch eher Kind als das sie eins bekam, oder?