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Was wäre, wenn das alles wäre. Kapitel 8

Nach Hause zu gehen und nicht nach Hause zu gehen waren ähnlich beschissene Alternativen. Joyce‘ Worte, nicht Ellis, aber sie trafen ihr Gefühl ganz gut. Es war verdammt früh am Morgen, Ellis Vater war schon außer Haus, Steven mit Sicherheit noch im Bett. Elli wollte ihrer Mutter nicht gegenübertreten, schon gar nicht alleine. Nicht nach ihrer Reaktion gestern Abend. Obwohl es das nur aufschob, ging sie also wieder mit zu Joyce nach Hause. Legte sich wie ein Seestern alle Gliedmaßen von sich gestreckt unter den Walnussbaum im Garten, mit dem Gesicht im warmen Gras. Die nuschelte etwas hinein, in die Erde, nur für sich selbst. „Mh?“ Elli drehte den Kopf zur Seite. Ihre Stirn juckte. Vermutlich waren da Abdrücke der Grashalme zu sehen. Rote Striemen. Joyce trug mit einer Hand zwei Flaschen Cola in den Garten, die Finger um die Flaschenhälse geschlungen. Ihre Füße waren nackt, die silberne Kette um ihren Knöchel wogte sanft im Takt ihrer Schritte hin und her. „Ich hoffe, dass das alles nur ein Traum ist.“ Joyce verzog bei Ellis Worten das Gesicht. „Zumindest ist deine Ärztin ein verdammter Albtraum. Beim nächsten Mal rufen wir meine an.“ Elli drückte sich ein Stück vom Boden ab, zog die Beine an und setze sich. „Sie hat nicht gesagt, wann das nächste Mal sein muss.“ Joyce hielt ihr eine Flasche hin und setzte sich einen guten Meter entfernt auf die Wiese. So, dass sie sich an den Stamm des Walnussbaums lehnen konnte. „Ist egal, wir fragen meine. Die macht nämlich was du willstl.“ Joyce betonte das Du sehr stark und deutete mit dem Flaschenhals auf Elli. „Da würde ich drauf wetten.“ Elli schluckte. „Ich hab keine Ahnung, was ich will.“ Sie sah zwischen ihren Beinen hindurch auf das grüne Gras und die braune Erde darunter. „Hast du das gesehen? Da…“, sie stockte. „Da lebt was in mir.“ Sie stockte noch einmal, schluckte. „Scheiße, ich glaube, ich will das nicht.“ Joyce stupste Ellis Ferse mit ihren Zehen an. „Musst du nicht. Willst du… naja, eine von diesen Stellen anrufen?“ Am liebsten hätte Elli ihr Gesicht wieder im Gras versenkt. Sie entschied sich genau das zu tun. Streckte ihre Beine nach hinten, ließ sich langsam zu Boden sinken. Gerade noch aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, dass Joyce ihre Colaflasche vor dem Umfallen bewahrte. Dann berührte ihre Nasenspitze den Erdboden, drückte sich in die strohige Wiese, bis auf die trockene Erde hinab. Sie seufzte in die Erde hinein, mit einem Laut, der tief aus ihrem Innern kam und sich anfühlte als würde er so tief in den Planeten gelangen, dass er auf der anderen Seite wieder austrat. Dann hatte Elli Krümel dieser Erde im Mund und musste husten. „Alles okay?“ Es war natürlich klar, was Joyce meinte. Sie starb hier und jetzt nicht an ein paar Grashalmen im Mund. Trotzdem war nichts in Ordnung. Kurz fragte sie sich, ob das hier ein Grund war zu sterben. Dann sah sie Joyce wieder an und verwarf den Gedanken. „Kannst du das machen?“ Das letzte Wort ihrer Frage ging in einem Schluchzen unter. Joyce sagte nur „Klar“, und stand auf. Sie holte sich Ellis Rucksack, zog den Reißverschluss auf eine Art auf, die ihn kaputt machen würde, wenn sie das öfter so machte. Statt den Zipper zu benutzen, oder wie auch immer dieses kleine Ding hieß, zog sie die Haken mit einer schnellen Bewegung auseinander. Das Gras kitzelte Ellis Ohr. Die Sonnenbrille rutschte ihr vom Kopf. Sie hatte ganz vergessen, dass sie eine trug. Wie sehr man ihr die letzten Nächte wohl ansah? Joyce zog einen Zettel aus Ellis Rucksack. Darauf waren zwei berschriebene Rechtecke, die Adressen und Telefonnummern der Beratungsstellen. Sie zog auch Ellis Smartphone aus dem Rucksack und entsperrte es. Den Code kannte sie. Sie war schließlich ihre beste Freundin. Elli sah Joyce‘ Fingern dabei zu, wie sie sich in atemberaubender Geschwindigkeit über den Touchscreen bewegten. Dann verschwand ihre Freundin wieder aus ihrem Blickfeld, als sie das Gesicht zurück ins Gras drehte. Elli versuchte tief einzuatmen, aber es ging nicht. Ihre Nase war plattgedrückt auf dem Erdboden und ihr Mund geschlossen. Sie wartete. Aber Joyce sagte nichts. Als sie stattdessen ein unverständliches Fluchen hörte, sah sie doch wieder auf. Joyce sah Ellis Smartphone angewidert an und schüttelte den Kopf. „Die haben total absurde Telefonöffnungszeiten.“ Aber sie nannte diese Zeiten nicht. Stattdessen griff sie wieder nach dem Zettel und wählte die zweite Nummer. Offenbar gab es ein Freizeichen, denn Joyce lehnte sich wieder zurück an den Walnussbaum. Elli hielt es plötzlich nicht mehr aus das mitzubekommen, stand auf und ging mit sehr schnellen und sehr langen Schritten ins Haus. Hier drin war es etwas kühler. Eigentlich fühlte Elli sich hier pudelwohl. Die Möbel waren dunkel und ziemlich wild zusammengewürfelt. Die beiden Sofas passten nicht zusammen. Gegenüber von ihnen stand ein Ohrensessel, grün, mit Fußstütze. Elli setzte sich darauf, legte die Beine hoch. Weicher Samt schmiegte sich kühl an ihre Haut. Von diesem Platz aus konnte man den Fernseher sehen, der in einer Eckennische an der Wand hing, als wäre er nicht wichtig. War er vermutlich auch nicht. Zumindest war er nie eingeschaltet, wenn Elli bei Schuberts zu Gast war. Sie sahen manchmal Serien auf dem Laptop an, Joyce‘ eigenem oder dem ihrer Mutter, der immer irgendwo herumstand und nicht mit einem Passwort geschützt war. Dieser Raum hier war nicht für so etwas. Er war für alle zusammen. Es gab viel, Platz, viele Sitzgelegenheiten, ging ins Esszimmer über, mitd em verdammt großen Tisch. Ein Raum für viel Familie, obwohl Joyce Einzelkind war, und ein Raum für Feste. Elli saß allein in diesem großen Raum, schob sich zurück in den weichen Ohrensessel und betrachtete ein sehr buntes Porträt von einer Frau, die sie nicht kannte. Sie hatte zusammengewachsene Augenbrauen. Elli versuchte sich vorzustellen, wie ein Menschen aussehen würde, der aus Dennis und ihr bestand. Hälfte, Hälfte. Ihre blonden Haare, sein Kinn. Ihre schmalen Hände, seine breiten Schultern. Es tauchte kein Bild in ihrem Kopf auf, das einen neuen Menschen zeigte. Nur Dennis tauchte auf. Wieder stiegen ihr die Tränen in die Augen. Sie rieb ihren Hinterkopf am Sessel, spürte, wi ihre Kopfhaut und die Haare sich elektrisch aufluden. Die erste Strähne löste sich aus dem Zopf. Sie musste richtig scheiße aussehen, aber in dem großen Raum sah das niemand. Dann schob Joyce die Balkontür auf. Sie war schon halb durch den Raum, wohl auf dem Weg zu ihrem Zimmer, als sie ihre Freundin in dem Ohrensessel fand. Sie kommentierte den Anblick nicht. „Du hast morgen einen Termin bei Pro Familia.“ Elli schluckte. Sie hätte sich wahrscheinlich bedanken sollen, aber sie kriegte kein Wort heraus. Joyce ließ sich davon nicht beirren und ließ sich ihr schräg gegenüber auf das Ledersofa fallen, schwang ihre Beine seitlich hinauf und streckte sich aus. „Das ist krass, Elli.“ Elli atmete sehr schnell und sehr laut aus. Sie musste lachen, dann weinen, und dann hörte sie abrupt mit all dem wieder auf. Es war zu viel. Nichts, was sie tat, konnte diesem Gefühl gerecht werden. „Ich bin müde.“ Ihre Stimme troff vor Müdigkeit. „Dann geh schlafen?“ Joyce sagte das mit solch einer Selbstverständlichkeit, dass Elli sofort überzeugt war. Sie schälten sich gleichzeitig aus ihren Sitzgelegenheiten. Sie gingen nebeneinander die Treppe zu Joyce‘ Zimmer hinauf. Sie schwiegen. Es gab gerade einfach nichts mehr zu sagen. Es war alles gesagt. Es waren auch alle Fragen gestellt. Jetzt musste Elli auf ihre eigenen Antworten warten. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie eine Entscheidung treffen sollte oder wie die ausfallen würde. Sie setzte sich auf das Bett, rieb mit den Fußsohlen über den Teppich und bemerkte, dass ihr Rucksack noch unten im Garten stand. Sie brauchte ihn nicht. Sie krabbelte ganz auf Joyce‘ Bett und strampelte sich unter die Bettdecke. Die Luft war warm und der Stoff kühl, auch wenn er es nicht lange bleiben würde. Alles roch nach ihrer Freundin und nicht nach Dennis. Heute war das beruhigend. Sie vermisste ihn trotzdem, hätte ihn beim ersten Schritt schon gern dabei gehabt und beim nächsten erst recht. „Wir sollten das zusammen machen, oder?“ „Ich komm‘ mit“, antwortete Joyce, setzte sich auf den Teppich vor ihrem Schreibtisch und wühlte in einem Schuhkarton, in dem viele kleine Teile rappelten. Dann sah sie auf und Elli an. „Meinst du Dennis?“ Elli nickte. „Er ist ein Arschloch. Entweder er kriegt sich wieder ein oder ich sag ihm das.“ Elli zog sich die Decke über das Gesicht.

Als sie wieder aufwachte, fielen die Schatten im Zimmer anders und sie war allein. Im Schlaf hatte sie sich zum Großteil aus der Bettdecke herausgewunden. Ihr Kopf lag schwer auf dem weichen Kissen. Elli drehte sich auf die andere Seite, sah auf den Spiegel, um den sich matter Stahl rankte, aber aus diesem Winkel konnte sie ihr Spiegelbild nicht sehen. War vermutlich besser so. Elli streckte sich. Es fühlte sich an als hätte sie Muskelkater in den Beinen. Dabei hatte sie sich in letzten Tagen gar nicht mehr bewegt als sonst. Eher weniger. Sie schwang die Beine vom Bett. Zumindest fühlte sie sich wesentlich besser als noch heute morgen. Von unten kamen Geräusche. Das konnte man in Joyce‘ Zimmer immer recht gut hören, wenn keine Musik lief. Elli zog das Zopfgummi aus ihren Haaren und kämmte sie grob mit den Fingern durch während sie das Zimmer durchquerte und sich über die knarzende Treppe auf den Weg nach unten machte. Es kamen noch mehr Geräusche, vor allem aus der Küche. Da stand Joyce‘ Mutter Manuele und schob Teile des Kaffeeautomaten wieder ineinander. Daneben sah die Arbeitsfläche aus wie ein Schlachtfeld. Aus Spültüchern, Pulverresten und dreckigem Wasser. „Hey Elli! Willst du auch einen?“ Manuele verlor kein Wort darüber, dass Elli hier einfach den halben Tag verpennt hatte. Sie wartete auch nicht auf eine Antwort, besah sich zufrieden ihre Arbeit, stellte eine Tasse in das Gerät und nickte dem Rattern nach einem Knopfdruck wohlwollend zu. „Deine Cola hab‘ ich getrunken. Es war ein langer Abend gestern.“ Manuele grinste. Sie sah nicht sonderlich verkatert aus, vielleicht war sie tatsächlich einfach nur müder als sonst. Trotzdem strahlte sie. Manuele strahlte irgendwie immer. Nicht unbedingt glücklich, aber immer so lebendig. „War es gut?“ Smalltalk war gut. „Perfekt!“, rief Manuele aus. Nicht laut, nur fast seufzend. „Und bei euch? Habt ihr noch lange gemacht?“ In diesem Haus wurde so etwas weder kontrolliert noch bemerkt. Elli hatte plötzlich einen Kloß im Hals. Dann fand sie eine Tasse mit Kaffee vor sich. „Zucker?“ Elli nickte. Neben der Tasse tauchte noch eine Dose mit Zucker auf und ein Löffel. An Manueles Fingern glänzten violette Nägel. Mutter und Tochter teilten sich die Lieblingsfarbe. Plötzlich hatte Elli das Bedürfnis es noch einmal zu sagen. Dieser Frau. Die sie so mochte. Und die keine Angst um sie haben musste, zumindest nicht so direkt. Die sie ein bisschen kannte und immer nett war. „Ich bin schwanger.“ Elli hielt den Atem an, zog ihn dann noch einmal ein, versuchte die Worte zurückzunehmen, aber es gelang ihr nicht. Manueles Finger, lila Nägel, bewegten sich nicht auf dem Tisch. Eine gefühlte Ewigkeit lang bewegte sich gar nichts, nur Ellis Brust, die Lungen und das Herz, die sie am Leben hielten. Dann atmete Manuele sehr lange aus. Ihre Lippen bildeten ein U, die Luft pfiff leise hindurch. „Ou, wow.“ Auch die Worte waren leise und langgezogen. „Ähm. Glückwunsch?“ Sie lachte, aber sie lachte Elli nicht aus. „Ich meine, Glück kannst du jetzt brauchen.“ Elli atmete aus. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie sie den Atem angehalten hatte. Manuele fragte nicht, ob das ihr ernst oder wie das passiert war. Sie fragte gar nichts. Elli hatte gerade keine Tränen mehr zum Weinen übrig, aber Manuele sah ihr das Gefühl wohl trotzdem an, denn sie bewegte die Hand auf dem Tisch Richtung Elli. Als ein Angebot. Elli nahm es an. Manueles Hand war warm und trocken, ihr Daumen strich über Ellis Fingerknöchel. „Ach, meine Liebe.“ Dieses lebendige Leuchten verließ Manueles Gesicht nicht einmal jetzt. „Du bist hier jederzeit willkommen.“ Hinter ihr schnappte jemand nach Luft. Manuele stand auf, drückte beide Hände auf ihre Brust, seufzte, legte dann beide Hände auf Joyce‘ Schultern, die zwischen der Tür erstarrt war, und küsste sie auf die Stirn. „Ich hab dich lieb.“ Joyce sah zutiefst verwirrt aus, dann plötzlich nicht mehr. Sie nahm den Platz ihrer Mutter ein, auf dem Stuhl, nicht an Ellis Händen. Sie zuckte die Schultern. Elli sah sie an. „Mh?“ Joyce zuckte noch einmal die Schultern. „Wenn man es meiner Mutter nicht sagen kann, wem dann?“ Elli schaffte ein kicherndes Schluchzen. Manueles Kopf erschien wieder in der Tür und einer ihrer Finger deutete auf den Kaffee vor Elli. „Süße, ich will mich nicht einmischen, aber solange du nicht weißt, wie es weitergeht, vielleicht besser Hände weg vom Koffein, okay?“ Sie verschwand wieder, ohne eine Antwort abzuwarten. Joyce und Elli starrten sich an, brachen plötzlich in hysterisches Kichern aus, ohne das Schluchzen. Trotzdem vergrub Elli ihr Gesicht wieder in ihren Händen. Joyce wartete, bis sie nicht mehr lachen musste, und dann, bis sie das Gesicht ihrer Freundin wieder sehen konnte. „Du hast einen verpassten Anruf auf dem Handy. Von Zuhause.“ Das konnte alles bedeuten. Ihre Mutter, die reden wollte. Oder ihr Vater, der da sein wollte. Vielleicht umgekehrt. Elli verstand immer noch nicht, was da gestern abend passiert war. Oder es war einfach Steven, der sein Handy nicht fand und sie nach dem Passwort für ihren Laptop fragen wollte. Joyce deutete mit dem Daumen rücklings über ihre Schulter. „Hab‘s in deinen Rucksack gepackt.“ Sie bewegte sich als wollte sie aufstehen, tat es aber dann doch nicht. „Willst du zurückrufen?“ Elli dachte einen Augenblick darüber nach, entschied sich schließlich und schüttelte den Kopf. „Ich glaube, ich gehe einfach nach Hause.“ Joyce nickte, setzte zum Sprechen an, schloss den Mund wieder und sprach dann doch. „Soll ich dich bringen?“ Elli schüttelte wieder den Kopf. „Schon gut.“ Es war viel gewesen und Joyce hatte so viel für sie getan gerade. „Ich glaube, ich muss mal durchatmen.“ Alleine. Die Umarmung zwischen beiden Freundinnen dauerte länger und war fester als sonst. Elli wollte weder weg von Joyce noch zurück nach Hause. Aber sie wollte sich dringend alleine bewegen.

Mittlerweile war es nicht mehr ganz so heiß und drückend mehr wie gestern oder heute morgen. Es roch eher nach Regen und die Luft wehte kühl an ihren nackten Beinen vorbei. Elli bekam Gänsehaut bis in ihre Shorts hinein. Ihre Füßen fühlten sich klamm an, als würden sie den Regen schon spüren. Es war gerade mal eine halbe Stunde Fußweg, aber das Wetter schlug um. Elli rieb sich schon die Oberarme, als die ersten Tropfen fielen. Auf ihrem heißen Gesicht war das laue Regenwasser schön. Sie blieb stehen, schloss die Augen und öffnete den Mund. Aber der Regen war noch nicht stark genug, um ihn zu fangen. Ein älterer Mann auf der anderen Straßenseite sah sie kritisch an. Elli ging weiter und rieb sich die Oberarme. Der Regen blieb so zögerlich, dass er auf dem heißen Asphalt verdampfte. Die Straßen wurden nicht nass auf Ellis Weg nach Hause, obwohl die Luft so viel kühler geworden war. Sie wäre gern geschwommen. Alles an ihr fühlte sich viel schwerer an als sonst. Sie konnte sich selbst mit einem dicken Bauch nicht vorstellen. Auf der Steigung ihre Straße hinauf fiel ihr sogar das Atmen schwer. In ihrer Brust war es eng geworden. Elli blieb stehen. Sie atmete durch, ein paar Mal, und sehr tief, und hatte Manueles Wünsche im Kopf. Glück. Und keinen Kaffee. Bis sie sich entschieden hatte. Wie sollte sie das nur entscheiden? Ohne Dennis? Und ohne ihre eigene Mutter? Wer würde ihr helfen außer Joyce? Was war mit der Schule? Es war keine hundert Meter mehr bis zu ihrer Haustür als die Wolken brachen und sich über ihr ergossen. Die letzten paar Schritte rannte sie über die Pflastersteine und drückte sich an die Tür während sie im Rucksack nach ihrem Schlüssel wühlte. Die Tür schwang nach innen auf, bevor Elli ihn ins Schloss gesteckt hatte. Da stand ihre Mutter und sah sie mit großen Augen an. Elli wusste nicht, was sie erwartet hatte. Nichts an dieser Situation war etwas, von dem sie irgendetwas erwarten konnte. Statt ihre Tochter anzusprechen, rief ihre Mutter über die eigene Schulter zurück ins Haus: „Sie ist wieder da!“, und wandte sich dann erst wirklich Elli zu. Ihre Lippen öffneten sich zu weit dafür, dass sie in einer normalen Lautstärke sprache. „Wir haben uns Sorgen gemacht.“ Der Regen ergoss sich wie aus Eimern direkt hinter Ellis Rücken. Bestimmt war ihr Rucksack schon halb durchweicht. Ihre Mutter trat endlich zur Seite, um sie einzulassen. Elli betrat das Haus und fühlte sich sofort fürchterlich fehl am Platz. Eben noch hatte Manuele ihre Hand gehalten. Hier war sie nun allein. Das war ein seltsames Gefühl. Wirklich unwohl war ihr zu Hause sein nie gewesen, nicht einmal im Streit mit ihren Eltern oder – häufiger – dem kleinen Bruder. Gestern abend hatte das verändert. Sie wusste ja auch nicht, wie man da reagieren sollte. Nur, dass es nicht so sein musste, das war ihr ganz plötzlich klar. Ihre Mutter biss die Zähne zusammen und presste „Jetzt komm schon rein“ hervor. Elli war schon halb versteinert direkt hinter der Schwelle stehengeblieben, ohne es zu wollen oder zu merken. Sie löste sich aus ihrer Starre als ihr Vater in ihrem Blickfeld auftauchte. Etwas Schweres fiel aus seinem Gesicht, dann hatte er sie schon im Arm. „Oh, Elli, wir haben uns solche Sorgen gemacht.“ Aus seinem Mund klang das vollkommen anders als aus dem Mund ihrer Mutter. „Geht es dir gut?“ Er schluckte. Elli konnte es an seinem Hals spüren, so fest drückte er sie an sich. Sie wusste nicht, was sie auf diese Frage antworten sollte. Ein einfaches Nein wäre das ehrlichste gewesen. Aber sie wusste nicht wirklich, wie es ihr ging. Beschissen vielleicht. Sie brachte ein „Weiß nicht“ heraus. Das war beinahe genauso ehrlich. Ihr Vater hielt sie von sich weg, suchte in ihrem Gesicht nach einer Antwort, fand aber auch dort offenbar keine. „Ja“, sagte er dann. Elli sah auf den Fußboden zwischen ihnen. Grau melierte Kacheln. Ihre Augen brannten und ihr Rachen kratzte. „Ich würd gern allein sein.“ Sie hörte den flachen Atem ihrer Mutter und spürte den rauen Daumen ihres Vaters an ihrer Schulter. „Ja“, wiederholte er. „Ja, klar. Ähm.“ Er ließ sie los und trat einen Schritt zur Seite, um sie vorbeizulassen. „Sag, wenn du was brauchst, in Ordnung? Reden wir später? Über… alles?“ Jetzt sah Elli ihren Vater doch wieder an. Über alles. Vielleicht darüber, wie die Ärztin sie angesehen hatte? Oder darüber, dass ein kleines Herz in ihr schlug? Darüber, dass sie morgen mit irgendwelchen Leuten über Abtreibung reden sollte? Dass Dennis das bestimmt toll fand? Sie wollte nicht darüber reden. Sie wollte am liebsten nicht einmal daran denken. Trotzdem nickte sie und ließ ihre Eltern allein unten in der Diele stehen, als sie hoch in ihr Zimmer ging und die Tür hinter sich schloss. Sie hatte noch keinen weiteren Schritt gemacht als ihr Rucksack vibrierte. Erst jetzt merkte sie auch, dass sie die Flipflops noch an den Füßen hatte. Normalerweise ließ sie die unten an der Garderobe vor dem Schuhschrank liegen. Die feuchten Sohlen quietschten. Heute war alles anders. Elli schälte eine Schulter aus dem Riemen und ließ den Rucksack an dem anderen Riemen ihren Arm hinuntergleiten. Sie fischte ihr Handy heraus. Es wurde keine Namen angezeigt. Auf dem Display stand nur eine Nummer. Trotzdem wusste Elli sofort, wer das war. Sie schob das grüne Hörersymbol zur Seite. „Oma?“ Ihre Großmutter hieß Elfriede und normalerweise nannten sie alle Elfie, aber nicht, wenn es sehr ernst war und heute war alles sehr ernst. „Elli?“ Ah gut, ich hab mich verwählt und der Herr in der Leitung war nicht sonderlich erfreut.“ Elli plumpste auf ihr Bett, drückte mit der Hand tief in die Matratze und atmete aus. „Ja, hi. Was gibt‘s denn?“ Natürlich wusste sie längst, was es gab. „Deine Mutter hat mich angerufen.“ Also ihre Tochter. Dass dieses Mutter-Tochter-Verhältnis auch für Sabine und Elfriede galt, war für Elli immer seltsam gewesen. „Ja?“ Elli wollte nicht darüber reden, egal wie wessen Verhältnis zueinander war, und sie hörte auf zu atmen vor lauter Angst,dass die Reaktion ihrer Mutter sich wiederholen könnte. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, wenn das noch einmal über ihr ausbrach. Vorwürfe und Ablehnung. Sie wollte das alles doch auch nicht. „Hör mal, das kann passieren, ja?“ Elli merkte es nicht, aber ihr Mund klappte auf. „Du bist ein bisschen jung, finde ich. Aber das andere Zeiten, wa? In deinem Alter hab ich ja fast noch mit Puppen gespielt. Du hast den Dennis und das ist wohl in Ordnung so.“ Sie sprach das r in Ordnung wie das ch in Koch. Diese alte rheinländische Frau. In Ellis Kehle steckte etwas, das sich genau so anfühlte, wie dieser Buchstabe klang. „Aber du musst zum Arzt gehen, hörst du mich? Meine Freundin hat das nach dem Krieg selbst gemacht und ist fast gestorben. Das ist wichtig. Versprich mir, dass du zum Arzt gehst.“ Elli schluckte, aber der Knoten blieb. „Ja, Oma.“ Sie wollte nicht erzählen, dass sie längst da gewesen war und nichts entschieden hatte. Nicht, dass es überhaupt eine Entscheidung gab. „Und ruf an, hörst du?“ „Ja, Oma.“ Da war kurz Stille. Elli wollte wie ein Roboter „Ja, Oma“, wiederholen, um die Stimmung aufzulockern, brachte es aber nicht übers Herz.