Was wäre, wenn das alles wäre. Kapitel 9
Lange konnte Elli ihrer Familie nicht aus dem Weg gehen, das war schon klar. Aber für heute noch musste sie es unbedingt tun. Sie hätte keinen Blick ihrer Mutter ertragen an diesem Tag. Wahrscheinlich hätte sie nicht einmal diese verzweifelte Unterstützung ihres Vaters ertragen. Also schlich sie durch das Haus, wenn es gerade besonders leise war. Nahm sich Obst und Wasser und Cornflakes und zwang sich in ihrem Zimmer zum essen. Es war immer noch heiß, aber der Regen hatte die Luft zusätzlich noch eingedickt. In Scheiben stand sie im Haus und drumherum. Ob das Fenster offen stand oder nicht machte keinen Unterschied mehr. Elli ging duschen, fühlte sich danach aber weder sauberer noch erfrischt. Es dauerte ewig bis zum Mittag. Am Morgen hatte sie die Stimmen ihrer Familie flüstern hören. Zum Mittag hin wurde es immer stiller. Um zwölf Uhr klingelte es. Elli stieg in die Flipflops, die immer noch neben ihrem Bett standen, und öffnete ihre Zimmertür. Unten war Joyce‘ Stimme. Sofort fühlte Elli sich wohler. Sicherer. Auch wenn etwas auf sie zukam, vor dem sie panische Angst hatte. Ihre Hände schwitzten. Dabei hatte sie sich keinen Deut angestrengt. Flip, Flop, sie ging noch einmal zurück und packte ihren Rucksack. Flip, Flop zur Treppe. Flip, Flop, die Treppe hinunter. Flip, Flop… „Wo geht‘s hin?“ Ihre Mutter versuchte nicht einmal gelassen zu klingen. Sie waren sich den ganzen Vormittag über nicht begegnet. Sie hatten sich nicht einmal einen guten Morgen gewünscht. Elli starrte sie an. Sabine starrte zurück, ein paar Sekunden lang, höchstens. Dann seufzte sie und hob beide Schultern nach oben. „Ich frag‘ ja nur.“ Wir fahren in die Stadt.“ Das war die unverfänglichste Antwort, die Joyce geben konnte. Sie reichte mit einer Hand an Sabine vorbei und zog Elli zu sich, um sie auf die Wange zu küssen. Elli ließ es geschehen, drehte sich dann aber zu ihre Mutter um. „Ich fahre zu Pro Familia.“ „Oh.“ Ihre Mutter schluckte, lächelte. „Ok? Gut. Gut. Ähm.“ Sie pustete Luft aus, so dass Elli den Hauch im Gesicht spürte. „Soll ich euch fahren? Soll ich mitkommen?“ In Gedanken hatte sie schon den Autoschlüssel in der Hand, das konnte man sehen. Joyce schaltete sich wieder ein. „Wir fahren mit dem Bus.“ Elli zuckte zusammen und schaffte es, irgendwie gleichzeitig zu nicken. Das war eine klare Abfuhr, die sie ihrer Mutter gerade erteilte. Dabei wollte sie nicht gemein sein. Sie wollte das nur mit jemandem tun, der immer zu einhundert Prozent hinter ihr stand. Das hatte ihre Mutter nicht getan. Joyce tat das. Elli räusperte sich. „Geht schon.“ Sie wollte nicht „Nein, danke“ sagen und dabei undankbar klingen. Kurz sah Sabine so aus, als wollte sie noch etwas sagen oder etwas tun. Elli war sich nicht sicher, aber ihre Mutter schien ein oder zwei kleine Schritte näher an sie herangekommen zu sein. Sie schwankte. Vor und zurück, ein paar Mal und nur ganz leicht. Dann zur Seite, bis sie schief genug stand, um damit aufzufallen. „Wie betrunken“ schoss es Elli durch den Kopf. Aber das konnte nicht sein. Es roch nirgends nach Alkohol, es war mittag, und ihre Mutter war überhaupt nicht der Typ für so etwas. Sie schwankte jetzt auch nicht weiter. Stattdessen machte sie einen sehr sichtbaren Schritt von der Tür weg und nickte. „Na gut. Wenn zurück kein Bus mehr fährt, ruft an.“ Elli hoffte inständig, dass sie nicht so lange dort bleiben musste, dass sie den letzten Bus verpassten. Aus der Stadt heraus fuhren die sogar bis nach zehn Uhr abends. Also gab es keinen Grund, warum ihre Mutter das sagte. Außer, dass sie einfach irgendetwas sagen wollte. Als Elli sie deswegen musterte, sah Sabine weg, ins Haus hinein, fast so, als lauschte sie auf das kochende Wasser auf der heißen Herdplatte. Nur, dass da kein Geräusch war. Sie nickte noch einmal, sagte etwas, das nach „Bis später“ klang, aber halb vom Haus verschluckt wurde, in das sie hineinsprach. Dann verschwand sie in der Küche. Nicht sichtbar an der Arbeitsplatte oder am Kühlschrank, sondern Richtung Tisch, an dem nie jemand saß, um zu essen. Nur um zu warten oder zu reden. Elli sah Joyce an. Joyce zuckte mit den Schultern , zog Elli aus dem Haus heraus und die Tür hinter ihr ins Schloss. „Ich glaub‘, ich hab‘ meine Schlüssel vergessen.“ Joyce zuckte nur erneut mit den Schultern. „Wirst es überleben.“ Schon wieder behielt sie Ellis Hand in ihrer. Ohne zu fragen und ohne, dass sich das seltsam anfühlte. Sie waren überpünktlich, das war weitaus ungewöhnlicher. Normalerweise kam Joyce gern zu allem etwas später als vereinbart. Sie sagte oft, das sei Absicht. Für den Auftritt. Aber meistens hatte sie länger geschlafen, länger in der Wanne gelegen, oder länger ihr Outfit geprüft. Elli glaubte eigentlich, dass Joyce es auch nicht rechtzeitig schaffen würde, wenn sie sich wirklich bemühte. Heute belehrte ihre Freundin sie eines besseren. Sie kamen ganze fünf Minuten vor dem Bus an der Haltestelle an. Auf der einzigen schattigen Bank saß ein weißbärtiger Mann mit Zigarette. Die Sonne hatte den Regen von gestern längst getrocknet, also setzten sich die Mädchen einige Meter vom Rauch entfernt auf die Bordsteinkante. „Bist du nervös?“ Elli lachte, auch wenn sich dabei ihre Kehle wund anfühlte. „Ich dreh‘ gleich durch.“ Joyce nickte. Sie verstand das. Natürlich verstand sie das. Dafür musste niemals ihr oder ihren Freundinnen etwas passiert sein, dass sich auch nur annähernd damit vergleichen ließ. „Hast du…?“ Joyce machte eine Pause, die lange genug war, um klarzustellen, dass sie wirklich über ihre Worte nachdenken musste und nicht nur höflich war. Elli sah sie an. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Joyce ihr auf den Schlips trat. Diese Möglichkeit gab es in ihrem Kopf einfach nicht. „Naja“, fuhr Joyce fort. „Hast du schon eine Idee?“ Sie strich mit den Fingern über den Asphalt. „Was du machst, meine ich.“ Elli sah wieder weg. Sie sah vor sich auf die graue Straße, dann weg von Joyce, in die entgegengesetzte Richtung. Die Luft war am Boden so heiß, dass sie flimmerte. „Ich kann mir das nicht vorstellen.“ Das war das ehrlichste, was sie zu Stande brachte. „Was davon?“ „Gar nichts. Und…“ Das jetzt war immer noch ehrlich, aber es tat auch verflucht weh. „… für Dennis stand das schon fest.“ Sie sah gerade rechtzeitig wieder zu Joyce, um zu sehen, wie die eine Faust ballte. Als sie Ellis Blick erwiderte, entspannte sich ihre Hand. „Du musst nicht machen, was Dennis will.“ Das war natürlich klar, aber Elli wusste nicht, was für Folgen haben würde. Alles würde sich verändern. Auch das mit Dennis, das hatte sich schon verändert. Und sie hatte Angst davor. „Schon klar“, sagte sie. Vielleicht reichte das aus, um ihre tausend Gedanken auszudrücken. Joyce jedenfalls sah aus, als würde sie verstehen. Das Motorbrummen war laut genug, um rechtzeitig gehört zu werden. Elli und Joyce stemmten sich von der warmen Bordsteinkante hoch und warteten, bis der Bus um die Kurve herumgefahren war. Erst dann verließen sie den Schatten und stellten sich ungefähr dorthin, wo er halten würde. Natürlich hielt er nicht so, dass sie sofort einsteigen konnten. Der Mann mit dem Bart und der Rauchfahne war näher dran und stieg vor ihnen ein. Er ließ Kleingeld klimpern. Die Mädchen zeigten beide ihr Ferienticket vor. Mit wenigen Shoppingtouren in die Stadt rechneten sich die schon, also holten sie sich jeden Sommer welche. Im Bus war es heiß. Alle Fenster standen gekifft offen und außer ihnen fuhren nur wenige andere Fahrgäste mit. Ein Pärchen, das nichts dagegen hatte sich gegenseitig vollzuschwitzen. Zwei ältere Frauen in beigen Blusen. Eine Gruppe Jungs, etwa in Stevens Alter. Sie sah in die andere Richtung und ging nicht in den hinteren Teil des Busses, wo sie saßen. Mit Joyce zusammen wäre sie normalerweise in die letzte Reihe geschlendert, so als würde sie ihnen gehören. Oder zumindest in einen der hinteren Vierersitze, auch wenn sie nur zu zweit waren. Heute hatte sie keine Lust auf Blicke und Sprüche. Joyce hielt kurz verwirrt inne, als Elli auf einen Zweiersitz ans Fenster rückte, setzte sich dann aber kommentarlos neben sie. Elli bekam beides mit, sah aber eigentlich aus dem Fenster und schweifte ab. Sie kriegte ihre Gedanken nicht zu fassen, nur ein paar Gefühle, die dranhingen. Die Tür quietschte als sie sich schloss und der ganze Bus kippte ein Stück, um beim Fahren wieder in der Waage zu sein. Ganz leicht zog Luft von draußen nach drinnen, als er sich in Bewegung setzte. Er nahm eine scharfe Kurve von dem kleinen Busbahnhof in die entgegengesetzte Richtung. Zuerst fuhren sie an der Einfahrt zur Siedlung vorbei, in der Elli wohnte und es fühlte sich nach Abschied an, obwohl sie wusste, dass das Blödsinn war. Alles war anders und alles machte ihr Angst, aber heute Abend würde sie wieder hier sein und mit irgendjemandem darüber reden müssen. Sie wollte mit Dennis reden. Die Buslinie führte nicht an seiner Gegend vorbei. Wie aus dem Nichts tauchte ein kleiner schwarzer Ohrstöpsel vor ihrem Gesicht auf. Die Hand daran gehörte Joyce. Elli fragte sich, ob sie die großartige Kunst von Fiona Bryce gerade ertragen konnte, aber der Beat klang nicht nach ihr. Sie testete mit ein bisschen Abstand zu ihrem Ohr, bevor sie sich für die volle Dröhnung entschied. Jennifer Rostock passte ihr gerade ganz gut. Jemand, der alles rausließ, wo sie gerade überhaupt nicht wusste, was sie rauslassen sollte. Wo alles in ihr blieb. Die Kleinstadt zog an ihr vorbei, und sie wünschte sich, sie würde mit Joyce in den Urlaub fahren. Oder ins Kino. Nach Jennifer Rostock lief Katzenjammer. Laut, aber auch in Ordnung. Elli fragte sich, warum ihr das passierte. Natürlich wusste sie, dass das immer passieren konnte, aber normalerweise tat es das doch nicht. Beim nächsten Lied war sie kurz wütend auf ihre Mutter, dann auf Dennis, dann auf ihren Körper. Dann drückte Joyce den roten Halteknopf. Sie zog Elli den Stöpsel aus dem Ohr, gerade als Alice Phoebe Lou begann. Das reichte für Elli aus, um ihre Beine zu Bewegung zu zwingen. Sie rutschte über die blau gemusterten Polster in den Gang und wartete mit Joyce, bis die Türen sich öffneten. Wieder kippte der Bus ein Stück zur Seite, gab sie beide frei, aber nur in die Schwüle der Stadt im Hochsommer. Joyce pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht und zückte ihr Smartphone, um sich den Fußweg zu ihrem Ziel noch einmal anzusehen. „Wir müssen da lang und dann nach links.“ Joyce zeigte auf eine stark befahrene Straße, die vom Busbahnhof Richtung Innenstadt führte. Hinter ihnen war nicht nur der Halt für Busse, sondern auch für die Straßenbahn. Und hier waren Menschen. Viele Menschen, eine schwitzende Masse, in der man blendend untertauchen konnte Elli wünschte sich Wasser zum Untertauchen und Wasser, das alle Geräusche schluckte. Eine abgelegene Stelle am See, Kiefernnadeln auf dem Boden und Wurzeln, über die man fiel lachte. Stattdessen folgte sie erst mit dem Blick Joyce‘ Handbewegung und dann mit den Schritten dem Rest ihres Körpers. Joyce ging voran und das war auch notwendig. Elli war sich sicher, sie würde gerade keinen Weg finden, ob nun mit Navi oder ohne, egal wohin. Wahrscheinlich nicht einmal nach Hause. Sie traute sich gerade nicht einmal zu, die altbekannte Buslinie zu nehmen. Ihr fiel die Nummer nicht ein. Sie fing mit einer drei an, zumindest glaubte sie das kurz. Dann war es auch schon wieder egal, denn wie viel Angst sie auch hatte, sie musste zu dieser Beratung gehen. Sie waren schon halb die Straße hinunter, da bildeten sich aus Ellis schwirrenden Fragen endlich Formulierungen. „Mit wem rede ich denn da?“ „Miriam“, sagte Joyce sofort. „Warte, ich kann mir den Nachnamen nicht merken. Ich hab heute bestimmt schon vier Mal nachgeguckt.“ Sie sah wieder auf ihr Smartphone. „Jakobs. Miriam Jakobs.“ Sie steckte sich das Smartphone wieder in die hintere Hosentasche. Ein rechteckiger Abdruck auf ihrem Po. Elli fand Handys in so engen Hosen unbequem. Joyce machte das so wenig aus, dass sie es regelmäßig vergaß und sich drauf setzte. Zwei Displays waren ihr letztes Jahr auf die Art gesprungen. „Klang sie nett?“ „Ich habe nicht mit ihr geredet. Da war nur jemand vom Büro, die die Termine vergibt.“ „Ach so.“ Elli wäre es lieber gewesen, irgendjemand würde sie darauf vorbereiten, was jetzt kam. „Aber die klang nett, falls dir das hilft.“ Elli schluckte. „Geht so“, antwortete sie, weil das logisch klang, obwohl es tatsächlich half. Sie wusste nur nicht, warum das helfen sollte. Sie kamen an einem Stand mit Büchern und Flyern vorbei. Mitten auf dem Gehweg an der stark befahrenen Straße. Die Fußgängerzone lag in die andere Richtung. Joyce war das auch aufgefallen. „Was macht denn der…?“ Sie brach ab, blieb für einen Wimpernschlag stehen, dann zog sie Elli fest am Arm. „Komm weiter. So ein Dreck.“ Sicher, das waren Zeugen Jehovas. Manchmal machten sie sich über die lustig oder bemitleideten sie. Mehr eigentlich nicht. Die kamen einem ja normalerweise nicht zu nahe. Nicht so wie die Punks auf der Domplatte. Die kamen oft nah und manchmal fand Elli sie faszinierend. Sie drehte sich noch einmal um, aber Joyce zog sie weiter und sie konnte nicht erkennen, was genau auf den großen Plakataufstellern stand. Sie ging nicht zurück, obwohl es sie interessierte. Neben ihnen war heißer Gummi auf heißem Asphalt und in den Bäumen auf dem Mittelstreifen bewegten sich nur die untersten Blätter vom Fahrtwind. Sonst wehte kein Lüftchen. Elli vermisste den Regen auf ihrer Haut oder irgendetwas anderes, das sie ablenkte. Sie konzentrierte sich auf das, was vor ihr war. Eine Gruppe Menschen, die sich unterhielten. Es war immer absurd in den Ferien zu sehen, was tagsüber so auf den Straßen los war, wenn normalerweise alle Leute in ihrem Alter noch im Unterricht hockten. Die Leute in der Gruppe vor ihnen waren in jeder Hinsicht durchschnittlich. Mittel alt, mittel aussehend, mittelmäßig eben. Aber sie sagen sehr ernst aus und sie waren definitiv keine Zeugen. Sie hielten Plakate hoch und vor ihre Brust. „Abtreibung ist Mord.“ Elli erstarrte. Der Mann mit dem Schild starrte zurück. Joyce stolperte und zog so viele lange Sekunden an Ellis Hand, bis Ellis Füße sich schwer vom heißen Asphalt lösten. Sie konnten die Straßenseite nicht wechseln und breit genug für einen großen Bogen war der Gehweg auch nicht. Sie mussten eng ihnen vorbei. Es waren vielleicht noch hundert Meter bis zur Beratungsstelle. Elli konnte das Logo von Pro Familia schon erkennen. Und sie erkannte mehr Plakate. Die Bilder darauf. Bilder von Blut und Körperteilen. Bilder von Jesus am Kreuz und Maria mit Heiligenschein. Trotzdem sahen die Leute nicht streng religiös aus. Elli konnte nicht wegsehen, obwohl Joyce sie weiterzog. Sie reckte ihren Hals und hörte Joyce‘ Flüche nur gedämpft. „Schützt das Leben!“ Elli wurde schlecht und Joyce‘ Hand um ihre tat weh. Sie konnten es nicht außer Sicht schaffen, bis sie durch die Tür waren, aber nach einigen endlosen Sekunden hörte Joyce auf an Elli zu ziehen. Sie hörte nicht damit auf zielstrebig zur Beratungsstelle zu gehen, aber die Eile legte sich. Der Ernst in ihrem Gesicht legte sich nicht. „Widerliches Pack.“ Joyce klang als hätte sie gern auf den Boden gespuckt, aber so etwas proletenhaftes würde sie halt nie tun. „Was machen die hier?“ Elli brauchte keine Antwort auf diese Frage. Es war vollkommen klar, was diese Leute wollten. Sie konnte nur einfach nicht fassen, dass sie in diesem Moment gerade hier standen, um das zu tun. Sie konnte die Bilder nicht fassen und die Blicke. Joyce hatte noch etwas sehr böse klingelndes gemurmelt, blieb aber sehr plötzlich stehen. So plötzlich, dass Elli fast an ihr vorbeigelaufen wäre. Ein Mann und eine Frau versperrten ihnen den Weg. Zusammen waren sie breit genug, um den gesamten Gehweg auszufüllen. „Tu das nicht, Mädchen. Du würdest es fürchterlich bereuen. Sie bringen sich meistens sogar selbst um, später, die Frauen, die das getan haben. Das ist Kindsmord.“ Die Stimme war so sanft, so eindringlich, so gefährlich. Und die Frau sah eindeutig Elli an, nicht Joyce. Als könnte sie das schlagende Herz in ihrem Bauch sehen. Elli schmeckte Galle in ihrem Mund. „Hey, du blöde Schnepfe. Ich hab das verdammte Recht mich beraten zu lassen.“ Joyce ließ die Galle los, die nicht aus Elli hinauswollte. Sie machte einen Schritt nach vorn, die Schultern zurück und das Kinn erhoben. Die Frau sah sie verständnislos an. Vielleicht auch überrascht. Elli war das egal. Hauptsache, sie war verstummt. „Verpiss dich.“ Joyce zischte. Sie war gerade viel gefährlicher als die Frau, aber Elli hatte keine Angst. Der Mann schaltete sich dazwischen, erwiderte Joyce‘ Schritt und ihren Blick. Er neigte den Kopf, fast wie zur Verschwörung. „Die können dir nicht helfen, Mädchen. Du zerstörst dein Leben und das deines Kindes.“ Aber bei Joyce biss er auf Granit. Joyce war nicht schwanger. Joyce wusste, was zu tun war. Joyce rotzte ihm auf die Schuhe. Mit einer Schulter schob sie die Frau zu Seite. Mit der anderen drehte sie ihren Arm nach hinten, schob ihn zwischen Ellis Taille und Ellbeuge hindurch und holte sie zu sich, holt sie durch die Höllenmenschen, an ihnen vorbei und wieder in eine normale Welt, so weit sie eben gerade normal sein konnte. Eine Straße ohne Menschen, die Blut und Leichen auf Schildern herumtrugen. Es dauerte ein paar Meter bis Elli merkte, dass ihr Atem sich seltsam anfühlte und noch ein paar weitere, bis sie ihn wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte. Joyce sah sich um und streckte die Zunge heraus. 2Sie kommen uns nicht nach. Feiglinge.“ Sie zog frischen Rotz ihren Rachen hinauf und spuckte hinter sich. „Das ist eklig.“ Elli wusste selbst nicht so recht, warum sie ausgerechnet das sagte, von all den Gedanken, die sie im Kopf hatte. „Nicht so eklig wie die.“ Und wirklich angeekelt war Elli nicht. Erstens spuckte Joyce normalerweise nicht in der Gegend herum und zweitens hatte sie recht: Das war schlimm gewesen. Das weiße Gebäude vor ihnen war mit roten Rechtecken geschmückt. Fenster- und Türrahmen, auch um das Klingelschild herum. Der Fußabtreter war rot umrandet. „Warum hast du das gemacht?“ Jetzt kamen doch noch die richtigen Worte zu den Gedanken heraus. „Was?“ Elli rieb ihre Hände ineinander. „So getan, als ginge es um dich. Eben grade.“ Joyce kniff die Augen zusammen. „Ich finde, du hast schon genug Probleme, auch ohne solche Arschlöcher.“ Elli musste grinsen und gleichzeitig fast weinen. Sie mussten klingeln und eine geschlagene Minute warten. Es öffnete eine junge Frau. Undercut, Hipster-Dutt, Ohrläppchentunnel. Hundert Meter entfernt begann Gesang. Der Text schaffte die hundert Meter nicht mit ihnen, aber sie konnten sich alle ungefähr zusammenreimen, warum es ging. „Hallo! Habt ihr einen Termin?“ „Eileen Dohm“, sagte Joyce. Die Hipsterfrau zeigte ein Lächeln. „Ah, ja. Kommt rein. Darf ich Du sagen?“ „Klar. Wieder war es Joyce, die antwortete. Sie nahm Elli alles ab. Elli musste nicht mal nicken. Der Gesang schwoll an und Elli drehte sich noch einmal zu der Gruppe um, die für ihren Geschmack lange nicht weit genug weg war für. Die Frau aus der Beratungsstelle folgte ihrem Blick und verzog das Gesicht. „Tut mir echt leid. Die kommen seit zwei Tagen und wir haben noch nicht rausgefunden, was wir dagegen tun können.“ „Die Polizei rufen?“, schlug Joyce vor. Aber Elli hatte erst einmal etwas ganz anderes im Sonn, das viel wichtiger war und sie endlich zum Sprechen brachte, weil sie immer noch hier standen. „Können wir jetzt reinkommen?“ Ganz einfach. Erst einmal aus der Schusslinie heraus. „Oh! Ja, klar!“ Sie trat zur Seite und zog die Tür dabei auf. „Sorry. Ich bin Jenni. Ich mach hier mein FSJ.“ Diesmal nickte Joyce. Elli fragte: „Was ist das?“ Andere Themen waren gut. „Freiwilliges Soziales Jahr. Ich will Soziale Arbeit studiere. Vielleicht. Wie auch immer.“ Sie deutete auf eine andere Tür. „Es dauert noch zehn Minuten. Ihr könnt da warten.“ Und die anderen Themen waren offenbar sofort wieder vorbei. „Oh, und ihr könnt die Fenster natürlich zu machen. Man hört den Mist ziemlich gut auf dieser Seite des Gebäudes.“ „Garantiert Absicht“, grummelte Joyce. Jenni ließ sie allein. Eine winzige Diele, fast gar kein richtiger Eingangsbereich. Und hier drin war nichts mehr so rot wie außen, sondern hell und bunt. An der Wand zwei Holzstühle mit Metalleinfassung, die aussahen wie aus ihrer Schule geklaut. An den freien Plätzen zwischen den Türen Bilder. Muster. Figuren. Keine Fotos von Familien. Sie gingen zusammen in den Warteraum. Joyce knallte das Fenster zu. Elli versuchte zu entscheiden, auf welchen Stuhl sie sich setzen wollte, aber selbst das war eine gigantische Überforderung. Sie merkte erst, dass sie ihr Finger knetete, weil Joyce die Lippen schürzte. Sie schüttelte die Hände aus und gab einen Laut von sich, der irgendetwas zwischen einem Jammern und einem Fluchen war. Eher ersteres. Elli sah zur Tür. Sie stand immer noch offen. Sie konnte den Flur sehen. Um die Ecke war der Ausgang. „Willst du Wasser?“ Joce zog zwei Plastikbecher gleichzeitig aus der Halterung und fummelte sie auseinander. Auf Elli wirkte das mehr wie ein Befehl als wie eine Frage und sie hätte ohnehin nicht gewusst, was sie antworten sollte, also hielt sie einfach den Mund und setzte sich hin. Der Stuhl hatte ein aufgelegtes Polster. Es verrutschte unter Ellis Hintern, aber sie wollte nicht noch einmal aufstehen und es zurechtrücken. „Meinst du, das war die Beraterin?“ Diese junge Frau namens Jenni. Elli mochte Leute, deren Namen mit J anfingen. Es war ein schöner Buchstabe, vor allem, wenn man ihn englisch aussprach. „Nein, sie macht ihr FSJ. Die dürfen hoffentlich nicht beraten. Die Beraterin heißt Miriam.“ Elli nickte. Wenn sie ein Kind hätte, würde sie ihm einen Namen geben, der mit J anfing. John oder Jessica. Oder so etwas ähnliches. Das Surren des Automaten, der Kohlensäure in ihr Wasser jagte, war wunderbar laut. Danach bildete Elli sich nicht mehr ein, den Gesang von draußen noch zu hören. „Hier.“ Joyce hielt ihr einen vollen Becher vor die Nase. „Mama sagt, trinken ist das wichtigste. Sie hatte einen leeren Blick, war nicht nur hier im Raum, sondern auch irgendwo anders. Elli nahm einen Schluck, musste sich erinnern und räuspern und grinsen. „Außer Kaffee“, sagte sie. Da kicherte Joyce. Sie hörte damit so plötzlich auf, wie sie begonnen hatte, doch das Gefühl zwischen ihnen hatte sich verändert. Joyce‘ Kichern hatte die Luft abgekühlt und hielt sie jetzt ruhig, obwohl es bereits verklungen war. Joyce blieb am Wasserspender stehen und nippte an ihrem frisch gefüllten Becher. „Bist du hier, weil du die Beratung brauchst oder brauchst du nur den Schein?“ Einen Moment lang glotzte Elli ihre Freundin nur an, weil sie den Sinn der Worte nicht begriff. Also die Frage dahinter zu ihr durchdrang, senkte sie ihren Blick. „Ich weiß noch nicht, was ich mache.“ Es war ein Flüstern. „Dennis will“, aber sie brach den Satz ab. Für ein paar Sekunden war es still, aber die Ruhe und die Ehrlichkeit, die von dem Kichern gebracht wurden, war immer noch da. Deswegen sagte Joyce: „Du weißt, dass es schießegal ist, was er will, oder?“ Elli sah wieder auf. „Aber ich liebe ihn.“ Joyce ließ die Schultern kreisen. Dennis und sie kamen eigentlich gut miteinander aus. Außer Elli hatten sie nicht viel gemeinsam. Aber Eifersüchteleien um einen ihrer engsten Menschen gab es auch nicht. Joyce‘ Stimme war einige Grad kühler als sonst. „Meinst du, er ändert seine Meinung noch?“ Elli hatte so viel darauf zu antworten. Sie war schließlich nicht aus Langeweile oder Notwendigkeit heraus mit Dennis zusammen. Sie hatten sich einfach näher kennengelernt und nicht mehr die Finger voneinander lassen können. Er war verständnisvoll, wenn sie wegen einer Note geknickt war und nervte sie nicht, wenn sich seine Freunde betranken und sie bei Cola blieb, weil ihr Betrunkensein unheimlich war. Dennis war witzig und zärtlich. Er hatte sogar den Anruf bei der Gynäkologin übernommen, als Elli vor Angst wie erstarrt war. Nur das, was danach kam, war nicht mehr gut gewesen. Es war die Hölle. Und genau deswegen passte es überhaupt nicht zu ihm. „Ich weiß es doch erst seit drei Tagen. Er war geschockt.“ „Er ist nicht hier, Elli.“ Joyce seufzte. Für sie reichte das an Informationen offensichtlich aus. Elli sah weg. Ihr Blick streifte die ausgestellten Flyer. Komasaufen, ein Gesundheitsrisiko. Kindergruppe für Kinder psychisch kranker Eltern. Schwangerschaftskonflikt, hier finden Sie Hilfe. Erziehung kann man lernen. Elli konnte sich nicht vorstellen, dass irgendetwas sie dazu befähigen konnte, ein Kind zu erziehen. Oder dass irgendjemand das konnte. Sie kam ja gerade nicht einmal damit klar, sie selbst zu sein. Wie sollte sie sich denn da noch um einen anderen Menschen kümmern? „Kannst du dir irgendwas davon vorstellen?“ Elli liebte das eigentlich an ihrer besten Freundin. Sie hatte diese Art immer die wichtigen Fragen auf die richtige Weise zu stellen. Sie redete nicht drumherum. Aber heute tat das weh. „Nein.“ „Eileen?“ Gleichzeitig mit ihrem Namen ertönte ein deutliches Klopfen auf Holz. Eine Frau stand im Türrahmen zum Wartezimmer und schlug ihre Fingerknöchel dagegen. In einem Warteraum anklopfen war doch irgendwie absurd. Aber Elli sagte das nicht, sie nickte nur. Die Frau war eine ganze Ecke älter als Jenni. Wahrscheinlich fast die Generation ihrer Mutter. Ihr Haar war grau meliert und sie war ziemlich groß. „Hi! Mein Name ist Miriam Jakobs.“ Ich habe jetzt Zeit für dich. Möchtest du mitkommen?“ Sie machte keinerlei Anstalten sich aus dem Türrahmen herauszubewegen. Sie meinte die Frage ernst und wartete ab, ob Elli sich hier und jetzt beraten lassen wollte oder nicht. Aber wenn Elli weiterhin eine Wahl haben wollte, musste sie das schließlich machen. Also stand sie auf. Joyce ahmte ihre Schritte nach, von der gegenüberliegenden Wand aus, den Plastikbecher noch halb voll in der Hand. Bis zur Tür waren sie gleichauf und hielten sich wieder an den Händen. Egal, was jetzt gesagt werden würde, sie waren zusammen.