Was wäre, wenn das alles wäre. Kapitel 7
Die Tür am Hauseingang ließ sich einfach aufdrücken. Weiß und sauber, das Treppenhaus weiß und sauber, die Treppenstufen grau und sauber. Ellis Blick biss sich an den Stufenkanten fest. Ihre Füße waren so schwer an diesem morgen. Zwei Stockwerke. Sie hielt sich nicht am Geländer fest und nicht an Joyce. Sie brauchte ihre Konzentration ganz für ihre Füße. In die gynäkologische Praxis ging sie nicht zum ersten Mal. Doch sie war zum ersten Mal so früh und die zweite Tür blieb vor ihnen verschlossen. Elli starrte erst die unbewegliche Tür an, dann Joyce. Und Joyce drückte mit einem Augenrollen auf die Klingel unter dem orange leuchtenden Lichtschalter. Sie standen nebeneinander und warteten. Sie sprachen nicht. Es dauerte ewige Minuten bis ein Schlüssel in einem Schloss zu hören war, dann schwang die Tür vor ihnen in die Praxis hinein und eine junge Frau in weißer Jeans und fliederfarbenem T-Shirt tauchte dahinter auf. Sie sah an den beiden Freundinnen hinab und wieder hinauf. Elli musste nicht hinsehen, um zu wissen, dass Joyce ihre Schultern straffte. Sie reagierte auf diese Art Blicke immer mit Stolz und Trotz. Aber Elli war nicht danach das zu bewundern oder sich sonst auf eine Weise darüber zu freuen. „Frau Dohm?“ Elli nickte. Die Frau sah wieder Joyce an. „Ich bin ihre Freundin.“ Das duldete definitiv keinen Widerspruch. Sie wurden beide hereingewinkt. Abgesehen von ihnen dreien schien die Praxis vollkommen leer zu sein. „Haben Sie Ihre Krankenkassenkarte dabei?“ Von Elli vollkommen unbemerkt war die Frau in dem Flieder-T-Shirt hinter einer bauchhohen Theke auf einen Stuhl gesunken und hielt ihr eine Hand entgegen. Ungeschickt und zappelig löste Elli einen Arm aus den Schultergurten ihres Rucksacks. Joyce öffnete den Reißverschluss und beide griffen gleichzeitig hinein. Als ihre Hände sich trafen und das keine schöne Berührung war, zog Joyce ihre sofort wieder zurück, „Sorry“, und fuhr ganz leicht über Ellis Arm. „Ich krieg das hin.“ Damit meinte Elli nicht die blöde Karte und nicht den Rucksack, der sonst immer so einwandfrei geschmeidig von ihren Schultern glitt. Sie meinte alles und das war gelogen und Joyce konnte ihr das wahrscheinlich von den Lippen ablesen. Elli fummelte die Krankenkassenkarte aus ihrem Geldbeutel und legte sie auf den Tresen. Die Sprechstundenhilfe gab einen Laut von sich. Elli fragte sich, ob das ein Zungenschnalzen war. Sie knibbelte die Karte mit perfekt gepflegten langen Fingernägeln von der Theke und steckte sie in ein Lesegerät neben ihrem Bildschirm. „Sie waren schon einmal hier?“ „Ja.“ „Steht das nicht in Ihrem Computer?“ Joyce hatte ein Lächeln aufgelegt, das jeder Mensch der Erde sofort als falsch und abwertend erkennen konnte. Vermutlich bekam sie deswegen keine Antwort, dachte Elli, aber sie fand das nicht schlimm. Mit einer Joyce in dieser Stimmung an ihrer Seite konnte ihr nichts passieren. Die Karte lag plötzlich wieder auf dem Tresen. Joyce nahm sie an sich und Elli den Geldbeutel aus der Hand. „Sie können dann im Wartezimmer Platz nehmen.“ „Vielen Dank“, flötete Joyce und wirbelte auf dem Absatz herum, mit Elli am Arm, was die ziemlich aus dem Gleichgewicht brachte. Sie stolperte ein paar Schritte neben ihrer Freundin her, bevor sie sich wieder richtig fing, dann konzentrierte sie sich auf das Geräusch ihrer Schritte auf Linoleum, den Geruch nach keimfreier Sauberkeit und die fliederfarbene Tapete überall. Wäre das ganze ein bisschen dunkler gewesen, hätte es Joyce wahrscheinlich ziemlich gefallen, aber es war zu weich, zu blumig, zu uninteressant. Sie ließ Elli los und sich selbst auf einen Stuhl fallen, schlug die Beine übereinander. „Hat die Frau echt mit der Zunge geschnalzt? Ich meine, hat die sie noch alle?“ Da wurde Elli klar, dass es tatsächlich dieses Geräusch gewesen sein musste. Die reinste Abwertung. Sie konnte es gar nicht fassen, fragte sich aber sofort, ob sie das verdient hatte und war sich nicht sicher. Sobald sie sich hingesetzt hatte, klebten ihre Beine an der Plastiksitzfläche fest. Schweiß, Haut, Plastik, das war keine gute Kombination, aber stehen wollte sie auch nicht. Joyce rutschte nach vorne. „Ey, ich hoffe, deine Ärztin ist besser als ihr Personal.“ Elli antwortete nicht. Bisher hatte sie nicht darauf geachtet. Hier in der Praxis waren ihr die Leute so normal erschienen wie überall sonst. Die Fenster zur Straße standen sperrangelweit offen. Trotzdem schaffte es nur wenig frische Luft an Ellis glänzende Schienbeine. Draußen fuhren heiße Gummireifen über heißen Asphalt, man konnte es hören und riechen, aber so richtig viel war nicht los. Familien waren im Urlaub. Die Hälfte ihrer Schulklasse schlief wahrscheinlich noch oder blieb einfach liegen und gammelte noch ein bisschen vor TikTok rum. Sie hatte heute noch keinen einzigen Blick auf ihr Handy geworfen außer für die Uhrzeit, und alle Mitteilungen ignoriert. Das waren ohnehin nie so viele. Wahrscheinlich nur die üblichen Nachfragen von Anna, was heute anstand, und von Ceyda ganz klassisch, wann sie sich trafen, weil ihre Treffen so selbstverständlich waren. Joyce warf einen abschätzigen Blick auf die Zeitschriften ihr gegenüber und senkte ihn sofort als sie merkte, dass Elli ihm folgte. Frauen mit Babys über und über. Schwangere Frauen mit riesigen Bäuchen, großen Männerhänden darauf. Blaue und rosafarbene Söckchen, weichgezeichnet, kantenlos. Alle lächelten. Elli wurde schlagartig übel. „Frau Dohm, bitte.“ Die Sprechstundenhilfe sagte das als ginge sie davon aus noch mehr Patientinnen im Wartezimmer vorzufinden. Beide Mädchen standen auf. Ein schmatzenden Geräusch als sich ihre Schenkel von den Plastikstühlen lösten. Elli hatte keine Lust aufzusehen und dem Blick zu den weißen Clogs zu begegnen. Sie hatte das ungute Gefühl, da könnten hochgezogene Augenbrauen sein. Schweigend und gemeinsam folgten Joyce und Elli den weißen Clogs in ein Zimmer, auf dem „Labor“ stand. Elli gab ihren Arm zum Blutdruckmessen her. Das war kalt und unangenehm und Joyce stand im Weg herum, weil sie ihr nicht von der Seite weichen und draußen warten wollte. Mit den Zahlen, die zu ihr gehören sollten, konnte sie nichts anfangen. 120 zu 80. Was das gut oder schlecht? Joyce sah aus als hätte sie darauf eine Antwort, aber sie wollte sie gerade nicht fragen und die Frau in den weißen Clogs erst recht nicht. „Sie müssen eine Urinprobe abgeben. In der Patiententoilette finden Sie alles.“ Elli musste sich an Joyce vorbeischieben, denn die blieb einfach im Labor stehen und begann eine Unterhaltung. „Wieso eigentlich nicht Patientinnentoilette?“ Aufs Klo folgte sie ihr diesmal also nicht. Und Elli musste eigentlich nicht pinkeln, zwang sich aber ein paar Tropfen ab, schrieb ihren Nachnamen mit dem bereitliegenden Edding auf den Plastikbecher und stellte ihn auf diesen kleinen Badezimmerbeistelltisch, in dem auch die Handtücher und mehr Klopapierrollen waren, weil einfach sonst nirgendwo Platz war. Dann wusch sie sich die Hände und traf Joyce direkt vor der Tür. „Und, warum heißt es nicht Patientinnentoilette?“, fragte Elli. Joyce grinste, zuckte aber nur die Achseln. Der nächste Raum, in den sie geführt worden waren, trug die Nummer zwei. Den kannte Elli schon, genauso wie die Ärztin, die hinter ihrem Schreibtisch saß. Frau Geißler. Ihre Haare waren schon grau und länger als bei ihrem letzten Treffen. Unter dem Schreibtisch trug sie weiße Laufschuhe, Nike. Immerhin keine Clogs. Sie sah erst Elli an, dann eine Spur zu lange Joyce, und schließlich wieder Elli. „Guten Morgen. Setzen Sie sich.“ Für Elli war es vollkommen in Ordnung, wenn ihr Ärzte nicht die Hand gaben. Wer weiß, wo die zuletzt war. Sie setzen sich nebeneinander auf die beiden Stühle vor dem Schreibtisch. Es waren dieselben wie im Wartezimmer, weißes Plastik. Frau Geißler saß auf einem Drehstuhl mit Armstützen und hoher Lehne. „Hallo?“ Elli konnte nicht recht verhindern, dass ihre Begrüßung wie eine Frage klang. Statt ihrerseits die Begrüßung zu wiederholen, nickte Frau Geißler nur. „Jemand anders hat diesen Termin für Sie vereinbart, ist das wichtig?“ „Ja?“ Elli schluckte. Sie konnte nicht die ganze Zeit mit Fragen antworten. „Ja, das war Dennis. Mein…“, sie schauderte. „Mein Freund“, sagte sie dann bestimmter als sie beabsichtigt hatte. Wieder nickte Frau Geißler. Elli hatte sich hier noch nie derart unwohl gefühlt. „Und Sie glauben, dass Sie schwanger sein könnten.“ Elli war sich nicht sicher, ob das eine Frage war, also schwieg sie, starrte die Ärztin an, brachte schließlich ein langsames „Ähm“, hervor, bevor Joyce ihr die Antwort abnahm. „Sie einen Test gemacht. Er war positiv.“ Frau Geißlers Blick flackerte zu ihr hinüber, verweilte kurz, flackerte dann zum Bildschirm ihres Computers. Schon wieder nickte sie. „Nun. Ja, Sie sind schwanger. Unser Test hat das bestätigt.“ Irgendwo an Elli zitterte etwas. Vielleicht ein Bein oder ihre Brust oder ihr Gehirn. Das war, was sie erwartet hatte, aber trotzdem nicht das, was sie hören wollte. „Ich würde gern einen Ultraschall machen.“ Joyce bewegte sich auf ihrem Stuhl, aber Elli sah nicht zu ihr hinüber. „Okay?“ „Sie können sich dort freimachen.“ Frau Geißler deutete mit einem langen Zeigefinger auf die gegenüberliegende Ecke des Raumes. Da standen ein Hocker und ein kleiner Lehnstuhl. Beide weiß mit fliederfarbenen Polstern. Drumherum ein Vorhang, der gerade zum Großteil offen stand. Elli hatte das absurde Bedürfnis von Joyce begleitet zu werden. Aber natürlich würde die das nicht tun, selbst wenn Nacktheit zwischen ihnen nie ein Problem gewesen war. Elli stand auf, schob ihren Stuhl mit den Kniekehlen zurück und konnte sich eine ganze Weile lang nicht entscheiden, wo sie langgehen sollte. Sie entschied sich für den langen Weg, außen herum, und fiel dabei fast über ihren Rucksack. Weil der dabei umfiel und auf dem Boden lag, hob sie ihn hoch und nahm ihn gleich mit. Dabei brauchte sie ihn ganz sicher nicht und es war nicht ihre Art ihn ständig mit sich herumzutragen und nicht aus der Hand zu geben. Sie hatte ihn nur mitgenommen, falls Frau Geißler ihr irgendwelche Unterlagen geben sollte. Solche, die sie nun wirklich nicht herumzeigen musste. auch wenn im Ort noch so gut wie nichts los war und sie bestimmt niemandem über den Weg laufen würde, den sie kannte. Ihre Gedanken überschlugen sich. Ihre Füße taten das dieses Mal nicht. Wie geplant setzte Elli einen Schritt nach dem anderen, bis ihr ganzer Körper in der kleinen Zimmerecke angelangt war, und sie den Vorhang zuzog. Umkleidekabinen waren eigentlich anders. Schwere und dunkle Vorhänge oder Holztüren. Hier drin würde sich sicher jede ihrer Bewegungen als Silhouette draußen abzeichnen. Ein Schattenschnitt davon, wie sie die Shorts ihre Beine hinunterschob. Hören konnte sie auch alles, als wäre da kein Stoff zwischen ihr und dem Rest des Raumes. Dieser dünne Stoff hielt nichts ab. Genauso gut hätte sie ohne ihn hier stehen können und den Slip der Shorts hinterher schieben. Sie mochte das Gefühl nicht, dass Frau Geißler wortlos aufgestanden und näher gekommen war. Als sie den Vorhang wieder aufschob, war das natürlich passiert. Die Ärztin stand an dem Stuhl, diesem Stuhl der sagte „Spreizen Sie mal weit die Beine“, damit die Ärztin das nicht so direkt sagen musste. Die zog stattdessen Einweghandschuhe an. Weiße selbstverständlich. Joyce saß immer noch am Schreibtisch, hatte ihren Stuhl aber umgedreht und sah Elli ins Gesicht. „Soll ich?“ Sie deutete auf den Stuhl. Elli nickte, also kam ihre Freundin näher, wartete, bis Elli mit ihrer Kletterei fertig war und kam ganz nah ohne sie anzufassen. Frau Geißler quetschte gerade Gleitmittel auf ein weißes Ultraschallgerät, das aussah wie ein Dildo mit einer verflucht dicken Eichel. Unerotischer ging es kaum und vermutlich war das Absicht. „Entspannen Sie sich.“ Elli sah Joyce an, um bestätigt zu sehen, was die von diesem Kommentar hielt. Wie zum Teufel sollte sie sich denn jetzt bitte entspannen? Alles an ihr fühlte sich an wie verknotet. Dann drückte der Ultraschallkopf, dann nicht mehr. Das Gleitmittel war kalt, das Gerät war kalt und die Handschuhhand auf ihrem Bauch war kalt. Dennis war wärmer und schöner und sie wünschte sich so sehr, es wäre seine Hand, die auf ihrem Bauch liegt, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen. Elli sah an die Decke, blinzetle. Neben ihr rieb Joyce ihre Hände ineinander. Es war sehr still während dieser dicke Kunststoffkopf in ihr drückte und an ihren Muttermund stieß. „Keine Eileiterschwangerschaft, alles normal.“ Elli wusste weder, was eine Eileiterschwangerschaft genau war, noch wie sie das finden sollte, dass alles normal war. „Da schlägt das Herz.“ „Wow.“ Ellis Blick flackerte zu Joyce, die mit offenem Mund auf den Monitor starrte und dann dort hin, wo kaum etwas zu erkennen war. Aber Bewegung war da, definitiv, ganz klein. Elli ließ ihren Kopf so kraftlos zurückfallen, dass der Aufprall schmerzte und sie einen keuchenden Laut von sich gab. „Es sieht sonst alles gut aus.“ „Gut.“ Elli wusste auch nicht, ob das jetzt eine Frage war. Vielleicht eher pures Entsetzen. Ein Herzschlag? In ihrem Bauch? „Wissen Ihre Eltern schon Bescheid?“ „Müssen Sie das?“ Frau Geißler ignorierte Joyce‘ Einwurf, oder einfach nur, dass er von ihr kam. Sie sah Elli durch ihre geöffneten nackten Beine hindurch an und zog den Ultraschallkopf aus ihr heraus. Ein ploppendes Geräusch und gähnende Leere. „Ich denke, es ist besser, wenn sie es von Ihnen erfahren als von mir.“ „Gibt es keine Schweigepflicht?“ Joyce war jetzt ernsthaft sauer. Elli nahm die Beine so schnell aus den Halterungen und stellte sie zusammen, dass die Ärztin ausweichen musste. „Sie wissen es schon“, sagte Elli ohne jemanden anzusehen. „Gut“, sagte Frau Geißler bestimmt. Joyce presste die Lippen aufeinander. „Sie können sich wieder anziehen.“ Ellis Knie waren wieder weich und sie ging in einem einsamen Gänsemarsch zurück hinter den Vorhang. Diesmal schien er mehr Geräusche abzuschirmen. Oder das war das Pfeifen in ihren Ohren. Ein Pfeifen im Takt eines Herzschlags. Dumpfes Vibrieren in ihrem Bauch. Ihr Unterleib plötzlich taub. Sie stoppte zweimal hintereinander bei dem Versuch sich zügig umzuziehen. Einmal blieb sie mit der Ferse im Slip hängen, das zweite Mal mit dem Knie, so lange, dass sie sich festhalten musste, um nicht umzufallen. Ihre Hand erwischte den Vorhang. Einer der Halteringe knackte. Sie ließ trotzdem nicht los, weil sie sonst ohne Slip der Länge nach in den Raum gefallen wäre. Einmal durchatmen. Zweimal durchatmen. Der Vorhang hielt und Elli setzte sich auf den fliederfarbenen Hocker, um Shorts und Schuhe anzuziehen. Sie wollte eigentlich nicht weiter reden. Sie wollte weg. Dennis war derjenige gewesen, der den Termin ausgemacht hatte, nicht sie. Und Dennis war nicht hier. Aber wenn Elli zu lange hinter dem Vorhang blieb, wäre jemand gekommen und das war noch schlimmer als raus zu gehen. Als sie den Stoff zur Seite zog, versuchte sie als erstes Joyce‘ Hinterkopf zu fixieren. Aber natürlich blieb sie an Frau Geißlers durchdringendem Blick hängen. Die Schritte wurden schwerer. Sie hatte sich noch nicht mal ganz wieder hingesetzt, da sprach die Ärztin sie schon wieder an. „Sie sollten einen Termin bei einer Beratungsstelle vereinbaren. Elli starrte sie an, wartete, dass eine Erklärung folgte, doch es kam keine. „Warum?“ Ihre Stimme war viel leiser und zögerlicher als sonst. Frau Geißler starrte Elli ähnlich lange wortlos an wie umgekehrt. Dann räusperte sie sich. „Sie werden dort über Ihre Möglichkeiten sprechen und dann entscheiden können, was Sie wollen.“ Das klang so logisch. Aber für Elli fehlte da eine ganze Reihe Informationen. Was konnte sie denn überhaupt entscheiden? „Was sind das für Beratungsstellen?“ Joyce hatte zwar eine andere Frage gestellt als Elli im Kopf gehabt hatte, trotzdem war sie erleichtert, dass ihre Freundin ihr schon wieder das Gespräch abnahm. Sie wollte das ohnehin nicht weiterführen. Sie wollte weg. „Sie bekommen die Adressen vorn. Lassen Sie sich noch einen Termin in ein paar Tagen geben.“ Elli stockte, öffnete den Mund, stockte noch einmal, dann kam es fast wie ein Flüstern aus ihrem Mund. „Wieso?“ Frau Geißler lehnte sich zurück und faltete die Hände. „Vorsorglich, damit Sie einen haben.“ Sie senkte das Kinn. SO wurden die Schatten unter ihren Augen tiefer, ihre Stimme ruhig. „Sollten Sie sich entscheiden dieses Kind nicht zu bekommen, müssen Sie die Praxis wechseln.“ Ein Geräusch, das Elli nicht einordnen konnte. „Ich mache das nicht.“ Elli sah sie nur an. Die Frau mit den grauen Haaren, die irgendwie freundlich gewesen war, zu der man gehen konnte, Empfehlungen unter Freundinnen. Das fliederfarbene T-Shirt, die Turnschuhe unter dem Schreibtisch, nach hinten überkreuzt als wäre ihr Sitzplatz furchtbar bequem. Als wäre das hier alles entspannt. Als wäre die Antwort klar nach so einer Ansage. Eigentlich war ja wirklich klar, was die Ärztin meinte. Aber Elli spürte, wie sie Luft holte und wie ihr Mund sich öffnete. Sie hörte ihre eigene Stimme. „Was?“ Mehr schaffte es nicht heraus. Frau Geißler hob ihr Kinn wieder an, sah auf sie herab und genauso fühlten sich ihre Worte auch an. „Ich führe keine Abtreibungen durch.“ Elli wusste nicht, was sie sagen sollte. Ob sie überhaupt etwas dazu sagen musste. Völlig ungeplant kam ein fragendes „Okay?“ aus ihrem Mund. Die Schultern von Frau Geißler bewegten sich. „Sie können vorn die Bestätigung der Schwangerschaft mitnehmen und bekommen die Adressen.“ Elli spürte den Stuhl unter sich wachsen. Er wurde immer größer, die Lehne wuchs über ihren Kopf hinaus, bis sie selbst winzig klein kaum noch zu sehen war. „Ist das dann alles?“ Joyce‘ Stimme war leise, aber deutlich, und wie von einer Katze kurz vor dem Sprung aus der Deckung. Tödlich. Für jede Maus. Nicht für eine Ärztin. Der Stuhl war von einem Moment auf den anderen wieder einfach nur ein Stuhl und Elli fasste rüber zu Joyce, nahm ihre Hand, drückte sie. Ein Lächeln schaffte sie nicht, aber etwas ähnliches, und für ein paar Sekunden fühlte sie sich unbesiegbar.