nadnoennas

Was wäre, wenn das alles wäre. Kapitel 6

Ihre Mutter hatte offensichtlich nicht die geringste Ahnung. Sie ließ Elli und Joyce den Tisch decken als wäre nichts, und Elli funktionierte wie ferngesteuert, nahm Joyce‘ Blicke genau so wenig zur Kenntnis die der Rest ihrer Familie. Sie sprach bestimmt nicht mit ihren Eltern, solange Steven noch im Raum war. Am liebsten wäre ihr sogar gewesen, er wäre zu irgendeinem Kumpel verschwunden, aber das konnte sie wohl vergessen. Er trug immer noch dieselbe löchrige Shorts wie am Mittag und ging so bestimmt nicht außer Haus. Dafür legte er zu viel Wert auf den ersten Eindruck, wie er das nannte. Bloß nicht gammlig wirken vor seinen Freunden. Oder gar vor Mädchen. Er lümmelte sich mit angezogenen Knien an den Tisch und stopfte ohne Luft zu holen Brot, Kräuterbutter und Käse in sich hinein. Für Reden war da erst recht keine Zeit. Außerdem war Joyce der Gast am Tisch, also schossen sich die erwachsenen Dohms auf sie ein. Wie es lief, wie der Ferienjob gelaufen war, wie es den Eltern ginge und ihrer Kunst. Ellis Mutter pflegte zu beteuern, wie spannend sie das alles fände um dann ebenso leidenschaftlich zu beteuern, wie unkreativ sie selbst sei und dass sie nichts davon könnte. Wenn er gut drauf war, stimmte Ellis Vater ihr grinsend zu, zwinkerte und sprach die Zweideutigkeit darin nicht aus. Wenn Steven genauso gut drauf war, rollte er daraufhin die Augen nach oben. Heute sahen beide eher so aus, als würden sie sich gerne irgendwo ablegen und ausschwitzen. Es war heiß, aber Elli bemerkte das vor allem an der tropfenden Stirn ihres Vaters. Die grauen Härchen waren dunkler als sonst. Selbst hier im Esszimmer, in dem auf der Sonnenseite des Hauses den ganzen Tag hindurch die Rollläden heruntergelassen waren, fiel das noch deutlich auf. Joyce neben ihr zog einen Fuß auf die Sitzfläche ihres Stuhls, um sich darauf zu setzen. Der Lederbezug gab ein schmatzendes Geräusch von sich als die Haut sich löste. Alles war warm außer Elli. „Alles okay?“ Plötzlich war da Berührung. Finger strichen über Ellis nackten Unterarm, hinterließen Nähe und ein bisschen Schock. Sie wollte Joyce vorwurfsvoll anstarren, die schon mit der Frage zu nah am Thema war, aber im Gesicht ihrer Freundin fand sie zu viel ernste Sorge, um den Vorwurf auszusprechen, geschweige denn da zu ihn in ihren Blick zu legen. Die Finger streichelten weiter, stellten die feinen Härchen auf. Auf Ellis Armen prangte deutliche Gänsehaut. Auch Ellis Mutter bemerkte jetzt die Veränderung. Also nuschelte Elli: „Nur müde“, damit ihre Familie es erst einmal auf eine lange Nacht mit Dennis schieben konnte. Nicht einmal Steven reagierte darauf. Er glitt immer mehr zurück in das für ihn typische Stadium in den Sommerferien. Abwesend, essend, und dann ganz weg. Elli versuchte ihn im Auge zu behalten, ohne dass er es merkte. Joyce schien einen Blickkontakt mit Ellis Mutter gehabt zu haben und ihren Job als beste Freundin ordentlich zu erfüllen. Jedenfalls kamen daher nun weder besorgte Laute noch Gesten. Elli hätte durchatmen können, traute sich aber nicht und versuchte es mit geschnittenen Gurken auf Baguette zu ihrer Orangenlimonade. Das Brot kratzte im Hals und die Gurken waren zu kalt und zu salzig auf ihren Lippen. Sie musste husten und trank mehr Limonade. Prompt musste sie aufs Klo, hibbelte auf ihrem Stuhl herum, bis Joyce ihr einen Stoß versetzte und endlich ging. Das lauwarme Wasser aus dem Hahn tat gut. An den Handgelenken und im Nacken und im Gesicht. Als sie zurück an den Esstisch kam, war Steven mitsamt seinem Teller verschwunden. Elli sah Joyce fragend an, aber die zuckte nur mit der Schulter, von der dabei die schwarze Spitze hinunter rutschte, die sie kichernd wieder hoch in Position zupfte. Ellis Vater lehnte sich zurück, seufzte, drückte eine Hand auf seinen Bauch und die andere auf den Oberschenkel seiner Frau. „Na, was habt ihr heute noch vor?“, fragte er. Elli konnte nicht abschätzen, ob ihre Eltern heute selbst noch ausgehen wollten, wie ihr Tag war und welcher morgen. Ihr Kopf war leer in diesem Moment, abgesehen von dieser großen Kleinigkeit. In ihrem Kopf und in ihrem Bauch. Sie bemerkte die Stille am Tisch. Joyce hatte nicht auf die Frage geantwortet, Elli auch nicht, und an ihre Mutter war sie natürlich nicht gerichtet gewesen. Jetzt war der Moment, um durchzuatmen. Zweimal. Dreimal. Elli öffnete den Mund gleichzeitig mit ihrer Mutter. Dann schloss sie ihn wieder. Ihre Mutter tat es ihr gleich und zog die Augenbrauen hoch. Dann sagte Elli: „Ich bin schwanger“, und Joyce nahm ihre Hand. Schon wieder Stille, Elli griff mit der zweiten Hand auch nach Joyce. Sie zitterte. Sie hatte den Blick gesenkt ohne es zu merken und traute sich nicht wieder aufzusehen. Doch die Stille hielt an und Joyce‘ Griff war fest. Vorsichtig hob Elli ihren Blick, fand den ihres Vaters als erstes, weil er ihr direkt gegenüber saß, und konnte ihn nicht mehr abwenden. Sie zog zischend Luft in ihre Lungen. „Schon gut“, hauchte Joyce neben ihr. „Was?“, sagte ihre Mutter. „Ich…“ Elli brach ab. Sie wollte das eigentlich nicht noch einmal sagen. Sie wusste ja nicht einmal, wie sie es beim ersten Mal herausbekommen hatte. Aber ihre Eltern starrten sie an als hätten sie sie nicht verstanden. Oder als würden sie es nicht glauben. „Ich bin schwanger“, sagte Elli noch einmal. Danach schaffte sie es auch ihre Mutter anzusehen. Sabine hatte eine Hand vor ihrem Mund, verdeckte beinahe die Hälfte ihres Gesichts. Da war kein Ausdruck, den Elli hätte deuten können. Fast brach sie in Panik aus, aber Joyce‘ Finger streichelten immer noch ihre. „Bist du sicher?“ Das war ihr vater gewesen. War sie sicher? Was sollte sie denn auf diese Frage antworten? Diese Tests waren sehr sicher, zumindest stand das in dem Beipackzettel. Also nickte sie. Joyce drückte kurz ihre Hand. „Von Dennis?“, fragte ihre Mutter. Elli nickte wieder. Die große runde Uhr über dem Fernseher tickte vorwärts. Auf einer der Fensterbänke blühte eine Orchidee. Mit Pflanzen konnte ihre Mutter besser umgehen als mit Kunst. „Seit wann weißt du das?“ Elli schreckte auf. Die Stimme ihrer Mutter klang jetzt laut, scharf, drängend. Aus Ellis Rachen kam ein Krächzen, dann ein Schluchzen, dann liefen ihr die Tränen über die Wangen. „Seit zwei Tagen.“ Sie konnte selbst kaum glauben, dass diese zwei Tage irgendwie vergangen waren, dass die Welt sich weiter drehte. Doch anscheinend tat sie das. Bis jetzt. „Wie konnte das passieren?“ Neben Elli ging ein Ruck durch Joyce. Elli konnte das Gesicht ihrer Freundin nicht sehen. Joyce sah eindeutig ihre Mutter an. „Wie konnte das passieren?“, wiederholte ihre Mutter, ohne auf diesen Blick einzugehen oder auf Ellis Zustand. „Wir haben dich doch aufgeklärt!“ Elli senkte den Blick, sah auf ihre Oberschenkel, halb in Shorts und halb nackt. Sie hatte keine Antwort auf die Frage. Ihr Kopf wurde heiße, dröhnte und drückte die Tränen von innen gegen ihre Augäpfel. Sie wollte aufsehen, damit der Druck nachließ, die Tränen wieder an den Wangen hinunterlaufen konnten. Die ersten tropften schon von der Nasenspitze auf ihre Knie. Elli schmeckte das Salz, musste ihre Umgebung scharfstellen, fand ihre Mutter und einen wütenden Ausdruck auf ihrem Gesicht. Sie verdeckte es nicht mehr. Es sah anders aus als bei Dennis. Ganz anders. Elli suchte ihren Vater. Suchte Hilfe, suchte irgendetwas. Als sie ihn fast, griff er gerade neben sich, um die Hand seiner Frau zu drücken. Mit einer groben Bewegung entzog Sabine sie ihm. Er atmete tief durch. Durch die Nase ein und mit geöffnetem Mund wieder aus. „Und jetzt?“ Dass er die Worte über seine Lippen brachte, sah nach einer gewaltigen Anstrengung aus. Sein Blick schwankte zu Joyce und wieder zurück zu seiner Tochter. Bevor sie die Chance bekam zu antworten – sie hätte ohnehin nicht gewusst, was – fragte er: „Weiß Dennis das?“ Elli schloss die Augen. Dennis‘ Körperhaltung, seine Hände am Telefon. „Weiß er“, sagte Joyce an ihrer Stelle. „Er ist nicht hilfreich.“ Sie spuckte die Worte vor sich auf den Tisch, wo sie liegen blieben, eine große Pfütze bildeten und schlecht rochen. „Was hat er gesagt?“ Da war plötzlich eine steile Falte zwischen Johannes‘ Augenbrauen. Elli betrachtete sie. „Er will, dass sie abtreibt.“ Elli krampfte ihre Hand an Joyce‘ Fingern zusammen. Ihr Vater schluckte. Sein Adamsapfel unter den Bartstoppeln bewegte sich langsam und ein paar Mal hintereinander. „Und was willst du?“ Auch ein Krächzen, so mühsam, so fremd aus seinem Mund. Elli ließ Joyce los und verbarg ihr Gesicht mit beiden Händen. Um sie herum war aufgeregtes Flüstern und hektische Atmung. Aber sie konnte das nicht einordnen, konnte nicht genau hinsehen, konnte keine Antwort mehr geben. Sie wusste es nicht. Sie wusste überhaupt nichts gerade. Sie wollte weg, wollte, dass alles wieder wie letzte Woche war. Ceyda, die sich Hals über Kopf verliebte. Anna, die für die Nachprüfung büffeln musste. Dennis, der ihr die coolste aller Sonnenbrillen schenkte. Kein Test, keine Angst, keine Entscheidung. Sie wollte kein Kind, natürlich nicht. Aber was hieß das? Elli konnte nicht aufhören zu weinen. Sie hatte das Gefühl, sie konnte auch gleich aufhören zu atmen. Dann waren da Hände, an ihren Unterarmen, an ihren Ellbogen, zogen sanft, zogen deutlich. Joyce‘ Parfüm. „Komm.“ Joyce‘ Stimme. Ellis Knie ließen sich nicht richtig durchdrücken. Sie stieß mit der Hüfte an die Tischkante, versuchte den Schmerzlaut in sich zu behalten. Ein Keuchen entrang sich ihrer Kehle. „Komm schon, es wird alles gut.“ Joyce klang verdammt sicher. Die Hände verschwanden von Ellis Armen, ihr Stuhl wurde abgerückt, dann war mehr Platz und Joyce wieder an ihrer Seite. „Komm, Süße.“ Arm in Arm gingen sie um den großen Esstisch herum. Da war mehr Stühlerücken auf dem Parkett. Mehr als bei zwei Leuten sein sollte. Ellis Mutter hatte die Hände auf der Lehne, schob ihren Stuhl vor sich hin und her, Zentimeter um Zentimeter, wie ferngesteuert. Der Stuhl ihres Vaters war leer. Aber er war nicht aus dem Raum gegangen. Eine seiner großen Hände legte sich auf ihre Schulter. Raue Haut, Schwielen. Er hatte starke Hände. Joyce schob sie weiter, aus dem Esszimmer hinaus, durch den Flur und die treppe hinauf. Das Familienportait auf der Hälfte des Weges flog an ihr vorbei und brannte sich doch in ihrem Geist fest. Für immer verändert, egal, was sie jetzt tat. „Was geht denn ab?“ Steven tauchte vor ihnen auf, pures Entsetzen in seinem Gesicht. Er war zu nah. Elli hatt das Gefühl, er könnte es sehen, ihr kleiner dreizehn Jahre alter Bruder. Normalerweise fand sie ihn im schlimmsten Fall nervig, nicht einmal das allzu oft. Heute machte seine Existenz ihr Angst. „Jetzt nicht, verdammt“, fauchte Joyce ihn an. Sofort tat er Elli leid. Dann verschwand auch Steven wieder aus ihrem Blickfeld. Sie fand sich in ihrem Zimmer wieder, die Tür geschlossen, ihre beste Freundin neben sich, die Welt wahrscheinlich untergegangen. Sie sah Joyce an. Auch die heulte und irgendwie half das. Nicht nur ihre Welt war im Eimer, sie war nicht allein. Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihrem gemeinsamen Weinen. Joyce wiegte Elli im Arm und Elli ließ es zu. Sie sagten nichts, machten kein Geräusch. Trotzdem öffnete sich die Tür. „Schatz?“ Die Stimme ihres Vaters war so zerbrechlich. Er kam ins Zimmer, schob die Tür hinter sich zu, tat ein paar langsame Schritte ans Bett, traute sich aber nicht sich auf Ellis andere Seite zu setzen. Stattdessen ging er vor den beiden Mädchen in die Hocke, auf ein Knie, nahm umständlich Ellis Beine, strich über ihre nackte Wade. Auch er sah nach Tränen aus, nur ohne das Nass. „Schatz, ich bin da, okay? Egal, was ist.“