nadnoennas

Was wäre, wenn das alles wäre. Kapitel 4

An diesem Morgen wachte Elli wesentlich weniger niedergeschlagen auf als an dem zuvor. In Joyce‘ Zimmer die Augen zu öffnen war immer ein bisschen so als würde man von einem Traum in den nächsten schlittern. Die Sonne fiel nur über Eck durch ein Südfenster und warf ein skurriles Lichtband auf den Dielenboden, brach sich an dem weichen dunkelvioletten Teppich in Kanten und wieder zurück. Elli blinzelte. Joyce schnarchte. Elli drehte den Kopf zu ihrer Freundin. Ein helles Bein kam aus der schwarzen Shorts und wickelte sich um die Bettdecke. Joyce trug Socken, das tat sie nachts immer, egal, wie warm es war. Sie sah auf die Uhr auf dem Nachttisch, ein analoges Ziffernblatt, goldene Zahlen auf schwarzem Hintergrund. Sieben Uhr. Also hatte sie Zeit, um in Ruhe zu duschen und zu frühstücken. Nur, dass die Ruhe in ihr sich wie gestohlen anfühlte. Eine Ruhe, die sie in Joyce‘ Bett gefunden hatte, im sommerlichen Abendessen draußen vor dem Fenster. Eine Ruhe ohne Dennis fühlte sich seltsam an gerade, vertraut und falsch gleichzeitig. Sie schob sich aus der Bettdecke heraus und befühlte die Fußbodendielen mit ihren Zehenspitzen. Wo noch keine Sonne war, waren sie kühl, im Licht hatten sie sich bereits aufgewärmt. Elli blieb noch auf der Bettkante sitzen, spürte, wie die Matratze unter ihr eingesunken war. Sie fühlte sich schwer. Als sie aufgestanden war, drehte sie sich um und sah zu, wie der Abdruck ihres Hinterns langsam wieder verschwand. Joyce regte sich. „Hey.“ „Morgen.“ Sie rieb sich die Augen. „Hast du geschlafen?“ Elli nickte, aber Joyce schien das nicht gesehen zu haben und sah sie weiterhin fragend an. „Ein bisschen.“ Ihre Freundin gähnte sehr ausgiebig, ohne sich dabei die Hand vor den Mund zu halten, setzte sich ganz auf, sah auf die Uhr. „Okay, wann geht‘s los?“ „Halb neun.“ Diesmal war es Joyce, die nickte. „Zahnbürste?“ „Mh mh.“ Joyce ließ sich rücklings wieder auf ihr Kissen fallen, „Bedien dich“, und schloss die Augen. Das Badezimmer war vollkommen anders als Joyce‘ Zimmer. Grün und blau schimmerte es, eher Dschungel als diese Wassermotive, die man sonst überall sah. Die ganze Familie hatte es nicht sonderlich mit Klischees. Elli kramte nach einer neuen Zahnbürste, putzte sich die Zähne, ging gleich noch duschen. Im Sommer wollte sie jeden Morgen duschen, heute war es umso dringender, weil sie es gestern ausgelassen hatte. Es war zu viel los gewesen, um an irgendetwas anderes als an das Weiteratmen zu denken. Lauwarmes Wasser wusch Tränen und Schweiß in den Abfluss. Sie ließ es eine Weile laufen, hielt ihr Gesicht hinein, den Atem an und spürte dem Herzschlag nach, der tief in ihr widerhallte, unverändert. In ein grünes, sehr großes, sehr flauschiges Handtuch gewickelt betrachtete sie, was sie in dem beschlagenen Spiegel von ihrem Gesicht erkennen konnte. Die Ringe unter ihren Augen waren nach wie vor gut sichtbar, aber vielleicht nicht mehr ganz so dunkel wie gestern Abend. Hinter dem Spiegel im Schrank fand sie Sonnencreme und schmierte sich vollständig damit ein. Alles roch nach Kokosöl. Joyce‘ Mutter Monika roch den ganzen Sommer über danach, jedes Jahr. Elli mochte das. Monika roch immer nach der jeweiligen Jahreszeit. Im Winter nach Zimt und Apfel, im Frühling nach Blüten, im Sommer eben nach Kokos und sie wusste gar nicht, wonach sie im Herbst duftete, nur, dass es definitiv ein Gewürz war. Ellis Spiegelbild wurde klarer. Ihre blonden langen Haare begannen bereits zu trocknen und hingen strähnig in ihren Nacken. Sie hatte eine kleine Stupsnase. Dennis küsste sie gern auf die Nasenspitze und sagte ihr, wie schön sie war. Elli fand sich weder schön noch hässlich. Sie war einfach nur Elli, niemand besonderes, kam damit aber ganz gut zurecht. Auch das würde sich jetzt wahrscheinlich ändern, egal, was sie tat. Sie öffnete das Badezimmerfenster ganz, vorher hatte es nur einen Spalt breit offen gestanden. Die Feuchtigkeit verzog sich nach draußen und der Lufthauch zog Elli eine Gänsehaut über den ganzen Körper. Kleine Sprenkel Leben auf der Haut. Sie rieb sich die Arme und zog sich wieder an. Auf ihrem Weg durchs Haus traf sie keine Menschenseele. Überall standen Fenster offen. Die Holztreppe knarrte. Elli spürte die kühlen Fliesen unter ihren Füßen, den Flur entlang. Auch in der Küche war niemand. Dafür standen leere Weingläser mit roten Rändern auf dem Küchentresen. Das Fenster war zur Hälfte bedeckt mit hochgewachsenen Kräutern, das daneben mit gelben Blumen. Im Kühlschrank war noch eine halbe Kanne mit Eistee. Elli goss sich ein großes Glas davon ein. Über ihr sprang wieder die Dusche an, es war nur ein leises Rauschen, aber sonst gab es keine Geräusche im Haus. Bis auf ein knarzen im Wohnzimmer. Knarzen, dann Schritte, dann: „Oh, guten Morgen, Elli!“ Elli zwang einen großen Schluck Eistee ihre Speiseröhre hinunter und räusperte sich. „So früh schon auf? Ihr habt die Party verpasst.“ Monika sah erstaunlich ausgeruht aus für eine Party am Abend vorher, aber eigentlich war das nicht überraschend. Sie sprühte immer vor Energie. Sie umarmte die Freundin ihrer Tochter zur Begrüßung. Der lange dünne Stoff ihres Kimonos schmiegte sich an Ellis Beine. Dann hielt Monika sie eine Armlänge von sich entfernt, betrachtete sie, als würde sie über den Rand einer Brille hinweg sehen, obwohl sie überhaupt keine trug. „Wie geht es dir?“ Es war Blödsinn zu lügen und einfach „Ja“ zu sagen, also ließ Elli es sein. Monika konnte sie nichts vormachen, sie kannten sich schon ewig, die Mädchen gingen bei ihren jeweiligen Familien ein und aus seit sie sich in der Grundschule angefreundet hatten. „Ist schwierig gerade.“ Elli wollte sich der Frau an die Brust werfen und heulen, einfach, weil sie Monika war und man das Gefühl hatte, die Welt würde besser werden, wenn diese positiven Augen auf sie leuchteten. Warme Hände rieben über ihre nackten Schultern. „Willst du darüber reden, Liebes?“ Elli schüttelte den Kopf. Manchmal erzählte sie ihr von einer Meinungsverschiedenheit mit ihrer eigenen Eltern, oder mit Dennis, wenn es überhaupt mal zu einer kam, aber heute war eben alles anders. Sie konnte Monika doch nicht sagen, dass sie schwanger war. „Redest du mit Joyce?“ „Ja.“ Monika legte den Kopf schief und lächelte. „Gut.“ Sie hob eine Hand und strich vorsichtig über Ellis Wange, nahm ihr Kinn in die Finger und hob es ganz leicht an. „Wenn ihr redet, findet ihr eine Lösung.“ Ohne die geringste Verzögerung drehte sie sich zur Kaffeemaschine, begann zu summen und schaltete das Gerät ein. Sie wirbelte durch die Küche, kippte Pulver in eine Filtertüte und schwang sich eine Packung Toast über die Schulter. Elli fragte sich, ob sie noch nicht wieder nüchtern war, aber eigentlich war Monika immer so. „Hast du Hunger? Nein, du siehst nicht so aus, aber versuch etwas zu essen, ja?“ Elli grinste fast gegen ihren Willen. „Okay. Kann ich was helfen?“ „Sicher, Liebes. Alles, was süß ist, muss unbedingt auf den Tisch im Garten.“ Sie hielt mitten in den Bewegung inne, schon halb in der Tür drehte sie sich noch einmal zu Elli um. „Willst du überhaupt Gesellschaft? Es sind noch Freunde da.“ Elli zögerte. Sie hatte ihre Hilfe angeboten, aber Monika war sicher nicht so. Auf fremde Menschen hatte sie gerade überhaupt keine Lust, senkte ein Stück weit den Kopf und schüttelte ihn langsam. Wieder hatte sie eine Hand auf der Schulter. „Dann iss doch hier. Oder esst gleich oben.“ Noch einmal der Druck der warmen Hand an ihrer Haut. Ein Finger von Monika war hellblau. Sie musste vor kurzem erst gemalt haben. Aber sie roch nicht nach Farbe, nur nach Kokos und Rotwein. „Danke.“ „Nicht dafür.“ Und damit begann Monika wieder zu summen und verschwand durch das Wohnzimmer nach draußen auf die Terrasse. Während sie sich unterhalten hatten, war das Rauschen der Dusche im Obergeschoss Ellis Aufmerksamkeit entglitten. Sie fand es nicht wieder, wahrscheinlich war ihre Freundin mittlerweile fertig. Elli ging mit dem halbvollen Glas Eistee zurück durch den Flur und die Treppe hinauf. In ihrem Zimmer zog Joyce sich gerade an. „Sind die unten schon wach?“ „Hab deine Mutter getroffen.“ „Lass dich nicht belabern.“ Joyce streckte die Zunge heraus, aber Richtung Zimmertür, und damit vermutlich in Richtung ihrer Mutter, nicht zu Elli. Dann hörte sie auf, musterte Elli. „Wobei, wenn du eine erwachsene Frau brauchst, ist sie wahrscheinlich die richtige Wahl. Sag ihr aber bloß nicht, dass ich das gesagt habe.“ „Schon klar. Ich will nicht reden.“ Joyce nickte, schlüpfte in ein Netztop, dass mehr Netz als Top war und zeigte auf Ellis Glas. „Ist davon noch was da?“ „Ja, eine halbe Kanne.“ „Perfekt. Bin gleich wieder da.“ Sie macht ein paar lange Schritte aus dem Zimmer hinaus, gähnte dabei herzhaft und stolperte fast über ihre eigenen Füße. „Gottverdammt“, fluchte sie noch, dann war sie auch schon aus dem Zimmer hinaus. Elli stellte sich ans Fenster, trank den Eistee und beobachtete die Terrasse. Monika war nicht zu sehen, dafür drei Leute, die sie nicht kannte, Gäste vom Vorabend, die hier offensichtlich übernachtet hatten, und Joyce‘ Vater Arno. Seine Glatze reflektierte das Sonnenlicht. Es wurde gelacht dort unten, aber wesentlich leiser als gestern, und einer der Gäste streckte sich ausgiebig in alle möglichen Richtungen. Eine der Frauen hatte beide Arme auf den Tisch gelegt und ihren Kopf darauf abgestützt. Von oben konnte Elli nicht sehen, ob ihre Augen geschlossen waren. Sie rührte sich als Monika wieder auf der Terrasse auftauchte. Dann spürte Elli einen Luftzug hinter sich und drehte sich um. Da war Joyce, im Arm eine durchsichtige Plastiktüte und in der dazugehörigen Hand die Teekanne. In der anderen Hand trug sie eine Plastikschale voll mit roten Weintrauben. Sobald sie die auf ihrem Schreibtisch abgestellt hatte, wedelte sie mit der Tüte. „Schokocroissants?“

Obwohl Schokocroissants aus der Tüte grundsätzlich eine verdammt gute Idee waren, hatte Elli kaum etwas hinunter bekommen und Joyce hatte das nicht weiter kommentiert, aber durchaus besorgt geguckt. Sie hatten sich rechtzeitig auf den Weg gemacht, zu Fuß, die einzige gynäkologische Praxis lag mitten im Orstkern, es war also nicht weit. So früh am Morgen während der Sommerferien waren sie eigentlich nie unterwegs. Es waren anscheinend nur Mütter und Rentner unterwegs. Sie reagierten eher auf Joyce als auf Elli, wegen der sehr leichten Bekleidung wahrscheinlich, aber Joyce nahm das normalerweise mit einem bösartigen Grinsen und Elli fand, dass es niemanden was anging, wie Joyce sich anzog. Heute schien Joyce die Blicke nicht einmal zu bemerken. Sie hielt Ellis Hand und es machte Flip und Flop und Flip und Flop bei jedem ihrer gemeinsamen Schritte. Flip Flop bis sie vor der Tür standen, zu der sie mussten. Gynäkologische Praxis. Neben der Klingel der Eingang zu einer Bäckerei. Elli sah hinein, sah Menschen, die sich ihren morgendlichen Kaffee abholten, bevor sie in ein Auto und dann in ein Büro verschwanden. „Bereit?“ Elli nickte, was sie definitiv nicht so meinte, und Joyce drückte auf die Klingel. Hand in Hand standen sie davor, beide zittrig und jede konnte das leichte Beben und die schwitzige Hand der anderen fühlen. Es dauerte lange, bis der Summer ging und die Tür sich aufschieben ließ. Joyce übernahm das, ließ Ellis Hand dabei nicht los und musste sie so hinter sich herziehen. Dafür bekam Elli einen entschuldigenden Blick, den sie nicht bemerkte. Sie spürte nach dem Pochen in ihrer Brust und in ihrem Bauch und ließ ihren Blick über die rau verputzten Wände im Treppenhaus schweifen. Im ersten Stock angekommen, standen sie vor einer verschlossenen Tür. Auch hier mussten sie warten. Das Praxisschild war in einen lilafarbenen Rahmen eingefasst. Im Luftzug, der durch das Treppenhaus nach oben stieg, wurde ihr plötzlich bewusst, wie wenig sie an hatte. Draußen war es schon viel wärmer, hier kam noch keine Sonne durch die Milchglasscheiben. Hinter der Tür tat sich etwas. Ein Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt und gedreht. Dahinter tauchte eine junge Frau auf, in lila Tshirt und weißer Caprihose, mit Socken Crog-Sandalen an den Füßen. „Entschuldigung, Sie sind die erste. Wir dachten, das wäre besser.“ Mit einer Handbewegung bat sie die beiden Mädchen in die Praxis. Elli war über ein halbes Jahr lang nicht mehr hier gewesen. Hier sah es ganz anders aus als in der Kinderarztpraxis, in der sie früher gewesen war. Fotos von Frauen und Babys an den Wänden und sehr viele Informationen und Werbung. Alles in lila Rahmen, auch die Theke war lila, ein Pastellton. „Eileen Dohm.“ Das war Joyce, sie hatte die Frage beantwortet, die Elli gar nicht mitbekommen hatte. Und jetzt wandte sie sich an die Freundin. „Hast du deine Krankenversicherungskarte dabei?“ Elli wurde ganz starr. „Ähm. Nein?“ Natürlich wusste sie, dass sie die vorzeigen musste. Sie hatte einfach nicht daran gedacht, für so etwas war in ihrem Kopf gerade kein Platz mehr frei. „Tut mir leid.“ Die Frau, die sie hereingelassen hatte, saß jetzt auf der anderen Seite der Theke in einem weißen Drehstuhl und lächelte. „Kein Problem. Sagen Sie mir einfach noch einmal Ihre Daten. Adresse, Geburtsdatum, Krankenkasse.“ Die meisten dieser Daten kannte Joyce, also übernahm sie das. Nur nach der Kasse musste sie fragen. Elli bekam das wie durch Watte mit und rieb sich die Arme als wäre ihr kalt. Doch offensichtlich hatte sie die Antwort gegeben, denn die Sprechstundenhilfe wies mit der Hand auf eine Tür. Joyce nahm Ellis Arm und führte sie zur Patiententoilette. „Hier.“ Sie drückte ihr einen weißen Plastikbecher in die Hand. „Du sollst noch einen Test machen.“ „Aber ich habe schon einen gemacht.“ Sie nahm den Becher trotzdem in die Hand, wie ferngesteuert, mechanisch. Joyce zuckte die Schultern. „Ich warte hier.“ Elli verschwand im Klo und Joyce stellte sich mit verschränkten Armen vor die geschlossene Tür. Sie erschreckte sich und kicherte als Elli wieder heraus kam. Joyce nahm ihr den Becher wieder ab, ging selbst in den Raum und stellte ihn in eine Durchreiche, die Elli gar nicht gesehen hatte. Dann nahm sie ihre Freundin wieder am Arm und begleitete sie in dasWartezimmer. Da lagen stapelweise Zeitschriften mit großen Babybäuchen an erwachsenen wunderschönen Frauen. Die Spielecke mit Büchern und Bausteinen und Stofftieren war aufgeräumt. Kaum hatten sie sich hingesetzt und eine Minute auf den Boden gestarrt, kam die Sprechstundenhilfe herein. „Sie können jetzt mitkommen.“ „Ich auch?“, fragte Joyce. „Natürlich, wenn Frau Dohm einverstanden ist.“ Was für eine Frage, natürlich war Elli einverstanden, nickte, packte Joyce‘ Hand fest. Zusammen folgten sie in das Behandlungszimmer. Ihre Ärztin, Frau Geißler, ohne Doktor, gab ihr nicht die Hand. „Setzen Sie sich.“ Es folgten die Fragen, die Elli schon kannte und jedes Mal beantwortete. Das war normal. Wann war ihre letzte Periode gewesen, hatte sie Schmerzen gehabt, bei der Blutung, vorher, oder nachher, oder beim Eisprung. War sie krank gewesen, wann war ihr aufgefallen, dass sie überfällig war. Nach ein paar Fragen und ein paar handschriftlichen Notizen in Ellis Akte, brach Joyce das Gespräch auseinander. „War der Test jetzt positiv oder nicht?“ Frau Geißler sah sie perplex an. Mit dieser Art Unterbrechung hatte sie wohl nicht gerechnet. Elli wurde lachen, weil das so typisch Joyce war, aber sie wollte auch keine Sekunde länger auf die Antwort warten. „Ja, er ist positiv. Ich würde gern einen Ultraschall machen, um einen falsch-positiven Test auszuschließen.“ Elli hatte keinen Schimmer, wie ein Test falsch positiv sein konnte, oder falsch negativ. Immerhin hatte sie zwei gemacht. Aber sie hatte keine Lust zu fragen oder Joyce diskutieren zu lassen. Also stand sie einfach auf und verschwand hinter dem Vorhang in der Ecke, um sich Shorts und Slip auszuziehen. Als sie wieder hervor kam, sah Joyce betont nicht an ihr hinunter. Dabei sahen sie sich oft nackt und das war nie ein Problem. Heute ging es aber nicht ums Umziehen oder Abtrocknen. Heute stand einfach mehr im Raum und Joyce kam dem nicht zu nahe. „Sie können sich hier hin legen.“ Elli fiel auf, dass Frau Geißler und ihre Assistentin gerade öfter „können“ sagten. Als ob sie eine Wahl hätte. Wie viel Wahl hat sie denn? Sie ging an dem gynäkologischen Stuhl vorbei, auf dem sie normalerweise die Beine hoch und weit auseinander stellen musste. Stattdessen legte sie sich auf die Liege an der Wand. „Stellen Sie bitte die Beine angewinkelt auf.“ Da war das „können“ schon wieder weg. Elli tat, was sie sollte, fühlte sich seltsam, weil sie das so noch nie gemacht hatte. Frau Geißler schmierte etwas mit einem Gel ein, das aussah wie ein Dildo. „Muss das so sein?“ Da war Joyce wieder, auf ihrer anderen Seite, auf einem Hocker, bereit ihre Freundin zu verteidigen, wenn ihr auch nur ein Haar gekrümmt wurde. Frau Geißler ließ den Dildo sinken und sah Joyce ins Gesicht. „Die frühe Schwangerschaft lässt sich nur mit einem vaginalen Ultraschall bestätigen.“ Joyce sah Elli an. Elli sagte nichts. Aber sie merkte, dass Frau Geißler wartete, also musste sie wohl doch nicken. So viel zur Wahl. Sie mochte das Gerät in sich nicht. Es war viel härter als Dennis und kühl und schleimig und absolut nicht so schön. „Locker lassen“, sagte die Ärztin auf eine Art, dass Elli wieder Joyce‘ Hand suchte und drückte, weil die Anspannung doch irgendwo hin musste. Sie drehte den Kopf zur Seite, wollte den Bildschirm sehen, um etwas zu wissen, was die Ärztin noch nicht sagte. Aber sie hatte keine Ahnung, was sie da im schwarz-weiß-grauen Pixelbild sah. Der Gesichtsausdruck der Ärztin war genauso wenig aufschlussreich. Sie sah ernst aus, konzentriert, und bewegte dieses penisähnliche Gebilde in Elli nach links und rechts und wieder zurück. Schließlich zog sie es aus ihr heraus. Zurück blieb schmierige Leere. Sie reichte Elli ein paar Papiertücher. „Sie können sich wieder anziehen.“ „Und was ist jetzt?“, fiel Joyce ein. Elli ließ Joyce‘ Hand los, was sie zum Schweigen brachte. Sie wusste es doch längst, und sie wollte nicht länger halbnackt sein. Also zog sie sich an, haderte mit ihrem Slip, hatte das Gefühl, sie bräuchte unfassbar lange und kam dann wieder an den Tisch, vor dem Joyce und hinter dem Frau Geißler saß. Sie kam nicht einmal dazu fragend zu gucken. „Nun, Sie sind schwanger.“ Elli schluckte. Joyce atmete aus. „Und jetzt?“ Frau Geißler lehnte sich in den weißen Stuhl zurück. Weiß auf lila auf weiß auf lila. Lila Teppich auf weißem Fußboden, die Haare der Ärztin fast weiß. Der Stuhl quietschte. „Nun, ich nehme an, das war nicht so geplant.“ Elli starrte sie an. War das eine Frage? „Sie müssen entscheiden, ob Sie das Kind behalten möchten oder nicht.“ Kind. Elli suchte Joyce‘ Blick. Schwarz-weiß-graues Ultraschallbild, da hat sich nichts bewegt, kein Leben, kein gar-nichts. „Sie ist fünfzehn.“ Joyce spuckte die Worte auf den Tisch, vielleicht um Nein, vielleicht um Ja zu sagen, Elli war sich da nicht sicher. Am wahrscheinlichsten, um zu fragen, was zum Teufel das sollte. „Diese Entscheidung kann Ihnen niemand abnehmen.“ Frau Geißler sprach weiter mit Elli, als hätte sie Joyce überhaupt nicht gehört. „Sie sollten sich damit befassen, was es bedeutet, ein Kind zu bekommen.“ Aus einem Schuber an der Seite ihres Schreibtischs zog sie ein paar gefaltete Papiere. Flyer mit glücklichen erwachsenen Frauen auf der Vorderseite. Elli nahm sie entgegen und legte sie auf ihren Schoß. „Und vor allem sollten Sie mit Ihren Eltern sprechen.“ „Wieso?“ Wieder Joyce. Dieses Mal reagierte Frau Geißler auf den Einwurf aus der anderen Richtung. „Sie werden die Unterstützung Ihrer Eltern brauchen.“ Joyce war es ein Rätsel, wie die Frau es schaffte gleichzeitig auf sie einzugehen und sie trotzdem zu ignorieren, denn Frau Geißler sah immer noch Elli an, obwohl sie auf Joyce‘ Frage geantwortet hatte. Aber Elli war das egal. „Ich sag es ihnen.“ Das hatte ohnehin schon festgestanden, bevor sie hierher gekommen war. Der Gedanke war so logisch, dass er ihr bisher gar nicht so bewusst geworden war. Natürlich weihte sie ihre Eltern ein. Die beiden hatten wahrscheinlich jetzt schon den Verdacht, dass etwas im Busch war und noch viel wahrscheinlicher zurecht, dass es etwas mit Dennis zu tun hatte. Dennis. Den hatte sie ja auch einweihen müssen, auch wenn das nicht ansatzweise so gelaufen war, wie sie wohl unbewusst gehofft hatte. Dennis hatte bereits entschieden, was er wollte und was Elli deswegen tun musste. Vermutlich lag er damit richtig, aber sie selbst war einfach noch nicht soweit. Sie hatte sich nicht entschieden. Sie hatte ja noch nicht einmal wirklich begriffen. Das grau-schwarz-weiße Bild war eine Schwangerschaft und das blaue Kreuz auf dem Teststreifen war auch eine Schwangerschaft. Ihre ausbleibende Monatsblutung war eine Schwangerschaft. Sex mit Dennis war eine Schwangerschaft. Elli rieb mit zwei Fingern das untere Ende ihrer Shorts, rieb den Stoff, die Naht und fühlte ihr Daumengelenk am Oberschenkel. „Okay“, sagte Joyce. Sie verbarg Ellis fummelnde Finger unter ihrer Handfläche. „Ich komm mit.“ Noch so eine Sache, die für Elli gar nicht zur Diskussion gestanden hätte. So etwas musste zwischen den beiden gar nicht erst besprochen werden. Es war sehr plötzlich sehr ernst geworden in dieser Freundschaft und sie blieben aneinander hängen, hielten sich fest, die eine dieses Mal mehr als die andere, wie sie es eben gerade brauchten. Elli hörte auf mit den unkontrollierten Bewegungen ihrer Finger, ballte eine Faust und nahm dann doch lieber Joyce‘ Finger, um ihre darum herum zu schließen. Richtig kontrolliert war das immer noch nicht. „Sie müssen eine Beratungsstelle aufsuchen und dafür am besten noch heute einen Termin machen. Die Adressen bekommen Sie vorne bei meiner Assistentin. Rufen Sie dort an.“ Dieses Mal nickten beide Mädchen. Frau Geißler tat es ihnen nach. Elli und Joyce standen auf und verließen das Behandlungszimmer, ohne sich mit Worten zu verabschieden. Auch die Ärztin sagte nichts mehr, sah ihnen nach, bis die Tür wieder hinter ihnen geschlossen war. Im Vorzimmer saß immer noch dieselbe Frau hinter der Theke, tippte auf ihrer Tastatur herum und betrachtete dabei konzentriert den Monitor vor sich. Erst als sie direkt vor ihr standen und Joyce ihre Hände auf die weiße Kunststoffoberfläche legte, sah sie auf. „Sie können noch einen Moment Platz nehmen.“ Und schon verschwanden Elli und Joyce wieder aus ihrem Fokus. Die Mädchen sahen sich an. Von hier aus konnte man gut erkennen, dass im Wartezimmer mittlerweile mindestens zwei Frauen saßen, die auf ihren Termin warteten. In Elli löste das fast so etwas wie Panik aus. Dabei war doch alles beängstigend gewesen bisher und Bekannten und Fremden war sie zu Hauf begegnet, seit sie es wusste. Das jetzt machte theoretisch keinen Unterschied. Aber eben nur theoretisch. Praktisch hatte sie gerade eine Bestätigung von professioneller Seite bekommen, fühlte sich falsch und schuldig und klein und wollte am liebsten niemanden sehen. Joyce übernahm wieder das Reden. „Wir wollen hier warten, geht das?“ Sie klang ziemlich harsch und Elli wollte sie schon mit einem Geräusch darum bitten leiser zu sein, ließ es aber bleiben. „Das geht auch“, war die Antwort. Elli konnte die Stimmlage nicht einschätzen. Unter ihrer Panik war sie seltsam taub, schon wieder. „Ich drucke Ihnen nur gerade die Adressen aus und wir machen einen Termin für wann?“ „Wir rufen dann an“, sagte Joyce und nahm eine Hand von der Theke herunter, um nach Ellis zu greifen, um Ellis zu drücken. „Sie sollten das zügig machen.“ „Jaaa“, sagte Joyce ziemlich gedehnt. „Schon klar, ich regle das.“ Es gab ein Tackern und Rauschen und der Drucker neben dem Bildschirm spuckte ein Blatt Papier aus. Joyce nahm es entgegen.